Amtsgericht
Mann erschoss in Gerlafingen seinen Schwiegersohn - brutaler Mord oder Totschlag im Affekt?

Weil er laut eigenen Aussagen seine Tochter schützen wollte, tötete ein Mann vor etwa 3 Jahren in Gerlafingen seinen Schwiegersohn. Das Amtsgericht Bucheggberg-Wasseramt verhandelt in den nächsten Tagen über den Familienstreit.

Hans Peter Schläfli
Drucken
Teilen

War es kaltblütiger Mord oder Totschlag aus einem über Jahre aufgestauten Affekt? Darüber entscheidet in den nächsten Tagen das Amtsgericht Bucheggberg-Wasseramt. Klar ist: Am 20. Februar 2017 erschoss Saban I.* seinen Schwiegersohn Bujar A.* (Namen geändert) im Treppenhaus seines Wohnhauses in Gerlafingen. Angeklagt ist ein heute 57-jähriger Schweizer mit Wurzeln im albanischen Kulturkreis Mazedoniens. Das Interesse an der Gerichtsverhandlung war am Mittwoch riesig. Vor dem Metalldetektor im Treppenhaus des Amthauses bildete sich eine lange Schlange, als die Kantonspolizei die Zuschauer kontrollierte.

Als 18-Jähriger war Saban I. aus Mazedonien in die Schweiz eingereist. Bald heiratete er eine Frau, die ihm durch ein islamisches Zentrum vermittelt wurde. Er war fleissig und verhielt sich gut, sodass er heute Schweizer Bürger ist. Die Hochzeiten seiner beiden Töchter hatte er selber vermittelt: Die eine heiratete das spätere Opfer Bujar A., die andere dessen Bruder.

Die Tat an sich konnte durch die Staatsanwaltschaft recht genau rekonstruiert werden. Am Morgen legten die beiden Brüder dem Schwiegervater angebliche Beweise vor, dass die beiden Frauen untreu gewesen sein sollen. Als der Beschuldigte wenig später mit einer der Töchter telefonierte, wurde er Zeuge eines Streits mit massiven Drohungen. Daraufhin spitzte Saban I. elf Schuss in ein Magazin ab, nahm seine Beretta und fuhr zum Mehrfamilienhaus in Gerlafingen, wo die Familien seiner Töchter lebten. Nach einem weiteren Streit schoss der Angeklagte dem Schwiegersohn zunächst aus nächster Nähe in den Hals. Dieser war sofort querschnittsgelähmt, wie die Obduktion später ergab. Aus vier bis fünf Metern Distanz feuerte Saban I. noch einen zweiten Schuss in den Leib seines Opfers ab.

Häusliche Gewalt als Konstante im Familienalltag

Das Bild einer zerrütteten Ehe wurde durch alle Seiten bestätigt. Als erste Zeugin wurde die Tochter des Angeklagten angehört. Sie erzählte von der alltäglichen Gewalt, die ihr getöteter Mann ihr und ihren Kindern angetan hatte. Die häusliche Gewalt habe früh begonnen, erklärte Staatsanwältin Petra Grogg im Plädoyer der Anklage. Sogar während sie schwanger war, sei die Frau geschlagen worden. Um ihre ungeliebten Frauen loszuwerden, beschwerten sich die Brüder beim Schwiegervater darüber, dass die Frauen fremdgegangen seien. «Das bedeutet in der muslimisch-mazedonischen Kultur einen extremen Gesichtsverlust für das Familienoberhaupt», führte die Staatsanwältin aus. «Männer, die ihre Frauen schlagen und fremdgehen, das wird akzeptiert. Eine Frau, die fremdgeht, ist aber eine Schande und ein Verlust der Ehre für die ganze Familie.» Hier sei das Tatmotiv zu suchen.

«Ich dachte, vielleicht hat er eine Waffe, da schoss ich auf ihn, um meine Tochter zu schützen», sagte der Angeklagte. «Ich wollte ihn an der Schulter treffen, aber nicht töten.» Zum zweiten Schuss sagte er nichts. Die Anklage zeichnet ein anderes Bild. «Beide Schüsse waren gezielt und wären für sich alleine tödlich gewesen», sagte die Staatsanwältin. Eine durch forensische Experten hergestellte 3D-Rekonstruktion bestätige diesen Tathergang. «Der zweite Schuss auf das wehrlos am Boden liegende Opfer kann nur mit einer eindeutigen Tötungsabsicht erklärt werden.» Zusammen mit dem Motiv, die drohende Familienschande abwenden zu wollen, sei dies als Mord zu qualifizieren. Sie forderte eine Freiheitsstrafe von 16 Jahren und sechs Monaten.

Oder war es doch «nur» Totschlag?

«Wir sind hier, um die schreckliche Tat eines grundanständigen Familienmenschen zu beurteilen. War es Mord? Sicher nicht. Es war Totschlag im Affekt», sagte Roland Winiger. «Er hatte die Waffe zum Selbstschutz mitgenommen und nicht geplant, diese einzusetzen. Wegen des langen Leidenswegs handelte er unter einem Affektstau.» Die Verteidigung forderte eine Freiheitsstrafe von 4 Jahren im Fall einer Verurteilung wegen Totschlags, eventualiter von 6 Jahren und 6 Monaten wegen eventualvorsätzlicher Tötung. Die öffentliche Urteilsverkündung wird voraussichtlich am 26. August erfolgen.

Aktuelle Nachrichten