Urteil
Keine 40 Monate Gefängnis: Frühere Bordellbetreiberin erreicht vor Obergericht eine mildere Strafe

Das Obergericht reduzierte das erstinstanzliche Strafmass – auch weil das Verfahren zu lange ruhte.

Ornella Miller
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Die thailändische Frau hatte in der Solothurner Vorstadt ein Bordell betrieben. (Symbolbild)

Die thailändische Frau hatte in der Solothurner Vorstadt ein Bordell betrieben. (Symbolbild)

Keystone

Eine frühere Thai-Bordellbetreiberin der Solothurner Vorstadt muss nicht 40 Monate ins Gefängnis, wie die Vorinstanz entschieden hatte, sondern erhielt vom Obergericht nur 18 Monate Gefängnis bedingt bei einer Probezeit von zwei Jahren. Die bedingte Geldstrafe ist nun jedoch höher: Statt 50 sind es 310 Tagessätze.

Die eingebürgerte Schweizerin mit thailändischen Wurzeln Dao S. (Name geändert) hatte sich gegen das Urteil vom Juli 2019 des Amtsgerichts Solothurn-Lebern wegen mehrfachen Menschenhandels und mehrfacher Förderung der Prostitution gewehrt. Die Verurteilung wegen mehrfacher Förderung des rechtswidrigen Aufenthalts in Bereicherungsabsicht und mehrfacher Beschäftigung von Ausländerinnen und Ausländern ohne Bewilligung hatte sie aber akzeptiert. Die Taten geschahen von Februar 2012 bis März 2013. Konkret ging es beim Menschenhandel und der Förderung der Prostitution um drei Sexarbeiterinnen beziehungsweise Transsexuelle mit thailändischer Abstammung.

Staatsanwalt Jan Gutzwillers Ausführungen vor Gericht fielen nur knapp aus – er hatte keine Berufung eingelegt und eben genau diese 40 Monate Haft gefordert. In der Anklageschrift werden die drei Sexarbeiterinnen als «wehrlose Prostituierte» geschildert, über die Dao «wie Objekte» verfügte. Sie seien «besonders verletzlich» und in einer «Zwangslage» gewesen. Ihnen blieb «nichts anders übrig, als sich ihrem Schicksal zu ergeben und die von der Beschuldigten vorgegebenen Arbeitsmodalitäten bedingungslos zu akzeptieren, ansonsten hätten sie ihren Rausschmiss riskiert».

Über Detailbedingungen – wie ständige Verfügbarkeit – seien sie vorgängig falsch oder unzureichend informiert worden. Die Schulden von 15'000 bis 30'000 Franken für Visabeschaffung, Reise und Vermittlung hätten sie zurückzahlen müssen, indem sie die Hälfte ihrer Einnahmen ihren «Agenten» geben mussten. Die andere Hälfte habe Dao für Logis und Internetwerbung einkassiert. Es könne nicht von «selbstbestimmter Prostitution» ausgegangen werden.

Menschenhandel «nur» in zwei Fällen

Verteidiger Dominik Schnyder bemängelte die fehlenden Beweise: «Es gibt viel zu viele Annahmen.» Beispielsweise sei unklar, wie lange die Frauen für Dao arbeiteten. Es seien bloss zwei Wochen bis drei Monate gewesen. Die allgemeinen Verhältnisse beim Sexarbeiter-Menschenhandel seien zwar menschenverachtend, aber hier könne «überhaupt nicht von Gewalt» gesprochen werden.

Die Frauen hätten weitgehend machen können, was sie wollten. Belege dafür, dass Dao selber Zahlungen an die Agenten vorgenommen habe oder dass sie die Frauen bestellt hätte, gebe es nicht. Menschenhandel habe sie höchstens «fahrlässig in Kauf genommen». Da ein «erheblicher Mangel an Kunden» bestanden habe, sei es «realitätsfremd», dass man Dao beschuldige, detaillierte Regeln erlassen zu haben.

Er kritisierte, nur auf die Aussagen der drei Frauen abzustellen. Denn die möchten möglichst lange in der Schweiz bleiben, was sie durch Ausdehnung des Strafverfahrens erreichten. Strafvollzug solle Straffällige wiedereingliedern. Eine Freiheitsstrafe «desozialisiere» Dao jedoch, sie drifte so ins gleiche Milieu ab, aus dem sie sich herausgelöst habe. Schnyder forderte nebst Geldstrafe höchstens 24 Monate bedingte Haft.

Daos Erscheinung vor Gericht wirkte wie die einer behutsamen Geschäftsfrau. Die grazile 53-jährige Mutter dreier Kinder denke viel über die Taten nach, das Verfahren belaste sie. «Es ist Karma, ich muss einfach nehmen, was für mich bestimmt ist.» Doch sie denke an ihren behinderten Teenager, sagte sie weinend: «Wenn ich ins Gefängnis muss, bin ich nicht böse, aber ich mache mir Sorgen um meinen Sohn.»

Das Gericht mit Hans-Peter Marti, Daniel Kiefer und Rolf von Felten stellte auf die Aussagen der Prostituierten ab, differenzierte jedoch, bei einer liege kein Menschenhandel vor. Auch weil das Verfahren zu lange ruhte und wegen Daos schwieriger Jugend gab es Strafreduktion. Die Genugtuungen von insgesamt 17'000 Franken bestätigte das Gericht aber.