Gastautorin
Back to live. Back to Cinema!

Anita Hugi
Anita Hugi
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Das leere Kino Canva in Zuchwil.

Das leere Kino Canva in Zuchwil.

Hanspeter Bärtschi

Ich lechze geradezu danach, endlich wieder einmal ins Kino zu gehen, einzutauchen ins smaragdene Blau des Capitols, ins leuchtende Rot des Canvas und anzudocken an die heimischen Gestade des Uferbaus– und nach 90 Minuten Ausflug ins Unbekannte verändert in Solothurn wieder anzukommen. Film ist hier am schönsten: im Kino! Und wie viele andere Kinos im Land bieten auch die Kinos in der Stadt Solothurn ab heute Donnerstag volle Kanne– inklusive Banküberfall und Kinderprogramm.

Im «Capitol» eröffnet der Schriftsteller und literarische Handelsreisende Pedro Lenz die Kinoreise mit «Mitten ins Land», gleichzeitig erobert Sci-Fi die lokalen Leinwände. «Wonder Woman» wird dieses Wochenende in Solothurn ebenso ihre Superkräfte entfalten, wie «Girlpower» im Kinder-Animationsfilm «Ainbo» Trumpf ist. Im «Canva» wird Antoinette in die Cevennen aufbrechen und Lokalmatador «Beyto», Gewinner des «Prix du Public» der Solothurner Filmtage 2021, zum Auftakt wieder mit grossem Erfolg seine Bahn ziehen, da bin ich sicher. Und endlich werde auch ich den altgedienten, filigranen finnischen Stuhl, auf dem ich nun seit Monaten sitze und arbeite – so bequem und schön er auch ist – zur Seite schieben, um seinen Designern zu begegnen: Ab Sonntag ist Alvar und Aino Alto ein Dokumentarfilm im «Kino im Uferbau» gewidmet.

Cinema in town! Ich wünsche mir, dass die Säle, die jetzt in nach wie vor wirtschaftlich sehr schwierigen Umständen ihre Tore öffnen, von Filmliebhabern jedes Alters zahlreich besucht werden – auch wenn man vorerst kein Popcorn konsumieren kann. Die Glace oder ein Glas Wein kann man ja auf einer Terrasse nebenan im Freien geniessen. Denn was wäre Kino ohne den Austausch darüber, was man gesehen hat?

Das war uns auch während unserer Home-Edition der Solothurner Filmtage sehr wichtig und so haben wir in der Festivalwoche 100 Filmgespräche und Events live aus dem «Canva» und dem «Uferbau» in die Schweiz gesendet. Diese Live-Angebote haben in einer Woche 12000 Aufrufe generiert und die Videos der Filmgespräche begleiten nun auf unserer Website die Kinostarts der zahlreichen Filme, die im Januar bei uns Premiere gefeiert haben.

Seit 140 Jahren lieben wir die Kino-Kultur, die heute nicht nur, aber auch durch die Digitalisierung in einem grundlegenden Wandel ist, welche die Pandemie beschleunigt hat. Während der Pandemie hat Warner Bros. angekündigt, künftig mit ihren Filmen gleichzeitig im Kino und in Streaming-Diensten zu starten, und hat die bisher gültige Abfolge der Filmkarriere – zuerst Festival, dann Kino und anschliessend Video-on-Demand – auf den Kopf gestellt.

Auch in der Schweiz testen Filmverleiher, die durch die Pandemie existenziell in Frage gestellt sind, die Direktauswertung von Filmen online – letzte Woche habe ich an einem Online-Filmgespräch der neuen Filmplattform des Verleihers Filmcoopi teilgenommen. Netflix hat in der Schweiz die Grenze von 2 Millionen Abonnenten durchbrochen, doch auch inländische Plattformen und unsere Online-Edition filmo haben die neue Lust am Film genutzt, um jene Schweizer Filme ins Heimkino zu bringen, die unsere Identität geprägt haben– und bis heute stimulieren. Ich bin überzeugt, dass durch den Streaming-Boom ein neues, auch junges Publikum die siebte Kunst erst richtig entdeckt. Diese gilt es ins Kino und an die Festivals einzuladen, die filmische Qualität und Vielfalt bieten.

Hollywood macht Druck. Es ist entscheidend, dass wir von der neuen Macht des Streamings nicht überrollt werden, sondern unsere einheimische Kinokultur verteidigen und weiter entwickeln. No future? Ab ins Kino!