Gastautor
Gesucht: Stille

Koen De Bruycker
Koen De Bruycker
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Weg mit dem Smartphone: Der Gastautor geht immer wieder bewusst offline.

Weg mit dem Smartphone: Der Gastautor geht immer wieder bewusst offline.

Sandra Arizzone

Früher genoss ich es, während der Predigtvorbereitung über das Radio die Liveübertragung eines Fussballmatches mitzuverfolgen. Es gelang mir mühelos, gleichzeitig einen Text zu schreiben und zuzuhören, wie sich das Spiel entwickelte. Nur wenn mein Lieblingsteam in Rückstand geriet, funktionierte dies nicht mehr. Dann musste das Schreiben bis nach dem Match warten, bis sich die Emotionen gelegt hatten …

Zurzeit gibt es diese Gewohnheit nicht mehr. Manchmal schalte ich das Radiogerät noch an, aber nach einigen Minuten muss ich es abstellen, damit ich mich konzentrieren kann. Der Match lenkt mich einfach zu viel ab. Gegenwärtig brauche ich beim Verfassen eines Textes – wie für diese Kolumne – Stille.

Wenn es um mich still wird, kann ich besser auf mein Innenleben hören. Wenn ich die Impulse und Gedankenanstösse aus den Medien reduziere, entstehen Gedanken, die ich dem Papier anvertrauen will. Die Stille ist in diesem Moment wie ein Raum, der sich füllt mit meinen Überlegungen, Anschauungen und Gefühlen, die wie zu mir reden.

Über Tausende Jahre lang waren sich die Menschen gewiss, dass die Antwort auf die grossen Fragen des Lebens in der Stille zu finden ist. So zog sich auch Jesus von Nazareth 40 Tage in die Wüste zurück, um in der Stille Gott als Grundlage des Lebens zu entdecken. Da hat der heutige Mensch im Vergleich zu Jesus einen schweren Stand: Er wird überflutet mit Impulsen aus den Medien, die sich in diesem Jahrhundert enorm weiterentwickelt haben. Tiktok, Facebook, Twitter, Messenger, Whatsapp, Instagram, E-Mail liefern über das Smartphone 24 Stunden pro Tag Unterhaltung, die das Innenleben zudeckt. Was einen wirklich bewegt, in einem lebt, ist kaum merk- und hörbar wegen der vielen Nachrichten, die aufklingen.

Deshalb bin ich bei der Arbeit und in meinem Alltag bewusst immer wieder offline. So verschwindet das Smartphone in der Tasche, wenn ich zu Fuss unterwegs bin, weil ich es in dem Moment liebe, den Vögeln zuzuhören, die Blumen und die Insekten zu betrachten, den Duft der Sträucher zu riechen und mit den Menschen, denen ich begegne, zu reden. Auch wenn ich dann offline bin, fühle ich mich in diesem Augenblick am tiefsten mit der Welt, mir selbst und Gott verbunden.

Koen De Bruycker, reformierter Pfarrer, Solothurn.

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