Egerkingen
Ihr Mann hats vorgemacht, nun folgt die Bäuerin: «Im August gehen meine Tochter und ich auf den Jakobsweg»

«Ansteckend»: Nach ihrem Mann zieht’s nun auch Beatrice Wagner aus Egerkingen nach Santiago de Compostela.

Benildis Bentolila
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Beatrice und Thomas Wagner, Egerkingen

Beatrice und Thomas Wagner, Egerkingen

Benildis Bentolila / Solothurner Zeitung

Beatrice Wagner, Bäuerin aus Egerkingen, sagt es überzeugt: «Meine Tochter Jasmin und ich planen, im kommenden August auf den Jakobsweg zu gehen. Punkt!» Sie sagt es derart überzeugt, dass man gar nicht zu fragen wagt, was denn wäre, wenn die weltweite Coronasituation das Vorhaben weiterhin nicht erlauben würde.

Zudem lernt sie seit über einem Jahr fleissig Englisch. Eigentlich wollten die Frauen schon letztes Jahr losziehen; es wurde ihnen aber davon abgeraten. Nicht nur ihnen: 2019 pilgerten 32'7281 Menschen aus der ganzen Welt nach Santiago de Compostela; 2020 waren es 53'905, also 85 Prozent weniger. Denn Corona trifft auch das Pilgerwesen.

Ehemann hatte die Idee

Die Idee für die Wallfahrt stammt von ihrem Ehemann, Landwirt Thomas Wagner, der sich 2019 auf den Weg gemacht hatte. Zehn Jahre lang liess ihn das Vorhaben nicht los. Aufgeschnappt hatte er die Idee im Januar 2012 an der Wintertagung der Katholischen Bauernvereinigung des Kantons Solothurn. Der Vortrag eines jungen Mannes, der zu Fuss nach Santiago de Compostela gewandert war, hatte ihn tief beeindruckt. Von da an träumte Thomas Wagner vom Abenteuer, wie er nach Galicien wandern würde. Er, der keine Fremdsprachen kannte, kein Handy benutzte und ausser ein paar zwei-, dreitägigen Auszeiten kaum von daheim weg gewesen war.

Aber es galt zu warten, sich zu gedulden, dem Leben seinen Lauf zu lassen. Auch wenn viele, gar die meisten, ihm sagten, er würde das nie machen, glaubte er selber fest daran. Er wollte erfahren, wie es sein würde, sich vom Alltag, von der Hektik, zu lösen, nur noch das Ziel vor Augen, durch das prächtige Westportal «Pórtico de la Gloria» jener Kathedrale zu schreiten.

Kurzentschlossen den alten Plan umgesetzt

Sein 50. Geburtstag nahte. Wäre das nicht der perfekte Anlass, sich auf Wanderschaft zu begeben? Die Töchter waren ausgezogen, Mutterkuhhaltung und Bioackerbau waren an die Stelle von Milchwirtschaft getreten, kurz: Sein Leben präsentierte sich aufgeräumt. «Der Sommer 2019 hatte sich gut angelassen, die Ernte war eingebracht, ich hatte liebenswürdige Menschen zur Seite, die für mich einspringen konnten», resümiert er die Lage damals Mitte Juli. Er kam eines Abends nach der Feldarbeit nach Hause und erklärte seiner staunenden Frau Beatrice: «Jetzt mache ich mich auf den Weg!»

Anderntags begab er sich an den Bahnschalter Oensingen und verliess das Gebäude mit dem Bahnbillett nach Saint-Jean-Pied-de-Port in den Pyrenäen, wo er starten wollte. Packte innert zwei Tagen seine Siebensachen und liess sich von seiner Frau und den Töchtern Stephanie (24), Rahel (22) und Jasmin (20) am Morgen des 24. Juli 2019 an den Bahnhof Olten bringen. Es war nicht nur der Beginn eines grossen Abenteuers, sondern einer prägenden Zeit, in der Thomas wie nie zuvor erfuhr, dass materielles Gut wenig bedeutet.

Er lacht: «Nur schon die Tagesreise an die spanische Grenze glich einem Abenteuer.» Man stelle sich vor: die stundenlange Reise, das Wechseln von einem Bahnhof zu einem anderen in der Grossstadt Paris, Umsteigen in Bayonne, Zugsverspätung und schliesslich Ankunft in einem zwar kleinen Städtchen, wo ihn, den Reiseunkundigen, niemand verstand. Aber er fand seine Unterkunft für die Nacht, die seine Lieben organisiert hatten.

800 Kilometer voller Abenteuer und Anekdoten

Es ist eine Freude, Thomas’ 800 Kilometer langem Reisebericht zuzuhören. Weil er vorher kaum je gereist war, fielen ihm einfache Dinge auf, die andere nicht beachten. Seine Schilderungen sind voll von abwechslungsreichen Anekdoten. Anfangs schloss er sich deutschen Pilgern an, von denen er einiges in seiner Sprache erfahren konnte.

Unterwegs auf dem Jakobsweg, festgehalten von Thomas Wagner

Unterwegs auf dem Jakobsweg, festgehalten von Thomas Wagner

Zvg

Stolz erzählt er, dass er auch mit Koreanern gewandert sei. Anhand von Fotos und mit Hilfe von Übersetzern hätten sie sich blendend unterhalten. Er schloss Freundschaft mit einem jungen Mann, der die Reise unternahm, um für eine gute Zukunft seines Töchterchens zu beten. Jetzt gehen E-Mails hin und her zwischen den beiden Ländern.

Logiert habe er meistens in öffentlichen Unterkünften (Nachtruhe 22 Uhr), wo bis zu 100 Personen in Schlafsälen für ein paar Euros übernachten können, die spätestens um 9 Uhr verlassen werden müssten. Entlang des Weges sei es nie ein Problem gewesen, Essen und Trinken zu kaufen. Nur eine Enttäuschung erlebte er am Ende der Reise: Die Kathedrale in Santiago de Compostela war 2019 wegen Renovationsarbeiten geschlossen. «Schon deshalb muss ich nochmals hin», verkündet Thomas Wagner zuversichtlich, «damit ich diesen prächtigen Bau auch von innen sehe.» Doch zuerst werden wohl seine Liebsten diese Gelegenheit haben.