Nachwuchs fehlt

Landwirt-Lehrstellen bleiben unbesetzt – Wallierhof will Vorurteile abbauen

Junglandwirte haben, auch ohne bäuerlichen Hintergrund, gute Beschäftigungsaussichten nach der Berufslehre, heisst es im Wallierhof. (Symbolbild)

Junglandwirte haben, auch ohne bäuerlichen Hintergrund, gute Beschäftigungsaussichten nach der Berufslehre, heisst es im Wallierhof. (Symbolbild)

Rund 20 Ausbildungsplätze bei Bauernbetrieben im Kanton Solothurn bleiben unbesetzt. Das Bildungszentrum Wallierhof arbeitet daran, vermehrt Nachwuchs ohne bäuerlichen Rucksack zu rekrutieren.

Ruhe herrscht im grossen Gebäude des Bildungszentrums Wallierhof, hoch oben in Riedholz. Sommerferien. Ansonsten besuchen dort gegen 70 junge Männer und (wenige) Frauen die landwirtschaftliche Berufsfachschule, um sich zum Landwirt EFZ ausbilden zu lassen. Wenn es im August wieder losgeht, werden aber nicht alle dreijährigen Ausbildungsplätze besetzt sein.

«Noch knapp 20 freie Lehrstellen als Landwirt oder Agrarpraktiker hat es für das kommende Schuljahr 2016/17 im Kanton Solothurn», hiess es kürzlich – nur wenige Wochen vor dem Schulstart im August – auf der Homepage des Solothurner Bauernverbandes. Grund genug, im Wallierhof nachzufragen, wo die Rekrutierungsprobleme liegen.

Mit bäuerlichem Hintergrund

«Das ist nicht aussergewöhnlich. Es wird kein ‹schlechter Jahrgang› sein», beruhigt Edith Schöni, Landwirtschaftslehrerin und Lernenden-Betreuerin im Wallierhof. Es könnten fast nie sämtliche Ausbildungsplätze besetzt werden. Die von ihr angeführten Gründe sind deckungsgleich mit jenen, die zu unbesetzten Lehrstellen für handwerkliche und industrielle Berufe führen. Aus demografischen Gründen sinke die Zahl der Schulaustretenden, und der Beruf Landwirt kämpfe mit einem Imageproblem. 

Schmutzige Hände, körperlich harte Arbeit und wenig berufliche Entwicklungsmöglichkeiten. Letzteres gelte vorab bei Jugendlichen, die in städtischen Agglomerationen aufwuchsen und das bäuerliche Umfeld gar nicht kennen, beobachtet Schöni. So besitzt denn auch die grosse Mehrheit der Lernenden einen bäuerlichen Hintergrund. Aber es gibt auch einen agrarspezifischen Grund. «Der laufende Strukturwandel in der Landwirtschaft führt dazu, dass jedes Jahr zahlreiche Betriebe schliessen und dadurch gibt es auch weniger innerfamiliäre Hofnachfolger, die den Beruf des Landwirtes ergreifen wollen.»

Widerstand der Eltern

Nicht zuletzt deshalb arbeitet der Wallierhof als kantonales Ausbildungszentrum für die Agrarwirtschaft daran, vermehrt Nachwuchs ohne bäuerlichen Rucksack zu rekrutieren. Das ist aber hartes Brot, weiss Schöni. Der Widerstand der Eltern sei jeweils gross und selbst Lehrkräfte würden immer wieder ihren Schülerinnen und Schülern vom Beruf des Landwirtes abraten. Grund: Ohne Bauernhof im Rücken gebe es wenig Beschäftigungschancen nach der Berufslehre.

Dies scheint nicht ganz aus der Luft gegriffen, zumindest wenn es um die Übernahme eines Hofes geht. Die Kleinbauern-Vereinigung hat dieser Tage gemeldet, dass Nachwuchsbauern ohne eigenen Hof grosse Mühe hätten, einen Betrieb zu übernehmen. Begründet wird dies mit rechtlichen, finanziellen und sozialen Hürden für eine ausserfamiliäre Übernahme.

«Allrounder, die anpacken»

Trotzdem widerspricht Schöni der Aussage, dass die Beschäftigungsaussichten für einen Landwirt grundsätzlich gering seien. So gebe es zwar immer weniger Bauernbetriebe, aber die Landwirtschaftsfläche verringere sich wegen Betriebszusammenlegungen nicht im selben Ausmass. Das bedeute, die Arbeit gehe nicht aus. Anstelle in vielen, vielen Kleinbetrieben würde diese halt in zahlenmässig weniger, aber grösseren Betrieben anfallen. Und gerade dort steige der Bedarf an gut ausgebildeten Fachkräften.

Auch im vor- und nachgelagerten Bereich zum Bauernbetrieb gebe es interessante Arbeitsplätze. Sei es als Angestellter eines Lohnunternehmers, Betriebshelfer oder etwa innerhalb des Agrarkonzerns Fenaco. Gerade dort seien Fachkräfte mit einer landwirtschaftlichen Grundbildung gefragt. Auch in agrarfremden Branchen seien ausgebildete Landwirte sehr «beliebt». «Sie sind Allrounder mit einer breiten Ausbildung – vom Pflanzenbau, Tierhaltung bis hin zur Betriebswirtschaft, sie können mit Tieren umgehen und sie können anpacken.»

Zudem seien die Weiterbildungsmöglichkeiten gross. Sei es zum Betriebsleiter, Agrotechniker, Agrokaufmann, Meister-Landwirt oder mit der Berufsmatura sei ein Bachelor-Studium an einer Fachhochschule möglich. «Das durchlässige Ausbildungsmodell ermöglicht eine so breite Palette an Karrierechancen wie in anderen Berufen auch.»

Solothurn kein Einzelfall

Die Problematik – unbesetzte Lehrstellen und Fachkräftemangel – macht vor den Kantonsgrenzen nicht halt. So sind etwa auf der Homepage des Berner Bauernverbandes über 100 offene Stellen für das 1. Lehrjahr ab August 2016 gemeldet. Deshalb haben die Berner unlängst eine breit angelegte Berufswerbekampagne lanciert.

Auf Plakaten, in Werbeauftritten und auf Facebook stellen drei Lernende mit dem Berufsziel Landwirt sich und ihren Beruf vor. Im Solothurnischen sei eine solche Aktion noch kein Thema, sagt Schöni. Man konzentriere sich vorerst noch stärker auf Messeauftritte. So versuche die Branche, die Attraktivität des Berufes Landwirt beispielsweise an der Heso in Solothurn oder jeweils an der Berufsinfo-Messe in Olten aufzuzeigen.

Von den rund 80 Ausbildungsbetrieben im Kanton Solothurn sind nicht alle gleich stark vom Lehrlingsmangel betroffen, wie Edith Schöni weiter ausführt. Es gebe durchaus Betriebe, welche nie ein Problem mit der Stellenbesetzung hätten. Andere wiederum, die einseitig auf einen Betriebszweig ausgerichtet seien oder geografisch sehr abgelegen seien, hätten dagegen mehr Mühe.

So oder so, Edith Schöni freut sich auf das neue Schuljahr im Wallierhof mit viel Betrieb, wo sie seit 2003 in einem Teilzeitpensum das Fach Tierhaltung unterrichtet. Die 39-Jährige kann dabei als «Frau von der Front» auch aus der Praxis berichten. Sie stammt aus einer Bauernfamilie im Gäu, absolvierte das Agronomiestudium an der ETH Zürich und führt mit ihrem Mann einen Landwirtschaftsbetrieb in Welschenrohr.

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