Mathias Stricker ist Lehrer. Der 50-Jährige unterrichtet eine 6. Klasse in Bellach. «Das fägt», sagt er: Junge Menschen auf ihrem Weg zu begleiten, das sei eine schöne Aufgabe. Eine abwechslungsreiche. «Schon nur aufgrund der vielen verschiedenen Fächer», wie der zweifache Vater sagt. Gleichzeitig ist Schule geben aber auch eine Herausforderung.

Die Kinder, sagt der Lehrer, hätten sich eigentlich nicht gross verändert. Aber die Gesellschaft. «Da müssen wir mitgehen», sagt Stricker. Nicht nur, was die Digitalisierung und Neue Medien angehe, die manchmal weniger Platz für Multiplizieren und Dividieren lassen. «Wir müssen heute einen grösseren Spagat schaffen, um allen Ansprüchen zu genügen», sagt der Bettlacher. Dazu kommt: «Wir hatten einige Reformprojekte. Das Ziel ist es jetzt nun, alles in Ruhe umzusetzen.» Damit die Lehrer im Kanton das können, wolle er sich einsetzen.

«Herzensangelegenheit»: LSO

Der Lehrer ist nämlich auch Gewerkschafter: Seit 2011 ist Stricker Teil der Geschäftsleitung des Solothurner Lehrerverbandes LSO, dem rund 80 Prozent der hiesigen Lehrerschaft angehören. Im November wurde er zum neuen Präsidenten gewählt, nächsten August wird er das Amt von Dagmar Rösler übernehmen, die künftig den Schweizerischen Verband präsidiert (wir berichteten). «Ich will etwas verändern», sagt Stricker. «Gewerkschaftsarbeit ist mir eine Herzensangelegenheit.»

Auf die Frage, wie es denn unseren Schülern geht, überlegt Stricker kurz und sagt dann: «Wir haben eine gute Schule.» Auf die Frage, wie es den Lehrpersonen geht, schweigt der Bettlacher etwas länger und drückt sich so aus: «Das ist schwierig, in einem Satz auszudrücken.» Es gehe ihnen wohl unterschiedlich gut. «Wir müssen Sorge tragen.» Die Ansprüche würden immer höher.

Stricker spricht von den verschiedenen Reformprojekten der vergangenen Jahre: Die Sek-Reform: Abschaffung der Realschule, Passepartout: Französisch als erste Fremdsprache ab der dritten Klasse in sechs Kantonen, Lehrplan 21: mehr Gewicht für individuelle Stärken der einzelnen Schüler, die spezielle Förderung: Integration von Kindern mit Verhaltensschwierigkeiten in die Regelschule.

Einsetzen wolle er sich als LSO-Präsident für die Abschaffung einiger «Stolpersteine», die diese Projekte in der Schule zurückgelassen haben: etwa die teils heftig kritisierten Lehrmittel wie «Clin d’oeil». Der LSO will ein Wahlobligatorium einführen – Lehrpersonen sollen die Wahl zwischen verschiedenen Französisch-Lehrmitteln haben. Laut LSO-Umfrage beschäftigt auch die spezielle Förderung, welche für einige Lehrpersonen mehr Belastung in den Alltag bringt. Wenn man die knappe Zeit anschaue, die so für die Betreuung jedes einzelnen Kindes übrig bleibe, müsse man den Durchschnitt der Klassengrössen, welcher heute bei 20 Kindern liegt, senken. Diese «Stolpersteine» spielen auch in der kantonalen Politdiskussion immer wieder eine Rolle.

«Hobby»: Politik

Nebst Lehrer und LSO-Präsident ist Stricker auch SP-Kantonsrat seit 2012. Klar wird das spätestens, als der 50-Jährige über den Gesamtarbeitsvertrag und die Löhne der Lehrer spricht – und dann auch über die Steuervorlage 17, über die nächstes Jahr abgestimmt werden soll und in deren Rahmen im Kanton Sparmassnahmen von rund 100 Millionen im Raum stehen. «Da gibt es noch einige Fragezeichen», so Stricker.

In der Bildung dürfe nicht gespart werden: «Das geschieht nämlich immer auf Kosten der Ausbildung der Kinder.» Ein Kanton, der mit Sparmassnahmen auswärtige Firmen anlocken wolle, solle sich auch um seine hiesigen Fachkräfte sorgen – wie eben die Lehrer, die hier besser verdienen als in einigen anderen Kantonen, weshalb laut Stricker auswärtige Lehrpersonen in den Kanton Solothurn arbeiten kommen. Wenn man an hiesigen Löhnen «herumschräuble», drohe die Gefahr, «Qualität in andere Kantone» zu verlieren.

Im Kantonsrat diskutiert Stricker mit über Lehrpläne und Einstufungsverfahren, reicht Vorstösse zu Begleitung junger Lehrpersonen oder Gratis-öV für Schulklassen im Kanton ein. Rund 60 Prozent seiner Arbeitszeit widme er der Schule, rund 40 Prozent der Arbeit beim LSO. «Politik ist ein Hobby», wie er scherzhaft sagt. Dafür hat der Bettlacher, der unter anderem Mitglied bei WWF, Jugend und Sport und den Bierfreunden Bettlach ist, das Training der Junioren beim FC Bellach vor über 15 Jahren aufgegeben. Wichtig sei ihm zudem die Familie – und auch Zeit für Skifahren oder Bierbrauen mit Freunden müsse sein.

«Ziel»: junge Lehrer begleiten

«Es ist sicher ein Vorteil», sagt Stricker, dass der LSO-Präsident auch im Kantonsrat sitzt. «Ich bin nahe am Ball, kriege Themen mit.» Ist das auch anstrengend – wenn drei Stunden über etwas diskutiert wird, das im Schulzimmer aktuell beschäftigt? Stricker schliesst die Augen und lächelt etwas müde. Es habe schon einige Vorstösse gegeben in letzter Zeit. «Manchmal wird es auch polemisch», dann müsse man eben sachlich mitdiskutieren, so Stricker, der auch im Gespräch immer kurz überlegt, bevor er spricht. Während der Frage, ob Lehrer links seien, lacht er dafür auf: «Eine klassische Frage». Im Kantonsrat gebe es aber ebenso über alle Parteien hinweg Lehrpersonen wie es in der LSO-Geschäftsleitung Mitglieder aus verschiedenen Parteien und Parteilose gebe. Und manchmal müsse man auch Nein sagen, Kompromisse fassen können.

Ausdauer habe er: «Das hat mich die Politik gelehrt – manchmal braucht es 3, 5 oder 10 Jahre, um ein Ziel zu erreichen.» Ein Ziel Strickers ist es, junge Lehrpersonen besser zu begleiten und den Beruf – auch für Männer – attraktiver zu machen. Deshalb fordert der 50-Jährige einen Masterabschluss und dass während der Ausbildung in Solothurn keine Fächer abgewählt werden können. Für mehr Fächer brauche es eine längere Ausbildung, nicht nur den Bachelor. Auch wenn das die Mehrheit der Politik derzeit anders sieht. «Ich habe Geduld. Ich kann hartnäckig sein.» Das brauche es manchmal ja auch im Klassenzimmer.