Von 1991 bis 2016 war er Lehrer an der Kantonsschule Solothurn: Robert Baggenstos. Er unterrichtete dort nicht nur Mathematik, sondern auch Astronomie. Nun ist er pensioniert, doch für den Sohn einer Grenchner Uhrmacherfamilie ist noch nicht die Zeit für ein Leben ohne Arbeit gekommen. Das virtuose Hantieren mit Zahlen stellt er jetzt in den Dienst der Uhrenindustrie. Doch wie kam es dazu?

Drei Leidenschaften

«Ich wurde bereits in jungen Jahren aufmerksam auf die mathematische Problematik beim Bau von mechanischen Uhrwerken mit astronomischen Zusatzfunktionen», erzählt Baggenstos. «Aufgewachsen bin ich in einer Uhrmacherfamilie und nach dem Studium in Bern – meine Fächer waren Mathematik und Astronomie – unterrichtete ich an der Uhrmacherschule in Solothurn.» Obwohl diese Zeit weit zurückliegt, ist er auch heute noch an ebenjener Problematik interessiert. «Nach meiner Pensionierung habe ich beschlossen, mich mit dieser Thematik intensiver zu beschäftigen. Nun führe ich das Büro ‹Astronomische Komplikationen für mechanische Uhrwerke› in der Altstadt.» Wobei die Anzahl Komplikationen einer Uhr ein Mass für die Komplexität des Uhrwerks ist.

Auf die Frage, wie man sich denn nun seine Arbeit vorstellen solle, erklärt Baggenstos: «Ich entwerfe für verschiedene grosse Hersteller von relativ teuren mechanischen Armbanduhren Konzepte und Optimierungen von Getrieben.» Durch seine Konzepte sollen gewisse Uhren also nicht bloss die üblichen drei Zeiger aufweisen, sondern beispielsweise auch anzeigen, wann am jeweiligen Tag die Sonne untergeht, wann der Mond aufgeht oder «wann die Flut im Hafen von Kapstadt ihre maximale Höhe erreicht. Das alles sind astronomische Komplikationen.»

Zwei Tage die Woche arbeitet Baggenstos in seinem Büro. Für ihn sei diese Arbeit eine Verbindung von verschiedenen Leidenschaften. «Ich habe eine Synthese gefunden aus drei Gebieten, welche mich in meinem Leben begeistert haben: die Faszination an der Mathematik, die Beschäftigung mit der Astronomie und die Freude an mechanischen Getrieben.»

Die Verhältnis-Problematik

Baggenstos begründet astronomische Komplikationen in einer Uhr folgendermassen: «Alle Zeiteinheiten, die wir im Alltag messen – von der Sekunde bis zum Jahr – sind ursprünglich abgeleitet von Bewegungen und Erscheinungen, die der Mensch am Himmel wahrgenommen hat. Unsere Zeitmessung ist demzufolge unmittelbar mit astronomischen Erscheinungen am Firmament verknüpft.» Es sei also naheliegend, dass man den normalen Zeitangaben auf dem Zifferblatt der Uhr noch zusätzliche astronomische Anzeigen beifüge.

Es gebe natürlich auf dem Markt bereits Uhren, die die aktuelle Mondphase anzeigen. «Aber nur wenige und sehr teure Uhren gehen dabei über diese Anzeige hinaus.» Ideen für weitere Anzeigen hat Baggenstos viele, aber die Umsetzung ist ein mathematisches Problem. «Hinter der Idee, in mechanischen Uhrwerken auch astronomische Funktionen einzubauen, steckt letztendlich ein mathematisches Problem der Zahlentheorie: Die Drehverhältnisse der Achsen stehen dabei nicht in einfachen Verhältnissen zueinander. Das Verhältnis 1 zu 12, wie beim Minuten- und Stundenzeiger, lässt sich leicht und mit wenigen Zahnrädern exakt realisieren. Hingegen dauert eine scheinbare Bewegung des Mondes um die Erde im Mittel 24,839 Stunden. Das Verhältnis 1 zu 24,839 mit Zahnrädern zu realisieren ist enorm schwer», erklärt Baggenstos die Problematik.

«Ein solches Verhältnis kann niemals exakt, sondern immer nur näherungsweise umgesetzt werden.» Das mathematische Problem bestehe darin, die bestmögliche Lösung für die Übertragung von Ereignissen am Firmament auf die Zahnräder einer Uhr zu finden. Für Baggenstos ist genau diese Lösungsfindung sehr interessant. Und seine Arbeit bringt noch mehr Vorteile: «Ich bin mein eigener Chef und kann kreativ sein.»