Kanton Solothurn
Lehrstellenmarkt funktioniert auch in der Krise – wie es drei Lernenden in ihrem ersten Lehrjahr ergangen ist

Die Situation für Lernende im Kanton Solothurn sieht dieses Jahr trotz Pandemie nicht schlecht aus. Im August 2020 haben wir Lehrlinge zu ihrem Lehrbeginn unter Corona-Bedingungen befragt. Wie ist es ihnen ergangen? Joel Flury, Chris Berger und Gianni Bernasconi erzählen von ihrem ersten Lehrjahr.

Urs Moser und Sophie Deck
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José R. Martinez

Die Statistik zu den Schulaustritten liegt noch nicht vor, aber die aktuelle Lage auf dem Lehrstellenmarkt deutet darauf hin, dass sich die Situation auch im zweiten Pandemiejahr gegenüber dem Vorjahr kaum wesentlich verändert hat: Vor einem Jahr traten 54 Prozent der Jugendlichen, welche die obligatorische Schulzeit beendeten, eine Berufslehre an. Ohne Anschlusslösung (weiterführende Schule, Brückenangebot etc.) standen zu Ferienbeginn nur 3 Prozent da. Dieses Jahr hat man im kantonalen Amt für Berufsbildung, Mittel- und Hochschulen 2050 neue Lehrverhältnisse registriert, das sind sogar rund 80 mehr als zur gleichen Zeit vor einem Jahr. Und es gibt nach wie vor 490 offene Lehrstellen, letztes Jahr waren es zum gleichen Zeitpunkt 380.

Das ist ein positives Signal für die Jugend in einer schwierigen Zeit. Denn es zeige, dass die Solothurner Betriebe auch in der Pandemie «nicht kurzfristig entscheiden, sondern die Ausbildung von Berufsnachwuchs als Investition in die Zukunft betrachten», sagt Rudolf Zimmerli, Leiter der Abteilung Berufslehren.

Neue Lehrverträge können noch bis zu den Herbstferien zur Genehmigung eingereicht werden. Man rechnet im Berufsbildungsamt bis dahin mit total 2200 bis 2300 Lehrverhältnissen, damit lässt sich die Situation im längerfristigen Vergleich als stabil bezeichnen.

Die Nachhol-Ausbildungen für Erwachsene mitgerechnet, die in diesem Segment eine bedeutende Rolle spielen, haben dieses Jahr die Gesundheitsberufe mit 353 neuen Lehrverträgen die kaufmännische Ausbildung vom Spitzenplatz verdrängt: Das «KV» nehmen 284 Jugendliche in Angriff. Mit 202 Lehrverträgen folgen die Berufe in der Metall- und Maschinenbranche vor dem Verkauf (173 Lehrverträge) und dem Bereich Verkehr/Logistik (170).

Bis zum Ferienbeginn noch offen geblieben sind am meisten Lehrstellen im Gastgewerbe, nämlich 76. Dass die Branche mit dem Fachkräftemangel kämpft, ist nicht neu. Das dürfte damit zu tun haben, dass die Aussicht auf viel Wochenend- und Nachtarbeit bei vergleichsweise bescheidenem Verdienst für viele Jugendliche einfach keine sonderlich attraktive Perspektive bietet, auch wenn es in der Branche durchaus Fortbildungs- und Aufstiegsmöglichkeiten gibt. Allerdings dürfte gerade in der Gastrobranche mit dem zweiten Lockdown schon auch die Pandemie eine Rolle bei der Besetzung der Lehrstellen gespielt haben, so Rudolf Zimmerli vom Berufsbildungsamt. Auch in diesem Jahr war es etwa (dies allerdings auch generell) schwierig, Schnupperlehren anzubieten. Beim Kanton windet man dem Gewerbe hier aber ein Kränzchen: Sehr viele Betriebe hätten eine grosse Kreativität an den Tag gelegt, zum Beispiel mit Online-Präsentationen.

«Sehr erfolgreich», so Zimmerli, seien dieses Jahr auch wieder die vom Gewerbeverband im Auftrag des Kantons organisierten «Erlebnistage Beruf» vom 14. bis 25. Juni über die Bühne gegangen, dies dann aber erst im Hinblick auf die Lehrstellenbesetzung im kommenden Jahr.

Im August 2020 haben wir vier Lehrlinge im Kanton Solothurn zu ihrem Lehrbeginn befragt. Drei von ihnen haben wir dieses Jahr noch einmal besucht:

«Es gibt für mich keine bestimmte Arbeit, die das Buure ausmacht»: Joel Flury, 16, Landwirt-Lehrling aus Oekingen

Joel Flury gefällt sein Beruf noch genauso, wie vor einem Jahr
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Joel Flury gefällt sein Beruf noch genauso, wie vor einem Jahr

José R. Martinez

Als Joel vor einem Jahr auf dem Wigerhof in Hägendorf als Lehrling anfing, waren seine einzigen Bedenken, dass er sich vielleicht nicht mit der Familie verstehen würde.

«In der Landwirtschaft ist es halt anders als in anderen Lehrberufen. Wenn es dort Differenzen mit dem Chef gibt, dann kannst du um 5 Uhr nach Hause und mit jemandem im Vertrauen darüber sprechen. Ich gehe nur alle zwei Wochen nach Hause»,

erklärt er. Doch mit seinem Lehrmeister Christoph Haefely und auch dem Rest der Familie versteht er sich super.

Das sei besonders gut, weil Joel im vergangenen Jahr noch zusätzlich viel Zeit auf dem Hof verbracht hat. Wegen Corona blieb der Ausgang am Wochenende aus. Und somit auch die neuen Freundschaften, auf die er gehofft hatte.

«Nun kenne ich hier eigentlich niemanden», sagt er, nimmt es aber gelassen. Er habe trotzdem noch ab und zu seine Freunde von zu Hause getroffen. Und sonst habe er halt nach Feierabend mal «es Bierli gno», schmunzelt er.

Das erste Jahr fiel ihm leicht

Sowieso habe er ein bisschen schauen müssen wegen des Ausgangs. Sein Tag beginnt nämlich um 6 Uhr morgens und dauert je nachdem bis 6 Uhr abends oder später. «Und wenn plötzlich in der Nacht ein Kalb zur Welt kommt, muss ich natürlich aufstehen», fügt er hinzu.

Er mache das aber alles gerne. Christoph Haefely meint dazu noch: «Joel hat so viel Energie. Vielleicht hätte er den Ausgang gerade noch gebraucht, um den Rest loszuwerden.»

Für ihn sei vermutlich auch alles leichter gewesen, meint Joel, weil er vieles schon vom Hof seines Vaters kannte. So fällt ihm auch die Berufsschule nicht schwer, und er kann das Lernen neben den langen Tagen gut koordinieren.

Das könne für Neueinsteiger schwer sein, vor allem weil man in der Grundbildung schon Fächer wie Betriebswirtschaftslehre und Agrarpolitik hat.

Er habe auf dem Wigerhof aber schon auch einiges dazugelernt, zum Beispiel im Bereich Ackerbau. Und der Beruf gefällt ihm noch genauso wie vor einem Jahr.

«Es gibt für mich keine bestimmte Arbeit, die das Buure ausmacht, wie zum Beispiel Traktorfahren. Für mich ist das Schöne am Beruf, dass man jeden Tag von allem etwas macht»,

sagt er. Nach wie vor ist es sein Plan, irgendwann den Hof seines Vaters zu übernehmen. Das werde sicher noch 10 bis 15 Jahr dauern; er muss dazu noch weitere Ausbildungen machen und Berufserfahrung sammeln.

Vorher möchte Joel noch reisen und vielleicht auch in anderen Berufen arbeiten. Nach der Lehre könnte er sich vorstellen, für ein halbes Jahr nach Kanada zu gehen, um dort auf einem Hof zu arbeiten.

«Ein bisschen Ferien würde ich schon auch noch machen, aber gleich ein halbes Jahr am Strand liegen könnte ich sicher nicht», sagt er. Dafür mache er seine Arbeit einfach zu gern.

«Man kann beim Demontieren halt einfach machen und muss nicht schauen, ob etwas kaputtgeht»: Gianni Bernasconi, 16, Sanitärinstallateur-Lehrling aus Lohn-Ammannsegg

Gianni Bernasconi hat sich den Beruf weniger kompliziert vorgestellt
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Gianni Bernasconi hat sich den Beruf weniger kompliziert vorgestellt

José R. Martinez

Am Anfang seiner Lehre bei der Kläy Haustechnik AG in Lohn machte Gianni sich Sorgen wegen dem Rohre einlegen.

«Diese Rohre sind unter dem Boden. Wenn man da etwas falsch macht, dann kann es Wasserschäden geben und man muss, um es zu korrigieren, den ganzen Boden aufmachen», erklärt er.

Als er die Arbeit dann das erste Mal machte, sei er schon etwas nervös gewesen. Aber alles ging gut. Und nun macht ihm das Rohre Einlegen Spass. Wie auch der Rest seines Jobs.

«Man erlebt eigentlich jeden Tag etwas anderes, ausser man ist mal eine Woche lang auf der gleichen Baustelle. Und so gibt es auch immer neue Herausforderungen»,

sagt er. Diese hat er bis jetzt alle gemeistert. Natürlich sind ihm auch schon kleine Pannen passiert. Zum Bespiel, so erzählt er, musste er einmal in eine Wand bohren, um dort Wasseranschlüsse für die Küche zu setzen.

Allerdings war es nur eine dünne Zwischenwand, auf deren anderen Seite sich noch eine Treppe befand. «Dann hatte ich ein bisschen zu viel Spass beim Bohren und habe direkt durch die Wand durchgebohrt», lacht Gianni. Es war aber kein Problem, die Wand wurde mit etwas Putz wieder geflickt.

Am meisten Spass mache ihm das Abreissen, also die Demontage von Räumen. «Man kann beim Demontieren halt einfach machen und muss nicht schauen, ob etwas kaputtgeht», erklärt er.

Schwerer und leichter als erwartet

Schlussendlich ist der Job schwerer, als ihn Gianni sich vorgestellt hat. Es seien die Details, die alles komplex machen:

«Für das Verlegen von Rohren zum Beispiel gibt es eine lange Liste von Richtlinien. Wenn man da eine nicht befolgt und dann etwas kaputtgeht, dann zahlt die Versicherung nicht.»

Gianni musste diese Richtlinien, auch für andere Bereiche, alle lernen. Auf der anderen Seite fällt ihm aber ein Fach ganz leicht, vor dem er eigentlich dachte, es sei gar nicht sein Ding: Mathematik.

«Es ist nicht so abstrakt wie das Math in der Schule. Ich weiss immer genau, wofür ich das, was ich gerade lerne, brauchen werde. Und jetzt bin ich gut im Math», sagt er zufrieden. Gianni ist selbstbewusst, dass er seine Lehre erfolgreich abschliessen wird. Er könne sich auf jeden Fall vorstellen, in dem Job später zu arbeiten.

Vielleicht würde er auch noch eine Weiterbildung zum Heizungsinstallateur machen. Und nach wie vor ist es eine Idee von ihm, sich zum Lehrmeister ausbilden zu lassen.

Wenn er seine Lehre abgeschlossen hat, dann möchte Gianni erst einmal auf Reisen gehen, «Fünf Wochen einfach weg», sagt er. Dafür plant er mit einem Freund zusammen einen Roadtrip durch Amerika.

«Ich denke jetzt nie: Ich wäre viel lieber Zimmermann»: Chris Berger, 17, Schreiner-Lehrling aus La Heutte

Chris Berger hat in seinem Beruf seinen Platz gefunden
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Chris Berger hat in seinem Beruf seinen Platz gefunden

José R. Martinez

Als neuer Lehrling in der Schreinerei Hehlen in Grenchen machte sich Chris beim Einschlafen manchmal noch Gedanken, wie die Lehre wohl werden würde und was ihn alles erwarte.

Nun, ein Jahr später, rauben ihm diese Fragen nicht mehr den Schlaf.

«Ich bin voll zufrieden, wie jetzt alles ist. Es ist nichts auf mich zugekommen, was mir irgendwie nicht gefallen hätte»,

sagt er. Er habe im Schreiner-Beruf seinen Platz gefunden. Obwohl er ursprünglich einmal Zimmermann werden wollte. Diese Lehre könne er ja dann immer noch anhängen, «aber ich denke jetzt nie: Ich wäre viel lieber Zimmermann», sagt er.

Er fühle sich jetzt schon anders als noch zu Schulzeiten. Schreiner sei eben ein sehr körperlichen Beruf und dementsprechend auch anstrengender.

«Von der Schule hat man halt dann an einem freien Nachmittag nichts gemerkt. Jetzt bin ich öfter erschöpft. Nach einer langen Woche ist man dann schon froh, wenn wieder Samstag ist»,

sagt er. Sein Job mache ihm aber Freude, und so vermisse er auch die Freizeit nicht, von der er in der Schulzeit noch mehr hatte. Und er habe sich inzwischen daran gewöhnt.

Das Gleiche, einfach schöner

Das Coolste an seinem Job ist für Chris das Renovieren von Räumen und Gebäuden. Ihm gefällt daran, dass man nicht alles ersetzt und verändert, sondern «dass es nachher eigentlich noch das Gleiche ist, einfach schöner», beschreibt er.

Fehler seien ihm natürlich auch schon passiert. Er erzählt lachend, wie ihm einmal eine Fensterscheibe aus der Hand rutschte und dann an der Ecke kaputtging.

«Jetzt ist es lustig», meint er. «Aber in diesem Moment dachte ich einfach: Scheisse, was jetzt?»

Es passierte nichts Schlimmes, die Scheibe konnte trotzdem übergangsweise eingesetzt werden. Gerade letzte Woche hat sie Chris ersetzt.

Von sich selbst sagt Chris, er sei ein Planer. Er plane immer schon Anfang Woche, was er an welchem Tag fertig haben wolle. Aber nein, seine Pläne gehen nicht immer auf. «Wenn es doch aufgeht, bin ich dafür sehr zufrieden», sagt er.

So ist es bei der Arbeit. Für nach der Lehre hat Chris allerdings noch nicht so konkrete Vorstellungen. «Ich mache dann vermutlich das Militär», sagt er. Und sonst würde er noch schauen. Wenn er vorausdenke, dann eher an seine Weiterbildungen und seinen späteren Berufsalltag.

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