Corona-Massnahmen

Kurzarbeitsanträge: Über das Arbeitsamt ist die Welle längst hereingebrochen

Weniger Aufträge, weniger Arbeit, weniger Einnahmen: Um Entlassungen zu verhindern, müssen Firmen Kurzarbeit anmelden.

Weniger Aufträge, weniger Arbeit, weniger Einnahmen: Um Entlassungen zu verhindern, müssen Firmen Kurzarbeit anmelden.

Die Kurzarbeitsanträge beim Solothurner Amt für Wirtschaft und Arbeit explodieren förmlich. Bis am Dienstag Mittag waren es 217 – mehr als doppelt so viel wie in den beiden Vorjahren zusammen.

Es ist ein Tsunami, der derzeit über das kantonale Amt für Wirtschaft und Arbeit (AWA) hereinbricht. Das wird einem spätestens bewusst, wenn man versucht, jemanden beim AWA zu erreichen. «Ihr Anruf befindet sich als 21. in der Warteschlaufe», sagt eine elektronische Frauenstimme beim Anruf kurz vor 11 Uhr. Es dauert fast eine Viertelstunde, bis wirklich jemand vom Amt abnimmt. Laufen die Drähte heiss? «Wir haben schon ein paar Telefone, ja», sagt die Frau am anderen Ende und lacht verschämt.
Seit dem ersten Corona-Fall in der Schweiz hat sich die Lage immer mehr zugespitzt. Nicht nur für das Gesundheitssystem, auch für die Wirtschaft. Exponentiell stieg nicht nur die Zahl der Infizierten, sondern auch die der Anträge auf Kurzarbeit. Es sind Kurven wie Sprungschanzen. Alles geht durch die Decke.

Waren es am Freitag, 6. März, noch 13 Anträge auf Kurzarbeit im Zusammenhang mit Corona, verzeichnete das AWA Solothurn am Dienstag Mittag 217 Gesuche. «Die Zahlen verändern sich momentan im Minutentakt. Die Tendenz ist klar zunehmend», sagt Sarah Koch, Kommunikationsbeauftragte des AWA. Insbesondere in den letzten Tagen seit der Verschärfung der Massnahmen durch den Bundesrat ist die Zahl der Gesuche förmlich explodiert. Seit Freitagmittag sind über 150 Gesuche hereingeflattert. Noch am Freitag sagte Jonas Motschi, Leiter des AWA: «Natürlich geht es schneller, wenn alles richtig ausgefüllt ist. Aber es gibt immer wieder Situationen, in denen wir nachfragen müssen, wie genau der Zusammenhang zu Corona ist.» Der Kanton prüfe grosszügig, aber nicht fahrlässig. Denn: «Wir wollen keine Trittbrettfahrer», so Motschi. Unterdessen ist Motschi in Selbst-Quarantäne. Die Stellvertretung sei sichergestellt, versichert die Kommunikationsbeauftragte Koch.

Hotline für Kurzarbeit-Gesuchstellende

Bis Freitag hätte man die meisten Gesuche noch innert ein bis zwei Tagen beantwortet gehabt, so Motschi. Ob das künftig auch noch möglich ist, scheint eher unwahrscheinlich. Obschon die AWA-Experten auf Hochtouren arbeiten. Aber die Flut von Anträgen in den letzten drei, vier Tagen hat Spuren hinterlassen. Bis Dienstagmittag waren von den 217 Gesuchen 100 bearbeitet, 94 wurden gutgeheissen nur deren 6 abgelehnt. Zum Vergleich: Im gesamten Jahr 2018 wurden beim AWA Solothurn 33 Gesuche auf Kurzarbeit eingereicht, im Folgejahr waren es 49. Nun also waren es in den letzten drei Wochen weit mehr als doppelt so viele wie in den beiden Vorjahren zusammen.

Um dieser Flut gerecht zu werden, hat sich das AWA auch neu organisiert. Koch dazu: «Die Ressourcen werden dort eingesetzt, wo sie gebraucht werden.» Rollende Planung nennt man das im Fachjargon. Dazu gehört auch, dass man eine Hotline für Erstauskünfte eingerichtet hat. Insbesondere dafür hat man zusätzliche Ressourcen mobilisiert. Damit die Unternehmer möglichst rasch Bescheid und in der Folge möglichst schnell zu Kurzarbeitsentschädigungen kommen.

Denn Kurzarbeit ist in der Corona-Krise das wohl wichtigste Mittel zur Stärkung der Wirtschaft. Unternehmer können es für einen Teil oder die gesamte Belegschaft beantragen. In einem ersten Schritt für drei Monate. Sie kann aber bis zu zwölf Monate ausgeweitet werden. Dabei übernimmt die kantonale Arbeitslosenversicherung 80 Prozent des Lohnausfalls. Ziel des Bundes ist es, dass so möglichst viele Arbeitsplätze erhalten bleiben. Deshalb hat er ein beschleunigtes Bewilligungsverfahren für Kurzarbeit gutgeheissen. Aussergewöhnliche Zeiten erfordern aussergewöhnliche Massnahmen.

Übrigens der häufigste Grund für ablehnenden Bescheid war, dass die Antragssteller Selbstständige waren. Diese können aber keine Kurzarbeit beantragen. «Das ist ein grosses Problem. Der Bund beschäftigt sich damit und ich gehe davon aus, dass man auch hier Massnahmen ergreifen wird», sagte Amtsleiter Motschi am Freitag.

Situation in Nachbarkantonen ähnlich dramatisch

Ähnlich dramatisch wie in Solothurn haben sich übrigens auch die Zahlen in benachbarten Aargau entwickelt. Von knapp über 20 Gesuchen am 6. März schnellte die Zahl bis am Dienstagmittag auf rund 250 Gesuche hoch. Um dieser Flut von Anträgen gerecht zu werden, hat das Amt die Kapazitäten hochgeschraubt. Kurzarbeitsexperte Stephan Nauer sagt: «Wir haben die Ressourcen des Bewilligungsteams seit März von 60 auf 300 Stellenprozent erhöht.» Zusätzlich hat man andere Leute aus dem Amt einer «Ad-hoc-Schnellausbildung» unterzogen, damit sie Unternehmern die wichtigsten Fragen am Telefon beantworten können. So werden Experten entlastet und Gesuche konnten bis jetzt innert drei Tagen zum Abschluss gebracht werden.

Da sich die Lage des AWA in Aargau aber ähnlich rasch zuspitzte wie in Solothurn, waren am Dienstag noch rund 60 Gesuche in Bearbeitung. Obschon Nauer sein Team schon diese Woche auf 500 Stellenprozent aufstocken will. Gerade mit der vom Bundesrat ausgerufenen ausserordentlichen Lage droht sich die Lage der Unternehmen, weiter zu verschärfen. Giovanni Pelloni, stellvertretender Leiter des Amts, sagt: «Wir müssen die Lage von Tag zu Tag neu beurteilen. Aber natürlich ist klar, dass wir die Tiefe der Prüfung in dieser aussergewöhnlichen Lage herunterfahren.» Man lasse den Fünfer auch mal gerade sein. Abgelehnt hat man nur eine Handvoll der Gesuche.

Auch im Baselland, im Jura und im Kanton Bern sind die Entwicklungen ähnlich dramatisch. Die Zahlen gehen durch die Decke. Und Nicolas Ackermann, Ökonom und Spezialist für Kurzarbeit im Jura, sagt: «Es gibt keinen Zweifel, dass wir in den nächsten Tagen noch zahlreiche weitere Anträge auf Kurzarbeit aufgrund des Corona-Virus erhalten werden.» Das gilt für alle Kantone. Denn das öffentliche Leben steht zu weiten Teilen still. Und mit ihm ein Teil grosser Teil der Wirtschaft.

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