Die Kinder am Strassenrand weinten bittere Tränen. Kein Wunder, wurden sie doch, so die unmissverständliche Botschaft, vom bösen Staat unsanft ihren Eltern entrissen. Und das nur, weil die Kantone ihre Volksschulen vereinheitlichen wollten. Vor bald acht Jahren sorgte ein Plakat der SVP im Kanton Solothurn für Aufsehen. Unschuldige Kinder, die um ihr Leben heulten. Das sass. Im Kampf gegen die Schulharmonisierung, gegen das sogenannte Harmos-Konkordat, warnte die Volkspartei vor einem «Schulzwang für Vierjährige».

Das Plakat wurde zum Sinnbild eines emotionalen Abstimmungskampfes. Eigentlich ging es um die wegweisende Frage, ob sich Solothurn den Kantonen mit einheitlichem Schulsystem anschliessen sollte. Doch gestritten wurde zeitweise vor allem über das Eintrittsalter in den Kindergarten. Genau darum dreht sich nun erneut eine Debatte, die Politiker, Lehrer und Eltern gleichermassen beschäftigt.

Rückblende: Als 2010 über 58 Prozent der Solothurner Stimmbürger für Harmos stimmten, befürworteten sie damit ebenso, dass der zweijährige Kindergarten zu einem Teil der obligatorischen Volksschule wird. 2012 kamen die ersten Kinder in den zuvor fakultativen Kindergarten; sie wurden «eingeschult», wie das fortan eben hiess.

Dass die Wogen nach der Abstimmung nicht mehr allzu hoch gingen, dürfte vor allem daran liegen: Eltern können ihr Kind ein Jahr später in den Kindergarten schicken – ohne dafür bestimmte Gründe oder ein Gutachten vorlegen zu müssen.

Fachleute sprechen von einer ausnahmsweise Rückstellung des Kindergarteneintritts. «Wir gehen davon aus, dass nicht sehr viele Eltern von diesem Recht Gebrauch machen werden», sagte Klaus Fischer, der damalige Bildungsdirektor, im Frühjahr 2012 zu dieser Zeitung.

Der CVP-Magistrat sollte sich täuschen: Seit das neue System gilt, hat der Anteil der später eingeschulten Kinder markant zugenommen, wie Zahlen des Solothurner Volksschulamts zeigen. Die oberste Schulbehörde des Kantons hat diese gegenüber dieser Zeitung erstmals offengelegt. Wurden im Schuljahr 2012/2013 noch rund 2 Prozent der Kinder später eingeschult, sind es im laufenden Schuljahr bereits 10,6 Prozent. Anders ausgedrückt: Jedes zehnte Kind im Kanton Solothurn wird ein Jahr später in den Kindergarten geschickt als eigentlich vorgesehen.

Schulpflichtige sind jünger

Wie lässt sich das erklären? Die genauen Gründe für eine spätere Einschulung würden statistisch nicht erfasst, heisst es beim Volksschulamt dazu. «Wir können nicht mit Sicherheit sagen, ob die Eltern oder andere Instanzen entschieden haben.» Zu Letzteren zählt etwa der schulpsychologische Dienst, der die Schulfähigkeit eines Kindes beurteilt.

Unabhängig davon bestätigt Amtschef Andreas Walter jedoch: «Eine spätere Einschulung betrifft vorwiegend Kinder, die gegenüber dem alten System früher eingeschult werden.» Damit wird eine weitere Folge der Schulharmonisierung spürbar, die neue Stichtagsregelung: Massgebend war bis zum Schuljahr 2012/2013 der 30. April. Alle Kinder, die bis dahin ihren vierten Geburtstag gefeiert hatten, durften Mitte August ihre Kindergartentasche packen. Dann änderte sich das Regime schrittweise, bis der Stichtag schliesslich 2014/2015 auf den bis heute geltenden 31. Juli fiel.

Die Zeitspanne bis zur Einschulung in der dritten Augustwoche ist somit kürzer geworden. Das hat Konsequenzen: Die schulpflichtigen Kinder sind noch jünger als zuvor. Dabei, und das wissen Bildungsexperten so gut wie Eltern, machen ein paar Monate bei Kindergärtlern ohnehin schon viel aus. Die jüngsten sind vier Jahre und ein paar Wochen alt, die ältesten fünf Jahre und ein paar Wochen.

Zwölf Monate Vorsprung, die ein Leben prägen können. Der vermeintlich kleine Altersunterschied fällt, relativ betrachtet, stark ins Gewicht. «Das macht sich in unserem Alltag klar bemerkbar und verlangt eine Anpassung des Unterrichtes», sagt Doris Engeler. Die Oltnerin sitzt in der Geschäftsleitung des Solothurner Lehrerverbandes (LSO) und präsidiert die kantonale Gruppe der Kindergarten-Lehrpersonen.

Fragwürdige Rückstellungen

Die Heterogenität ist grösser geworden, beobachtet Engeler. Sie betont allerdings: Nicht zwingend seien es die jüngsten Kinder, für die der Eintritt in den Kindergarten die grösste Herausforderung darstelle. Unter dem Titel «Rückstellung beim Kindergarteneintritt» hat der LSO eigens einen runden Tisch durchgeführt; das Thema bewegt die Solothurner Lehrerschaft. Nicht wenige klagen über eine grössere Belastung im Unterricht.

Müssten demnach sogar noch mehr Kinder später eingeschult werden? Oder widerspiegeln die vielen Rückstellungen letztlich nur eine Art Gegenbewegung übervorsichtiger Eltern? Sind sie eine Reaktion auf die zahlreichen Reformen im Bildungssystem? Einer, der sich politisch mit solchen Fragen auseinandersetzt, ist Michael Ochsenbein. Der Lehrer und Präsident der CVP-Fraktion im Kantonsrat kritisiert in einem parlamentarischen Vorstoss, bisweilen würden Kinder aus «nicht nachvollziehbaren Gründen» später eingeschult.

Im Unterricht sei das zuweilen nachteilig, warnt Ochsenbein. «So können zum Beispiel überalterte Kinder häufig im kleinen Kindergarten schon lesen und schreiben, sie langweilen sich und überspringen in der Folge eine Klasse.» Auch Doris Engeler kennt diese Seite der Medaille. «Es kann sich negativ auswirken, wenn ein Kind schulreif ist, aufgrund von Bedenken der Eltern aber zu spät eingeschult wird», sagt die oberste Kindergärtnerin des Kantons.

Gemeinden vor Problemen

Probleme bereitet die hohe Zahl an Rückstellungen nicht zuletzt den Schulträgern, den Gemeinden also. Denn um die Pensen der Kindergärtnerinnen festzulegen und die Stundenpläne zu schreiben, müssen sie frühzeitig wissen, wie viele Kinder eingeschult werden. Doch wegen möglicher Rückstellungen herrscht lange Unsicherheit, was die Grösse einer Kindergarten-Klasse angeht. Landauf und landab sind entsprechende Klagen zu hören.

Als Gemeindepräsident von Luterbach steht Michael Ochsenbein selbst einem Schulträger vor. Heute stünden Eltern vor einem «Alles oder nichts»-Entscheid bei der Einschulung, bemängelt er. Vor einem Entscheid wohlgemerkt, den sie teilweise kurz nach dem dritten Geburtstag ihres Schützlings fällen müssten. Ochsenbein weiss: «Kinder erleben in diesem Alter eine enorme Entwicklung, sodass wenige Monate später die Einschätzungen der Eltern ganz anders aussehen können.»

Geht es nach ihm, ist der «Alles oder nichts»-Entscheid bald Geschichte. In einem Auftrag fordert der CVP-Kantonsrat einen weichen Einstieg in den Kindergarten. Sollte sich nach einer Probephase herausstellen, dass ein Kind dem Chindsgi-Alltag noch nicht gewachsen ist, könnten die Eltern es wieder dispensieren. Ebenso schlägt Ochsenbein einen Eintritt mit angepasstem Stundenplan vor. Demzufolge könnten die Kinder ihr Pensum langsam steigern, zu Beginn müssten sie noch nicht das ganze Programm mitmachen. Bevor Ochsenbeins Auftrag in den Kantonsrat kommt, muss der Regierungsrat dazu Position beziehen.

Eltern besser abholen

Die Lehrerschaft arbeitet ebenfalls an einer Stellungnahme zu dem Vorstoss. Nach Sicht von Doris Engeler sollte ein weicher Einstieg in den Kindergarten nicht institutionalisiert werden. «Schon heute ist ein sanfter Start unkompliziert möglich», sagt die LSO-Vertreterin. So sei es in der Praxis üblich, den Unterricht an die Bedürfnisse eines Kindes anzupassen. Die Unterrichtszeiten könnten beispielsweise reduziert und dann langsam wieder ausgedehnt werden.

Darüber hinaus verweist Engeler auf das Volksschulgesetz. Gemäss diesem entscheiden zwar die Eltern, ob sie ihr Kind ausnahmsweise später in den Kindergarten schicken wollen. Doch dafür müssen sie zumindest Rücksprache mit der Schulleitung nehmen.

Genau hier will die Kindergärtnerin ansetzen. «Man muss in solchen Eltern-Gesprächen klar aufzeigen, welche Chancen und Möglichkeiten der Kindergarten bietet», erklärt sie. Das werde heute nicht überall gleich konsequent gemacht. Ergänzend kann es laut Engeler hilfreich sein, mit seinem Sprössling dem Kindergarten bereits vor der Anmeldung einen Schnupperbesuch abzustatten. «Im Gespräch können Unsicherheiten besprochen und Fragen geklärt werden.» Das sei nach Rücksprache überall möglich, ja sogar erwünscht.

Der Eintritt in den Kindergarten ist ein grosser Schritt – aus der Geborgenheit der Familie in eine neue, aufregende Welt. Letztlich sei es nun mal so, sagt Doris Engeler, dass sowohl Kinder als auch Eltern verständlicherweise eine gewisse Angst vor dem Unbekannten hätten. «Schliesslich beginnt für alle ein neuer Lebensabschnitt.» Umso mehr müsse man signalisieren: Wir schaffen das.