Solothurner Kantonsrat
Helvetia hat gerufen: Ein Drittel der Kandidierenden sind Frauen – warum das nicht allen reicht

So viele Männer wie noch nie wollen in den Kantonsrat. Und Frauen. Genau das will das Projekt «Helvetia ruft!», das 2021 in Solothurn Halt macht: Mehr Frauen in der Politik. Ein Blick auf die Listen der Parteien zeigt: Rund ein Drittel der Kandidierenden ist weiblich. Das freut die Projektträgerinnen – reicht aber nicht allen.

Noëlle Karpf
Merken
Drucken
Teilen
Wer dem Kantonsrat beiwohnt sieht vor allem Männer - heute wird nur gut ein Viertel der Stühle im Saal von Frauen besetzt.

Wer dem Kantonsrat beiwohnt sieht vor allem Männer - heute wird nur gut ein Viertel der Stühle im Saal von Frauen besetzt.

Hanspeter Bärtschi

Deadline: Montagnachmittag, 17 Uhr. Bis zu diesem Zeitpunkt konnten Kandidaturen für den Kantonsrat – am 7. März wird neu gewählt – eingereicht werden. Und diese Frist wurde fast gänzlich ausgeschöpft: Laut Pascale von Roll, Staatsschreiber-Stellvertreterin, gingen erst nach 15 Uhr die letzten Anmeldungen ein. Rund zwei Stunden später dann vermeldete die Staatskanzlei einen neuen Rekord – wie es anzunehmen war. Jahr für Jahr steigt die Anzahl Frauen und Männer, die in den Kantonsrat wollen. 100 Sitze gilt es zu besetzen – wobei 86 schon vorgewärmt sind von Bisherigen, die wieder kandidieren – nur 14 Noch-Parlamentarierinnen und Parlamentarier werden nicht mehr antreten (siehe Artikel rechts).

Und nun also der Rekord: Für diese 100 Sitze kandidieren 583 Personen – so viele wie noch nie. Die Mehrheit ist männlich: 383 Namen von Männern stehen auf den eingereichten Listen. Dazu kommen 200 weibliche Kandidatinnen – das ist ein Anteil von gut 34 Prozent. Zum Vergleich: Bei den letzten Kantonsratswahlen, als sich 505 Personen um ein Mandat bewarben, lag der Frauenanteil noch bei knapp 28 Prozent.

2021 gibt es also keinen enormen Zuwachs an kandidierenden Frauen – aber es gibt einen. Dieser dürfte unter anderem auch auf «Helvetia ruft» zurückzuführen sein. Das Projekt, das mehr Frauen in die Legislativen der Kantone bringen will, macht dieses Jahr in Solothurn halt. Und: Alle Parteien machen mit, von der SP über die Mitte bis zur SVP hat jede Partei eine Projektträgerin. Diese machten sich im Vorfeld in der eigenen Partei dafür stark, dass 2021 auch möglichst viele Frauen für den Kantonsrat kandidieren – sprich auf den Listen aufgestellt werden, die bis Montagnachmittag eingereicht werden mussten.

Es ist einfacher Frauen zu rekrutieren, wenn es Vorbilder gibt

27 Frauen sitzen in der aktuellen Zusammensetzung des Kantonsrats; das ist ein guter Viertel. Das sei zu wenig, teilten die «Helvetia ruft»-Projektträgerinnen vergangenen Herbst mit. An die 50 Prozent-Marke kommen die Parteien insgesamt zwar nicht heran; dafür ist ein Drittel aller Kandidierenden weiblich. Ein Drittel – das entspricht dem bisher höchsten Frauenanteil im Kantonsrat, dieser wurde 1993 erreicht.

Ein Blick auf die Listen – Mutter- und Jungparteien zusammengenommen – zeigt zudem: Es gibt grosse Unterschiede zwischen den Parteien, was den Frauenanteil angeht. So kommen die Grünen nahe an die 50 Prozent Marke – es kandidieren im ganzen Kanton 42 Frauen und 41 Männer für die Partei. «Sehr glücklich» darüber gibt sich Kantonsrätin Anna Engeler (Olten), Projektträgerin von «Helvetia ruft»: «Ausgeglichene Listen sind für uns eine Selbstverständlichkeit und bedürfen keiner Diskussion.» Dass man so viele Frauen aufstellen könne hänge aber auch sicher damit zusammen, dass es bereits viele Politikerinnen gebe, die als Vorbilder dienten.

Das scheint ein entscheidender Faktor zu sein. So berichtet FDP-Projektträgerin und Kantonsrätin Barbara Leibundgut (Bettlach) davon, dass es am ehesten gelang, Frauen für die Listen zu gewinnen, wenn amtierende Frauen potenzielle Kandidatinnen anfragten. Insgesamt kommt die FDP auf einen Frauenanteil von 25 Prozent. «Leider stellten sich trotz intensiven Bemühungen nicht mehr Frauen zur Verfügung», so Leibundgut.

Erste positive Entwicklung – aber noch keine ausgeglichene Statistik

Auch die Grünliberalen stellen zu einem Viertel Frauen auf. Hier beobachtet Anke Trittin zwar eine positive Entwicklung: «In den Amteien in denen wir eine reelle Chance auf zwei Sitze haben, sind auf den ersten beiden Listenplätzen jeweils eine Frau platziert»; insgesamt hätte man aber gerne einen noch höheren Frauenanteil gehabt. Dasselbe Bild bei der CVP, die einen Frauenanteil von 31 Prozent erreicht. Wenn diese Zahl quantitativ noch nicht ganz überzeuge, so stellt Kantonsrätin Karin Kissling (Wolfwil) fest, seien die Kandidaturen dafür qualitativ «sehr gut»: «wir verfügen über Frauen mit breiter Erfahrung, hervorragenden Fähigkeiten und vor allem Wahlchancen.»

Ziemlich zufrieden zeigt sich die SP, welche nach den Grünen am meisten Frauen ins Rennen schickt – 45 Prozent machen Kandidatinnen aus. Vor vier Jahren sei man noch bei 23 Prozent gewesen, berichtet Projektträgerin Aline Leimann. «Unser Aufruf hat sich also fürs 2021 gelohnt und wurde erhört.»

In den Zahlen wirkt sich Helvetias Ruf noch nicht wirklich aus: Die SVP kommt auf einen Frauenanteil von knapp 19 Prozent, bei der EVP sind es knapp 33 Prozent. Wie viele Frauen am Schluss wirklich im Kantonsrat sitzen, zeigt sich am 7. März – weil 200 Frauen für 100 Sitze kandidieren ist es theoretisch noch möglich, dass der bisherige Rekord von 1993 geknackt wird.