Lebensmittelabgabe

Lebensmittel-Bezugskarten sind rar und begehrt — neu stehen auch Working Poor mit an

Gefragter denn je: Bereitstellen für die Lebensmittelabgabe bei «Tischlein deck dich».

Gefragter denn je: Bereitstellen für die Lebensmittelabgabe bei «Tischlein deck dich».

Wegen der grösseren Nachfrage sind bei den Sozialwerken Lebensmittel-Bezugskarten rar. Gleichzeitig sind die Warenspenden rückläufig.

Nach einem Überfluss an Essensspenden im Lockdown, öffnet sich bei der unentgeltlichen Lebensmittelabgabe nun eine Schere. Die Nachfrage nimmt zu, doch das Angebot der Nahrungsmittel bewegt sich bei der Plattform Mittelland der Organisation «Tischlein deck dich» unter dem Niveau des Vorjahres. Auch die Platzverhältnisse der Abgabestellen und die Beschränkung der Bezugsscheine setzen diesen karitativen Angeboten Grenzen.

«Durch die Krise ist mit den so genannten Working Poor eine neue Kategorie von Leuten zur Lebensmittelabgabe gekommen», sagt Cornelia Sommer, Sozialarbeiterin beim Katholischen Sozialdienst Olten. «Das sind Familien, die sich mit Einkommen um 3'500 Franken knapp über Wasser hielten und durch Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit in Not gerieten.» Diese Personen reihen sich nun mit Bezügern von Sozialhilfe, Ergänzungsleistungen und IV wöchentlich vor den Abgabestellen für Nahrungsmitteln auf – sofern es ihnen gelingt, einen Bezugsschein für die begehrte Dienstleistung zu ergattern.

Die Bezugskarten sind rar und begehrt

Die Berechtigungen für den unentgeltlichen Bezug von Esswaren werden von staatlichen und kirchlichen Sozialstellen abgegeben und sind ein Jahr gültig. Das geschieht nicht nach Ermessen der Ämter, sondern bei «Tischlein deck dich» aufgrund von Kontingenten. Im Kanton stehen nach Auskunft der Verteilorganisation aktuell 622 Bezugskarten zur Verfügung. Diese werden von 54 Sozialfachstellen verteilt.

Die Kontingente sind unterschiedlich. So kann der Katholische Sozialdienst Olten 50 Karten vergeben, das Sozialamt der Stadt hingegen nur fünf. Ein Antrag zur Aufstockung auf 20 Karten sei aufgrund der grossen Nachfrage hängig, ist beim Sozialamt Olten zu erfahren. Die Sozialen Dienste Solothurn vergeben 20 Bezugskarten. Leiterin Domenika Senti sagt: «Diese sind von unserer Klientel sehr gefragt und wir könnten gerne viel mehr Karten einsetzen. Betrieblich sei dies gemäss Aussage von Tischlein deck dich leider nicht möglich.» Bei den Sozialen Diensten Oberer Leberberg war das Kontingent von 50 Karten bereits vor der Krise ausgeschöpft, wie Leiter Reto Kämpfer sagt «und die Familien nutzen das Angebot auch wirklich».

Der Verein «Dienst am Nächsten» (DaN) in Olten vergibt Bezugsscheine selbst, nach denselben Kriterien wie die übrigen Verteilorganisationen, doch ohne Kontingentierung. Diese Abgabestelle bezieht die Lebensmittel von der «Schweizer Tafel» und Migros Aare, wie Leiter Matthias Stadler erklärt. Mit bisher 60 bis 70 Bezügern habe DaN noch freie Kapazität für Familien in Notsituationen.

Weniger Überschuss in der Lebensmittelproduktion

Eine zunehmende Nachfrage stellt man auch im Zentrallager Mittelland von «Tischlein deck dich» in Grenchen fest. Roger Bochinski, stellvertretender Plattformleiter Mittelland, schätzt, dass die Nachfrage seit dem Juni um rund ein Fünftel zugenommen hat. Das Angebot an Nahrungsmittelspenden liege derzeit hingegen ein Fünftel unter dem Vorjahresniveau. Besonders Grundnahrungsmittel wie Salz, Reis, Teigwaren und Mehl seien Mangelware. Letzteres habe allerdings mit der Krise nichts zu tun, sondern sei allgemein festzustellen.

Da ist die einmalige Grossspende von IP-Suisse und Denner von 120 Tonnen im August an «Tischlein deck dich» besonders willkommen. Über 30 Tonnen davon kamen zur Plattform Mittelland. «Das Geschenk umfasste hochwertige Nahrungsmittel wie Öl, Mehl und haltbare Fleischwaren. Wir haben uns wirklich extrem gefreut», sagt Bochinski. Zu Beginn des Lockdowns seien von Restaurantzulieferern und anderen Lebensmittellieferanten solche Mengen an Esswaren gekommen, dass die Plattform organisatorisch an ihre Grenzen kam. Inzwischen, so vermutet Bochinski, hätten die Lebensmittelhersteller die Produktion so gedrosselt, dass kaum mehr Überschuss anfällt. «Wovon wir nun profitieren, sind Lagerräumungen von Restaurants, die schliessen müssen.»

Das Kreuz mit den geheizten Räumen

Jetzt, da es kalt wird, wollen die Abgabestellen ihren Klienten ein warmes Plätzchen bieten. Doch das verträgt sich schlecht mit den geltenden Hygienemassnahmen. Beim Verein DaN möchte das Team das Café wiedereröffnen, was vorerst aber nicht möglich sei. Nun überlegt man sich, den Wartenden warme Getränke anzubieten. Leiter Stadler sagt: «Von unserem Team sind immer Personen draussen mit den anstehenden Bezügerinnen und Bezügern, nicht nur, um für das Einhalten der Covid19-Regelungen zu schauen, sondern vor allem, um mit den Menschen zu sprechen und sie zu ermutigen.»

Bei der «Tischlein deck dich»-Abgabestelle bei der Heilsarmee in Solothurn, erklärt Leiterin Rosmarie Schärli, dass das Team mit der katholischen Kirchgemeinde Zuchwil über eine neue Abgabestelle in Verhandlung sei. «Das würde es uns ermöglichen, die Leute wieder an die Wärme zu holen. Ausserdem müssten wir Helfer dann nicht mehr permanent im Durchzug arbeiten, wie das jetzt leider der Fall ist.» Schärli hofft, dass der Umzug im November stattfinden kann. Damit verbindet sie die Hoffnung, dass die Klienten bei der Auswahl der Produkte wieder mitreden und nicht mehr nur einen abgefüllten Sack in Empfang nehmen. Die hygienetechnisch geforderte Abpackmethode habe vor der Tür jeweils zu regen Tauschgeschäften der Bezüger geführt. «Man kennt sich und die Leute wissen sich zu helfen», so Schärli.

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