Als sich der heute siebzigjährige Rentner an seinem Wohnort im Jahr 2013 an seinem vierjährigen Enkel verging, war es das eine Mal zu viel. Lukas (alle Namen geändert) berichtete seiner Mutter, dass Werner K. ihm durch die Hose an den Penis gegriffen und das Glied dreimal je 30 Sekunden gestreichelt habe.

Eine Berührung am Penis beim Gleiten über die Hose gab der Beschuldigte am Prozess zwar zu, er habe den unter Heimweh leidenden Jungen aber eigentlich nur trösten wollen. Ein Jahr danach gingen die Mutter, die von ihrem Vater einst selbst missbraucht worden war, und der mittlerweile Fünfjährige zur Polizei und erstatteten Anzeige.

Damit kam ein Fall ins Rollen, der weit mehr Jahre und Opfer aus dem Verwandtenkreis umfasst, als gestern vor dem Richteramt Olten während der Hauptverhandlung zur Diskussion standen.

Auf Antrag von fünf Privatklägern hatte die Staatsanwaltschaft Anklage gegen Werner K. wegen mehrfacher sexueller Handlungen mit Kindern, wegen mehrfacher versuchter sexueller Handlungen mit einem Kind sowie wegen Pornografie erhoben. Die beanstandeten elf vollzogenen Übergriffe betrafen einen 15-jährigen Zeitraum ab 1998, wobei sich ein Vorhalt während des Prozesses als verjährt erwies.

Sexuelle Handlungen an Kindern unter 12 Jahren können dagegen nicht verjähren. Stephanie Selig wies als Rechtsanwältin der teilweise im Gerichtssaal anwesenden Opfer darauf hin, dass schon vor der Verfahrenseröffnung sieben Vorfälle mit dem nun diagnostizierten und in Therapie befindlichen Pädophilen verjährt seien. Hätten alle Verwandten ihr Schweigen gebrochen, wären ihrer Meinung nach gar die Erlebnisse von elf Familienmitgliedern öffentlich geworden.

Im Boot und im Pfadiheim

Neben dem Enkel litten laut Anklageschrift vier Nichten, Neffen und Patenkinder unter den Zudringlichkeiten von Werner K. Der schlimmste einzelne Sachverhalt ereignete sich in den Augen von Staatsanwalt Erich Kuhn an der maximal achtjährigen Romana während Familienferien in Spanien, als Werner K. ihre erogenen Zonen streichelte, sie mit einem Finger in der Vagina befriedigen wollte und sie zur Geheimhaltung über das Vorgefallene aufforderte.

Der Tatverdächtige behauptete dagegen, Romana beim Gute-Nacht-Wünschen bloss über die Kleider gestreift zu haben. Dass sich zudem beim Schlafen unter dem Sternenhimmel sein Penis enthüllt habe («ich schlafe immer nackt»), sei Zufall gewesen.

Insgesamt am meisten unter seinem Onkel habe Fabian gelitten, gab die Rechtsvertreterin der Privatkläger zu Protokoll. Der Knabe wurde im Alter von 7 bis 15 Jahren fünfmal zu sexuellen Handlungen gezwungen und widersetzte sich an Familienfesten mindestens ebenso viele Male solchen Versuchen.

In einem Pfadiheim, wo sich die Grossfamilie jeweils an Ostern traf, soll der Beschuldigte Fabian im Massenlager zwischen die Beine gegriffen und dessen Geschlechtsteil berührt haben. Werner K. sah diesen Vorfall anders: «Ich habe im Schlaf den Arm ausgestreckt, dann stand er mitten in der Nacht auf.»

Das einzige Geständnis legte er zu einer Fahrt im Gummiboot ab, als er allein mit Fabian auf dem Hallwilersee war. «Da habe ich ihm die Badehose heruntergezogen. Das gebe ich zu und entschuldige mich.» Manipulationen an dessen und am eigenen Penis verneinte er jedoch kategorisch.

Zwei Jahre bedingt verlangt

Auch die Aussagen von Fabians Schwestern, die er zum Beispiel lediglich am Oberschenkel, aber nicht im Intimbereich berührt habe, verwies der beschuldigte Schweizer, dessen Frau und drei Töchter immer noch zu ihm halten, ins Reich der Fantasie respektive der Lügen im Rahmen einer inszenierten Familienverschwörung.

Neben den zwei Teilgeständnissen gab er lediglich zu, kinderpornografisches Material auf seinen Computer heruntergeladen zu haben. Wollte Amtsgerichtspräsidentin Eva Berset genauere Auskünfte zu Umständen, Zeitpunkten und Motivationen erfahren, konnte oder wollte der Pensionär keine Auskünfte mehr geben.

Er warf oft ein, dass an geselligen Anlässen mit vielen Leuten gar keine Gelegenheit zu den vorgeworfenen Taten bestanden habe. Mit einem Mail an alle Verwandten hatte er sich vor dreieinhalb Jahren auf Initiative seiner Frau für die Vorfälle pauschal entschuldigt, wohl auch um die Ehe und die Familienbande zu retten.

Obwohl im Verfahren keine objektiven Beweise vorlagen und immer Aussage gegen Aussage stand, stand mehrfaches schuldhaftes Verhalten für den Staatsanwalt fest. Er verlangt 2 Jahre Freiheitsstrafe, eine Geldstrafe von 30 Tagessätzen, eine Busse und einen bedingten Strafvollzug mit einer Probezeit von 5 Jahren.

Der amtliche Verteidiger plädierte für Freisprüche in allen Fällen möglicher sexueller Handlungen, mit Ausnahme des Enkel- und des Badehose-Falls. Allein schon die ungenau ermittelten Tatzeitpunkte verunmöglichten meist Schuldsprüche. Er erachtet noch eine Geldstrafe von 120 Tagessätzen auf 2 Jahre bedingt als angemessen.

Das in der Besetzung Eva Berset (Präsidentin), Eugen Kiener, Heidi Ehrsam (Amtsrichter), Madeleine Altwegg (Gerichtsschreiberin) beratende Amtsgericht eröffnet sein schriftliches Urteil am nächsten Montag.