Verhandlung

«Ich habe nie jemanden vergewaltigt»: 47-jähriger Deutscher vor dem Obergericht

Kam es zur Vergewaltigung? (Symbolbild)

Kam es zur Vergewaltigung? (Symbolbild)

Am Mittwoch befasste sich die Berufungsinstanz mit dem Fall von Dulliken. Einem heute 47-jährigen Deutschen wird vorgeworfen, in Dulliken zwei junge Frauen festgehalten und brutal vergewaltigt zu haben

Am Mittwoch musste sich ein 47-jähriger Deutscher vor dem Obergericht verantworten. Er soll in einer Nacht zwei junge Frauen über Stunden festgehalten und vergewaltigt haben. Die Hintergründe der komplizierten Geschichte, die sich vor sieben Jahren in Dulliken zugetragen hat, sind bis heute nicht restlos geklärt.

«Ich habe nie jemanden vergewaltigt», sagte der Angeklagte, Herbert S.*, zur umfangreichen Liste der Vorwürfe. Diese umfasst neben mehrfacher Vergewaltigung respektive dem Versuch dazu, (sexuelle) Nötigung und räuberischer Erpressung, wobei er die Bankkonten der beiden Frauen um 4500 Franken erleichtert haben soll. Hinzu kommt die Anklage der Freiheitsberaubung. Nur in diesem letzten Punkt anerkennt Herbert S. den Schuldspruch des Amtsgerichts Olten-Gösgen vom letzten Jahr, und auch nur im Fall des einen Opfers. Cindy M.* sei unschuldig in die Sache verwickelt worden. 

Geknebelt, gefesselt und mit Waffe bedroht
Cindy M. war in jener Horrornacht auf den 24. April 2013 erst 17-jährig. Sie übernachtete bei ihrer Kollegin, Fabienne T.* (heute 31-jährig). Als Cindy M. die Wohnung aufschloss, traf sie dort überraschend auf den Angeklagten, der sie gemäss Anklageschrift mit einer Feuerwaffe bedrohte, sie zwang sich auszuziehen, sie fesselte, knebelte, ihr die Augen verband und versuchte sie zu vergewaltigen.

Spätestens mit der Heimkehr der Wohnungsbesitzerin einige Stunden später, nach 23 Uhr, wird die Geschichte unübersichtlich. Fabienne T. macht geltend, ihr sei beim Betreten der Wohnung, getrennt von ihrem Gast, dasselbe Schicksal widerfahren, wobei die Vergewaltigung mehrfach zur Vollendung gekommen sei. Anschliessend habe der Täter sie gezwungen duschen zu gehen. Zweimal habe er die Wohnung verlassen, um mit den erpressten Bankkarten Geld abzuheben, ehe er um 4 Uhr morgens endgültig verschwand und die Frauen sich vom Klebeband befreien konnten.

Unübersichtlich ist die Sache deshalb, weil sich erstens die Schilderungen der Frauen im Verfahren nicht in jedem Punkt deckten und zweitens der Angeklagte erklärt, er habe in der Wohnung in Absprache mit Fabienne T. einen Einbruch vortäuschen wollen. Diese habe sich durch den so erlittenen Schock von einem Psychiater krankschreiben lassen wollen – was ihr ein Strafverfahren wegen Irreführung der Rechtspflege einbrockte und ihm alternativ eines wegen falscher Anschuldigung.

Auf die Vorarbeit des Amtsgerichts abgestützt
Angesichts dieser diffizilen Ausgangslage liess sich die Staatsanwaltschaft von der Vorarbeit des Amtsgerichts leiten, das den Aussagen der Frauen Glaube schenkte und infolgedessen von zwei Opfern ausging. So habe man beispielsweise keinen Hinweis darauf gefunden, dass Fabienne T. und Herbert S. sich vor der Schicksalsnacht gekannt hätten. Hingegen wurde ihre Geschichte von ihm ausspioniert worden zu sein, durch die Tatsache erhärtet, dass er beruflich beim Bau an ihrem Haus zu tun hatte.

Gegen den Angeklagten sprechen gemäss Argumentation von Staatsanwältin Stephanie Flury mehrere Punkte: Nach seiner Festnahme vor drei Jahren habe er ein Dreivierteljahr bestritten in der Wohnung gewesen zu sein und sei unter dem Druck von DNA-Beweismaterial anschliessend mit der Einbruchsgeschichte gekommen. Ausserdem ist er wegen mehrfachem Raub vorbestraft und sitzt derzeit (bis Januar 2021) eine Gefängnisstrafe ausserhalb des Kantons ab. Flury forderte eine Gefängnisstrafe von 10,5 Jahren. Damit blieb sie ein halbes Jahr unter der Forderung, die sie am Amtsgericht vorgebracht hatte.

Die amtliche Verteidigerin des Angeklagten, Caroline Engel, forderte in ihrem Plädoyer von fast anderthalb Stunden Dauer Freisprüche in allen Punkten ausser der Freiheitsberaubung von Cindy M., was mit einem Jahr Haft zu ahnden sei.

Claudia Trösch, die Anwältin der Privatklägerin Fabienne T. – nur diese wurde am Mittwoch als Zeugin vernommen – wiederholte die Forderung, die Genugtuung für ihre Klientin sei auf 25'000 Franken zu veranschlagen. Die 12'000 Franken der ersten Instanz seien «schlicht zu tief» angesetzt.

Das Urteil wird am Donnerstag mündlich eröffnet.

* Namen von der Redaktion geändert.
  

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