Wer beim Wort «liberal» sofort an die Wirtschaftsparteien FDP und SVP denkt, muss nicht immer richtig liegen. «Oft sind die Unterstützer von Freiheit in wirtschaftlichen Dingen sehr unliberal, wenn es um gesellschaftliche und individuelle Freiheiten geht, und umgekehrt», hält jemand fest, der es wissen muss.

Jürg Liechti ist treibende Kraft beim Solothurner Forum für Liberalismus, das für die diesjährigen National- und Ständeratswahlen bereits zum vierten Mal ein Liberalismus-Ranking erstellt hat. Ausgewertet wurden die Antworten der Solothurner Kandidierenden auf der Internetplattform Smartvote. 117 von 147 Anwärtern hatten am Stichtag die Fragen beantwortet.

«Keine politische Partei hat sich mit ihrer Positionierung voll und ganz auf die Unterstützung der Freiheit konzentriert», hält das Forum fest. Letztlich sind es aber dann doch die «üblichen Verdächtigen», die gut abschneiden: Unter den zehn Liberalsten hat es fünf Jungfreisinnige, vier Freisinnige und einen Kandidaten der Jungen CVP. Die «Sieger» stimmen zu 50 bis 70 Prozent mit den vom Forum vorgegebenen ideal-liberalen Antworten überein.

FDP-Nationalrat Kurt Fluri schafft es als einziger bisheriger Bundesparlamentarier unter die Top Ten, nämlich auf Rang 9. Von den Bisherigen das nächstbeste Rating hat Roland Borer (SVP) auf Rang 28. Bis zum drittplatzierten Bisherigen dauert es dann schon ziemlich lange: Pirmin Bischof (CVP) liegt auf Rang 43.

Besonders liberale Jungfreisinnige

Die Nase vorn haben die Jungfreisinnigen. Sie belegen gleich die ersten fünf Plätze. Liberalster Kandidat ist Timon Lanz (Oensingen), gefolgt von den beiden Parteikollegen Luca Fluri (Härkingen) und Yannick Bapst (Selzach). 

Auf den letzten zehn Plätzen findet man zwei Vertreter der EDU, zwei von der EVP, je einen von der SVP, der Jungen CVP und einen Parteilosen – sowie drei Vertreter der SP, darunter den amtierenden Nationalrat Philipp Hadorn, Kantonalpräsidentin Franziska Roth und die bisherige Fraktionschefin im Kantonsrat, Fränzi Burkhalter. Die drei unliberalsten Kandidaten sind Adrian Roth (EDU, Deitingen), Elisabeth von Arx (JCVP, Neuendorf) und Eduard Winistörfer (EDU, Winistorf).

Gesellschafts- vs. wirtschaftsliberal

Das Forum für Liberalismus hat auch die Parteien bewertet. In diesem Ranking siegen die Jungfreisinnigen vor FDP und Grünliberalen. Auf Platz vier folgt die BDP, noch vor der Jungen CVP und der CVP. Die SVP folgt erst auf Platz 7, gefolgt von der Jungen BDP und dem links-grünen Lager. Am Schluss des Rankings stehen EVP und EDU. «Dass die «freiheitsorientierten» Parteien vorne und die rechts-religiösen am Schluss liegen, ist nicht wirklich überraschend», hält Liechti fest.

«Interessant ist aber, dass im Vergleich zum Rating bei den Kantonsratswahlen 2013 die SVP liberaler geworden ist und die Linksparteien und die Grünen Freiheits-Terrain verloren haben.» Liechti vermutet, dass dies auch mit einem veränderten Fragen-Mix von Smartvote zu tun hat, der «eher weniger gesellschafts- und ordnungspolitische Fragen enthielt als wirtschaftspolitische». Denn bei gesellschaftspolitischen Fragen würden sich die Linksparteien traditionellerweise eher liberal und die SVP eher autoritär verhalten. «Bei den wirtschaftspolitischen Fragen verhält sich dagegen die SVP normalerweise eher liberaler.»

Ständerat: Meister vorne

Bei den Ständeratskandidaten hat FDP-Frau Marianne Meister die Nase vorne. Sie liegt auch bei den Nationalratskandidaten auf Platz 6 «und ist damit sogar die liberalste Freisinnige». Zu 56 Prozent stimmt sie mit den Wunschantworten des Forums überein. Danach folgt bei den vier Ständeratskandidaten Pirmin Bischof mit einem Skore von 16 Prozent und Walter Wobmann mit knapp 10 Prozent.

Roberto Zanetti liegt mit einem Skore von –6 Prozent klar am Schluss der Ständerats-Rangliste. «Innerhalb der SP-Kandidierenden ist dieses Skore indessen immer noch gutes Mittelfeld», hält das Forum für Liberalismus fest.

Das Rating sei zugegebenermassen «eine eindimensionale Angelegenheit und es wäre nicht unproblematisch, als Wähler einzig darauf abzustellen», sagt Liechti. Freiheit sei aber ein wichtiger Wert, «der es verdient, hochgehalten und unterstützt zu werden.» (mgt/lfh)