Grosser Schaden
Heimtückischer Schädling: Schon ein Käfer löst Alarm aus

Taucht der Maiswurzelbohrer auf, wird ein Zehn-Kilometer-Radius mit Fruchtfolgeeinschränkungen verfügt. Im Kanton Solothurn gibt es mehrere Fallen für den Käfer.

Ornella Miller
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So sieht der ausgewachsene Maiswurzelbohrer aus. Bild: zvg
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Und so sehen die Maiswurzeln aus, an denen sich die Larven des Maiswurzelbohrers gütlich getan haben. Der Schädling kann bis 80 Prozent einer Ernte vernichten.
Ein vom Maiswurzelbohrer betroffenes Maisfeld.
Bei einer Population von 1, 4 Maiswurzelbohrer pro Pflanze kann für die Maisbauern erheblicher wirtschaftlichre Schaden entstehen.
Eine Larve des Maiswurzelbohrers nagt an der nährstoffreichen Kronwurzel einer Maispflanze.

So sieht der ausgewachsene Maiswurzelbohrer aus. Bild: zvg

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Es ist längst noch keine Invasion. Trotzdem: Einige fliegen seit Juli und auch jetzt noch gezielt auf Maisfelder, krabbeln dort und knabbern ein wenig an den Maispflanzen. Es geht um den westlichen Maiswurzelbohrer. Gefährlich werden die Käfer erst dadurch, dass die Weibchen nach der Paarung Eier in den Boden legen und die Larven im nächsten Frühling an den Maiswurzeln fressen – falls sie am selben Ort Maispflanzen vorfinden. Die Maisernte würde dann einen Schaden um 30 bis 80 Prozent erleiden.

Deshalb wird diesem Gast so viel Aufmerksamkeit geschenkt. Seit dem Jahr 2000 werden in der Schweiz Pheromonfallen aufgestellt. Das Auftreten dieser Käfer wird gezielt überwacht. In fast allen Kantonen stehen mittlerweile insgesamt 200 Fallen. Auf Kantonsgebiet gibt es vier Fallen: in Grenchen, Deitingen, Gunzgen und Härkingen. Doch nur in Letzterer fanden sich Käfer. «Es wurden in diesem Jahr bisher nur einzelne Käfer gefunden, und zwar je Falle einer bis zwei Käfer», erklärt Severin Bader, Leiter der Fachstelle Pflanzenschutz Solothurn. Es gebe jedoch nahe der Kantonsgrenze in Niederbipp ebenfalls eine Falle und drei in Baselland, die betroffen seien. «Es können noch weitere Käfer bis Ende September einfliegen.» Sie könnten gar bis zu hundert Kilometer weit fliegen.

Sperrzone mit einem Radius von 10 Kilometern

Das Zauberwort bei der Bekämpfung der Tierchen heisst Fruchtfolge. «Wird im Folgejahr kein Mais auf der gleichen Fläche angebaut, fehlt den Larven die Nahrungsquelle und der Zyklus wird unterbrochen.» Bader erläutert den Bekämpfungsplan. Sobald die Flugphase des Käfers beendet ist, würden die Fallen ausgewertet. «Danach müssen wir in den Gemeinden mit nachgewiesenem Befall mindestens einen Zehn-Kilometer-Radius mit Fruchtfolgeeinschränkungen verfügen. Konkret dürfen die Landwirte im betroffenen Gebiet auf den Parzellen, wo 2019 Mais angebaut wurde, 2020 nicht nochmals Mais anbauen.»

Seit 2000 in der Schweiz

Der westliche Maiswurzelbohrer (Diabrotica virgifera virgifera) war ursprünglich im mittleren Amerika angesiedelt und gilt weltweit und hierzulande als der wirtschaftlich gefährlichste Maisschädling. In den 1990er-Jahren wurde der Käfer verschleppt und hat sich in Ost- und Zentraleuropa ausgebreitet. Im Jahr 2000 wurde er erstmals in der Schweiz entdeckt, im Tessin. Im Einflugjahr (Hauptflugzeit von Mitte Juli bis Anfang September) verursacht der Käfer nur wenig (Frass-)
Schaden. Jedoch legen die Weibchen bis zu 500 Eier in den Boden von Maisfeldern, in einer Tiefe von 15 cm. Die 3 bis 15 mm langen Larven schlüpfen im Frühling und fressen Maiswurzeln. Diesen fehlt es so an Nährstoffen oder Halt.

Letztes Jahr galten gar zusätzlich noch weitere Vorschriften in einem engeren Kreis von fünf Kilometern um den Fundort herum, unter anderem Ausfuhrverbote. Im Kanton Solothurn traten die Käfer schon 2006, 2012 und 2018 auf. Letztes Jahr flogen im Solothurnischen nur fünf Käfer in eine Falle, doch bereits bei einem einzigen Käfer werden diese Massnahmen ergriffen. Hunderte Landwirte waren betroffen. Für die Bauern in diesem Gebiet sind die Konsequenzen offenbar aber kein wirkliches Problem. «Wir in unserer Betriebsgemeinschaft praktizierten eigentlich schon immer Fruchtfolge», berichtet Pascal Heim aus Neuendorf an der Grenze zu Härkingen. «Normalerweise. Doch auf einem Feld, bei dem ich letztes Jahr Mais angebaut hatte, wollte ich dieses Jahr wiederum Mais anbauen. Dort mussten wir eine andere Lösung finden und haben Getreide gesät.» Man verkaufte auch keinen Mais, weil man ihn selber benötigt. «Für uns sind diese Massnahmen kein Problem.»

Roman Hauri aus Härkingen hatte vor langem einmal Käfer in seinem Feld: «Seither baue ich nie zweimal hintereinander Mais an.» Ebenso Toni Bläsi aus Härkingen: «Die Einschränkungen sind für mich nicht wesentlich. Als Biobauer kann ich sowieso von den Nährstoffen her nicht zweimal das Gleiche anbauen.» Während Hauri hinter den Massnahmen Vorteile sieht («Wenn es ohne Chemie nur mit der Fruchtfolge geht, ist das ja vorteilhaft für uns»), führt ein weiterer Bauer aus der Gegend andere Aspekte an: «Eigentlich ist das die Natur, es muss immer eine Selektion geben. Wir greifen viel zu viel in die Natur ein. Es gibt vermutlich resistente Sorten. Oder wenn nötig, wenn wir richtig Schaden haben, verzichten wir halt ganz auf Mais und bauen eine andere Pflanze an.» Er sieht den Handlungsspielraum für die Bauern nun noch mehr beschnitten. Doch auch er meint: «Ich habe so eine abwechslungsreiche Fruchtfolge, dass ich genug Ausweichmöglichkeiten habe.»

Die Befragten wissen zwar auch nicht, woher die Käfer kommen, doch sie tendieren eher zur Annahme, dass sie via Autobahn mitgeschleppt werden, als dass sie aus dem Ausland in die Region fliegen. Die Falle mit den gefundenen Käfern ist jedenfalls ganz nahe der Autobahn. Dort wo Lastwagenkarawanen vorbeibrummen, öfter mal im Stau stehen und aus dem EU-Gebiet mit Monokulturen auf Riesenfeldern kommen, wo die Quarantäneregelung bereits aufgegeben wurde.