Amtsgericht Olten-Gösgen

Mit Scheren auf Mann losgegangen: Angeklagtem Coiffeur drohen über 8 Jahre Haft

Ein Streit in einem Coiffeursalon in Olten eskalierte: Ein Coiffeur ging mit mehreren Scheren bewaffnet auf einen Hilfsarbeiter los. Themenbild

Ein Streit in einem Coiffeursalon in Olten eskalierte: Ein Coiffeur ging mit mehreren Scheren bewaffnet auf einen Hilfsarbeiter los. Themenbild

Eine Scherenstecherei in Oltner Coiffeursalon: War es Notwehr oder versuchte vorsätzliche Tötung? Damit hatte sich das Amtsgericht zu befassen.

«Ich habe nicht versucht, ihn umzubringen!», beteuert der Angeklagte mehrmals während der Verhandlung vor dem Amtsgericht. Er habe sich nur verteidigt, sagt sein Verteidiger Ronny Scruzzi. Tatsache aber ist, dass dem vorbestraften R. A.* Tätlichkeiten, einfache Körperverletzung, versuchte vorsätzliche Tötung, Nötigung und Erwerbstätigkeit ohne Bewilligung vorgeworfen werden.

Die Sachlage

Was war da vorgefallen? Im Sommer 2016 kam es in einem Coiffeursalon in Olten zu einer Rauferei zwischen dem irakischen Staatsbürger und Coiffeur R. A. und einem syrischen Hilfsarbeiter A. A.*, beide zu diesem Zeitpunkt ohne Arbeitsbewilligung. Um kurz nach halb elf sei A. A. zur Arbeit erschienen. Wenige Augenblicke danach sei es zwischen den beiden zu einer verbalen Auseinandersetzung gekommen, über deren Grund unterschiedliche Aussagen vorliegen.

Während dieser Auseinandersetzung sei der Angeklagte R. A. handgreiflich geworden, indem er A. A. am Hemd packte und daraufhin mit seinen Fäusten auf ihn einschlug. Danach sei die Situation eskaliert: Mit mehreren Scheren bewaffnet sei R. A. auf das Opfer losgegangen und habe mehrmals Richtung Oberkörper von A. A. ausgeholt.

Dieser habe vielen Hieben ausweichen können, erlitt jedoch, laut Gutachten des Kantonsspitals Aarau, einen Nasenbeinbruch, eine Gehirnerschütterung, eine Stichverletzung über dem Brustbein sowie Schnittverletzungen im Gesicht und am rechten Oberarm. Erst als Blut geflossen sei, habe R.A. vom Geschädigten abgelassen. Danach habe der Beschuldigte sein Opfer genötigt, den Sachverhalt zu leugnen. Andernfalls würde er ihn töten.

Aussage gegen Aussage

«Ich habe alles versucht, damit nichts passiert», verteidigt der 42-jährige R. A. seinen Standpunkt. Zur Verhandlung erschienen ist der etwas nervöse Mann aus Bagdad in einem schwarzen Hemd und grauen Jeans. Er versuchte, sich dem Gericht mithilfe einer deutsch-arabischen Dolmetscherin zu erklären. Laut ihm sei der Auslöser der Auseinandersetzung der Kläger gewesen: Dieser sei unzufrieden mit der Arbeit, die er gemacht habe. Angestellt sei A. A. laut dem Beschuldigten nämlich nur zum Putzen und zur Kundenbedienung gewesen, habe aber stets Haare schneiden wollen. Und an jenem Morgen sei er deswegen wütend und aufgebracht im Salon erschienen. «Er ist gekommen, um Probleme zu machen», sagt der Angeklagte. Die verbale und körperliche Auseinandersetzung sei aus reiner Selbstverteidigung entstanden, R. A. habe nur gewollt, dass A. A. den Salon verlässt.

Amtsgerichtspräsidentin Eva Berset zeigte sich skeptisch gegenüber diesen Aussagen: Dem Gericht lag nämlich das Überwachungsvideo des Salons vor, das den Aussagen des Angeklagten in vielen Punkten widerspricht. Es sähe nämlich so aus, als würde nach der ersten, unbewaffneten Prügelei das Opfer eine defensive Haltung einnehmen. Berset: «Weshalb haben Sie das Opfer trotzdem mit den Scheren angegriffen?» «Ich hatte Angst», sagte der Angeklagte R. A. Auch die Nötigungsvorwürfe streitet der Angeklagte ab.

Das Opfer A. A. sieht die Sachlage ganz anders: «Ich habe eine Lösung finden wollen.» Auch er kommuniziert über die Dolmetscherin mit der Amtsgerichtspräsidentin. Er wurde auf Wunsch in Abwesenheit des Angeklagten verhört. Laut seinen Aussagen sei er an jenem Morgen beim Chef des Coiffeursalons gewesen, um das Problem mit R. A. zu besprechen. Der Mitarbeiter R. A. würde ihn nämlich nicht im Salon dulden und politische Bemerkungen fallen lassen, die nicht angebracht seien. Der Chef habe versprochen, später im Salon vorbeizuschauen, und habe ihn zur Arbeit geschickt. Im Salon habe das Opfer einen wütenden R. A. vorgefunden, der ihn dort nicht mehr haben wollte und mit allerlei Fluchwörtern beschimpft hätte. Als der Angeklagte ihn am Hemd packte, habe die Auseinandersetzung begonnen. «Es war wie ein Traum. Ich weiss nicht mehr genau, was passiert ist.» Er habe aber die Situation beruhigen und den Salon verlassen wollen, als er mit den Scheren angegriffen worden sei. Auch die erhobenen Nötigungsvorwürfe bestätigte er: Er sei mit dem Tod bedroht worden, wenn er den Ärzten oder der Polizei die Wahrheit sagen würde.

Rechtliche Konsequenzen?

Mit solch einer Wucht könne laut Gerichtsmediziner jeder Angriff auf den menschlichen Oberkörper eine schwere Körperverletzung zur Folge haben, so der anwesende Staatsanwalt Ralph Müller. Er geht daher davon aus, dass R. A. den Tod seines Opfers während seines Angriffs in Kauf genommen hat. Er plädiert angesichts der Vorstrafen des Beschuldigten, diesen in allen Punkten schuldig zu sprechen und wegen versuchter vorsätzlicher Tötung zu 8 Jahren und 10 Monaten Freiheitsstrafe zu verurteilen. Die Anwältin des Opfers ergänzt die Forderungen des Staatsanwaltes und verlangt eine Genugtuung in der Höhe von 20'000 Franken. Die Verletzungen ihres Mandanten seien zu 100 Prozent dem Angeklagten zuzuschreiben.

Der Verteidiger sah jedoch im Handeln seines Mandanten reine Notwehr: Bis zum Übergriff von A. A. habe der Angeklagte eine defensive Haltung bewahrt und erst danach aus Angst um sein Leben im «Notwehrexzess» gehandelt. Die dabei entstandenen Verletzungen seien zur Selbstverteidigung notwendig gewesen. Auch habe sein Mandant den Kläger nie mit dem Tode bedroht. Daher plädierte der Anwalt auf Freispruch in fast allen Punkten, ausser bei der Geldstrafe von 40 Tagessätzen für die Erwerbstätigkeit ohne Bewilligung. Das Urteil wird am Montag, 11. März, bekannt gegeben.

* Namen der Redaktion bekannt

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