Interview

«Gewalt soll kein Tabu mehr sein»: Vorbeugung soll gegen häusliche Gewalt helfen

Der Standort des Frauenhauses Aargau-Solothurn ist geheim.

Der Standort des Frauenhauses Aargau-Solothurn ist geheim.

In den letzten Jahren hat die Polizei im Kanton Solothurn mehr Fälle häuslicher Gewalt verzeichnet.

Der Kanton Solothurn fokussiert im kantonalen Gewaltpräventionsprogramm auf den Kampf gegen häusliche Gewalt. Von häuslicher Gewalt sind vor allem Frauen und Kinder betroffen, laut der Polizeistatistik ist der Täter in über der Hälfte der Fälle der Partner oder Ex-Partner der Frauen. Betroffene aus dem Kanton Solothurn finden unter anderem im Frauenhaus Aargau-Solothurn Schutz. Laut der stellvertretenden Betriebsleiterin Sabrina Nizzo ist die Gesellschaft in den letzten Jahren sensibler geworden für das Problem der häuslichen Gewalt, allerdings sieht sie nach wie vor Handlungsbedarf.

Wie gravierend ist das Problem der häuslichen Gewalt im Kanton Solothurn?

Sabrina Nizzo: Häusliche Gewalt ist sicher nach wie vor ein Problem. Wie viele Frauen tatsächlich betroffen sind, können wir nicht genau wissen. Die Dunkelziffer ist hoch. Die Zahl der bekannten Fälle ist konstant, das sehen wir in den Statistiken. Unser Ziel ist es, die Dunkelziffer zu verkleinern. Wir wollen, dass die häusliche Gewalt kein Tabu mehr ist und dass Betroffene sich Hilfe holen.

Wie zufrieden sind Sie damit, wie der Kanton Solothurn im Kampf gegen häusliche Gewalt vorgeht?

Grundsätzlich funktioniert das Bedrohungsmanagement gut. Im Vergleich mit anderen Kantonen ist besonders bemerkenswert, wie gut die verschiedenen Akteure im Bereich der häuslichen Gewalt zusammenarbeiten. Beteiligt sind etwa Schulen, die Polizei, die Familiengerichte und das Frauenhaus. Positiv ist zudem, dass die Verantwortung klar verteilt ist und immer klar ist, wer für welchen Bereich zuständig ist. Das Personal in den verschiedenen Abteilungen ist ausserdem sehr gut ausgebildet.

Was muss besser werden?

Die Finanzierung der einzelnen Stellen ist immer wieder schwierig. Und die verschiedenen Angebote im Kanton könnten bekannter werden, damit die Betroffenen wissen, wo sie Hilfe finden.

Haben sich die Herausforderungen im Kampf gegen häusliche Gewalt in den letzten Jahren verändert?

Es sind neue Phänomene dazugekommen. Körperliche, emotionale und ökonomische Gewalt sind relativ gut erkannt. Neu ist etwa die Gewalt wie Stalking oder Cyberkriminalität. Diese neuen Formen von Gewalt müssen wir stärker untersuchen.

Die Rolle der Frauen in der Gesellschaft hat sich in den letzten Jahren verändert. Wie hilft das im Kampf gegen häusliche Gewalt?

Die Frauen wollen heute kein patriarchisches Regime mehr. Über Gewalt wird in den Familien gesprochen, aber sie ist auch international ein Thema. Zum Beispiel mit der sozialen Bewegung «Ni una menos» in Lateinamerika, oder mit der Unterzeichnung der Istanbul-Konvention. Diese Entwicklungen schaffen neue Voraussetzungen.

Trotzdem ist die häusliche Gewalt laut Kriminalstatistik nicht zurückgegangen. Im Gegenteil.

Tiefe Veränderungen in der Gesellschaft brauchen Zeit. Für die einzelnen Fälle gibt es kein Rezept, jeder Fall ist anders. Gewalt in einer Beziehung ist ein sehr emotionales Thema, das schwer zu erfassen und zu verstehen ist. Man liebt, erlebt oder übt aber trotzdem Gewalt aus. Um sich aus so einer Beziehung zu lösen oder Hilfe zu holen, brauchen Betroffene oft Zeit.

Wer ist besonders gefährdet, in eine solche Beziehung zu geraten?

Wie gesagt, jeder Fall ist anders. Wir haben verschiedene Frauen, die zu uns kommen. Isolierte Frauen sind beispielsweise gefährdet. Etwa Frauen, die aus dem Ausland kommen, die Sprache nicht sprechen und kein soziales Netz haben. Oder junge Frauen, die vielleicht etwas naiv in eine Beziehung geraten und sich dann darin verlieren. Wir haben aber auch gut ausgebildete Frauen bei uns.

Was muss sich in der Gesellschaft verändern, damit es künftig weniger häusliche Gewalt gibt?

Die sozialen Mechanismen müssen sich verbessern. Das Thema muss präsent sein, und wir müssen genauer hinschauen. Gewalt darf nicht als normal gelten. Nachbarn müssen aufmerksam sein, wenn sie merken, dass sich eine Familie zurückzieht und es gleichzeitig laut Streit gibt. Oder Lehrpersonen müssen nachfragen, wenn sich ein Kind stark verändert.

Was ist wichtig, um Betroffenen zu helfen?

Man muss Frauen den Rücken stärken, wenn sie von Gewalt betroffen sind. Einer Freundin könnte man zum Beispiel sagen: Du musst das nicht ertragen, du darfst weglaufen, wenn du in deiner Beziehung leidest. Aber es ist auch wichtig, zu verstehen, dass Betroffene Zeit brauchen.

Betroffene anzusprechen ist aber nicht einfach.

Es ist sicher nicht einfach, aber wichtig. Man kann sich auch Hilfe holen, wenn man nicht weiss, wie man bei einem Verdachtsfall vorgehen soll. Etwa bei einer Hotline oder einer Beratungsstelle. Wir können nicht garantieren, dass niemand durchs Netz fällt. Aber wir sind dabei, die Löcher so klein wie möglich zu machen.

Hinweis: Die Hotline des Frauenhauses ist unter der Nummer 062 823 86 00 erreichbar.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1