Amtsgericht

Mit Brotmesser den Ehemann angegriffen: Einer 32-Jährigen drohen vier Jahre Gefängnis

Die Frau stach mit einem Brotmesser zu. (Symbolbild)

Die Frau stach mit einem Brotmesser zu. (Symbolbild)

Sturzbetrunken attackierte eine 32-Jährige ihren Ehemann mit einem Brotmesser und verletzte ihn am Daumen. Ihr drohen vier Jahre Gefängnis und ein Landesverweis.

Der 11. März 2018 ist ein Wendepunkt im Leben von Karina (Name geändert). Es ist die Nacht, in der sie laut Solothurner Staatsanwaltschaft versucht haben soll, ihren Ehemann zu töten.
Ob sie das tatsächlich wollte, weiss selbst die 32-Jährige nicht. Der viele Alkohol in jener Nacht war ihren Erinnerungen nicht gerade zuträglich. 3,4 Promille wurden später bei ihr gemessen. Geblieben sind Karina laut eigener Aussage nur drei Szenen. Eine zerschlagene Weinflasche. Der Ehemann, der sie zu Boden drückt. Polizisten, die die Wohnung betreten.

Doch ausgerechnet der alles entscheidende Moment fehlt. Der Moment, als sie laut Anklageschrift auf ihren Ehemann losgerannt sein soll. In ihrer ausgestreckten rechten Hand ein Brotmesser, mit dem sie zuvor ihr Lieblingsplüschtier zerschnitt. Der Vorwurf der Staatsanwaltschaft: Sie wollte das Brotmesser in den Bauch ihres Ehemanns rammen.
Die Tat klingt brutal. Die Verletzungen, die Karinas Ehemann aus der Attacke davon trug, sind vergleichsweise gering. Eine tiefe Schnittverletzung am rechten Daumen, bei der ein Nervenbündel durchtrennt wurde. Dank einer Operation muss der Mann mit keiner bleibenden schweren Beeinträchtigung rechnen.

Staatsanwältin Petra Grogg spricht vor dem Amtsgericht Bucheggberg-Wasseramt von grossem Glück. «Es ist nur dem Zufall zuzuschreiben, dass die Folge des Messerangriffs nicht der Tod des Ehemanns war.» Sprich, dass es dem Mann gelungen sei, das Messer reflexartig mit der Hand abzuwehren. Für die Staatsanwältin steht fest, dass Karina in jenem Moment bewusst den Tod ihres Mannes in Kauf genommen hat. Denn es brauche keine besonderen Kenntnisse, um zu wissen, dass ein Messerstich in den Bauch tödlich enden könne. Grogg forderte für die 32-Jährige eine vierjährige Haftstrafe wegen versuchter Tötung. Für Karina, die eine B-Aufenthaltsbewilligung besitzt, hätte ein solcher Schuldspruch noch eine weitere Konsequenz.

Er würde gemäss Rechtsprechung einen zehnjährigen Landesverweis nach sich ziehen. Wenn es aber nach dem Verteidiger von Karina geht, kommt es nicht soweit. Für ihn gab es zu keinem Zeitpunkt eine Tötungsabsicht, sondern ihr Ehemann habe nach dem Messer gegriffen. «Mit einem abgerundeten Brotmesser kann man gar niemanden erstechen.» Zudem habe seine Mandantin sogleich ihrem verletzten Ehemann geholfen. Sie holte ein sauberes Tuch. Umarmte ihn. Für den Verteidiger kommt daher allerhöchstens eine Geldstrafe wegen einfacher Körperverletzung infrage. Welches Urteil das Gericht fällt, wird erst in den nächsten Tagen bekannt gegeben.

Ehemann nimmt sie in Schutz

Wer jetzt denkt, der Ehemann wolle möglichst nichts mehr mit seiner Frau zu tun haben und sie gerne hinter Gitter sehen, täuscht sich. Im Gegenteil: Die beiden wohnen immer noch zusammen. Harmonischer denn je, wie sie beide bei der Verhandlung betonten. Dabei spürte man: Der Ehemann versuchte bei seiner Zeugenaussage, die Geschehnisse in jener Nacht zu beschönigen.

So gab er wenige Tage nach der Tat zu Protokoll: «Ich hatte das Gefühl, jetzt will sie mir was antun.» Vor Gericht aber sagte er plötzlich: «Ich hatte keine Angst, es ging alles so schnell. Ich sah gar nicht, was sie in den Händen hielt.» Er führte den Anwesenden im Gerichtssaal vor, wie gut es seinem Daumen gehe. Hingegen beklagte er sich über die sieben Wochen, in denen seine Frau in Untersuchungshaft sass. «Das war das Schwierigste. Wir haben in dieser Zeit nichts voneinander gehört. Ich war alleine.»

Dass der Ehemann die Ehefrau in Schutz nimmt, überraschte die Staatsanwältin nicht. «Gerade bei häuslicher Gewalt ist es typisch, dass Täter und Opfer sich versuchen gegenseitig zu schützen.» Vor allem dann, wenn das Opfer weiter mit dem Täter zusammen leben möchte. Doch dieser Fall sei doch ein wenig anders. «Weil die Ehefrau ist die Täterin, das Opfer der Mann.» Dies bestätigen Statistiken. Bei häuslicher Gewalt sind in rund 80 Prozent der Fälle Männer die Täter.

Typisch ist hingegen, dass im vorliegenden Fall ein Alkoholproblem eine Rolle spielt. Eine Studie des Bundesamts für Gesundheit stellte fest, dass dies in rund der Hälfte der Fälle von häuslicher Gewalt vorkommt.

Schlag auf den Hinterkopf

Karinas Anwalt beschrieb seine Mandantin als «lammfromm», ausser wenn sie Alkohol getrunken habe. Wie eben an jenem 11. März 2018. Wie so viele Male zuvor, kam Karina sturzbetrunken nach Hause und geriet sich mit ihrem ebenfalls betrunkenen Ehemann (1,85 Promille) in die Haare. So schlug sie ihrem Mann schon Minuten vor der Messerattacke eine Zigaretten-Drehmaschine auf den Hinterkopf. Dieser wiederum drückte sie mehrmals zu Boden, um sie zu beruhigen.

«Früher trank ich immer Alkohol, wenn ich Stress hatte», sagte Karina vor Gericht. Früher, denn nach der Messerattacke machte Karina in einer Klinik einen Entzug und blieb seither gemäss eigenen Angaben trocken. Dies bestätigen auch die Kontrollen durch die Behörden. Alle 19 unangemeldeten Urinproben waren negativ. Eine dementsprechend positive Prognose stellt der psychiatrische Gutachter.

Der 21. März 2018 ist ein wichtiges Datum für Karina. Es ist der Tag, an dem sie zuletzt ein Dosenbier in der Hand hielt.

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