Amtsgericht Olten-Gösgen

Für Gretzenbacher «Jurablick»-Räuber wird 5 Jahre Freiheitsentzug gefordert

Am 29. Januar 2016 überfielen ein Mann und eine Frau das Restaurant Jurablick an der Köllikerstrasse in Gretzenbach und erbeuteten 1481 Franken.

Am 29. Januar 2016 überfielen ein Mann und eine Frau das Restaurant Jurablick an der Köllikerstrasse in Gretzenbach und erbeuteten 1481 Franken.

Am Donnerstag musste sich der mutmassliche «Jurablick»-Räuber in Gretzenbach vor dem Amtsgericht Olten-Gösgen verantworten. Ihm werden zahlreiche Vergehen angelastet.

Mehr als vier Jahre nach dem Raub im Restaurant Jurablick in Gretzenbach stand am Donnerstag Nehat O.* als Beschuldigter vor dem Amtsgericht Olten-Gösgen. Der Fall ist kein Justizthriller, sorgte an der Verhandlung aber für Emotionen. Juristisches Geplänkel gleich zu Beginn provozierte ein erstes Poltern des Amtsgerichtspräsidenten Pierino Orfei. «Es ist jedes Mal das Gleiche», liess er Dampf ab. «Der Gesetzgeber sollte eine Gesetzesänderung anstreben und das Schwarzpeterspiel beenden.»

Die Kritik galt nicht dem Verteidiger oder dem Staatsanwalt, sondern der Prozessordnung. Einwände, so Orfei, sollten nur noch bis zu einem bestimmten Termin zugelassen werden. Stattdessen mussten er und sein Team sich gestern bald zurückziehen für die Beratung der Vorfragen. «Wir verlieren damit so viel Zeit! Aber lassen wir das, ich habe meinen Frust abgelassen, und von mir hört man das ja nicht mehr oft», sagte der Richter, wohl in Anspielung an seine näher rückende Pensionierung.

Gerichtspräsident: «Jetzt lüpft’s mir de dr Huet!»

Orfeis’ Zündschnur blieb kurz. Als Verfechter der formalen Korrektheit konnte er es nicht verputzen, dass während der Zeugenbefragung der Verteidiger Roland Winiger unbürokratisch mit einem Ausdruck aus Google Maps zu Hilfe eilen wollte. Es bedurfte eines Antrags, gefälligst, und sodann der Zustimmung des Staatsanwalts und des Gerichts, bevor man mit dem Plan versuchen konnte, Licht ins Dunkel zu bringen. Viel Federlesen liess Orfei auch dann nicht zu. «Jetzt lüpft’s mir de dr Huet!», rief er.

Wäre die Arbeit vorher erledigt worden, fügte er hinzu, müssten sie sich jetzt nicht mit solchen Dingen aufhalten. Verteidiger Winiger störte sich an der «Art und Weise» von Orfeis Auftreten und tat dies auch kund, stiess aber auf wenig Verständnis. «Und jetz isch fertig, jetz diskutiere mir das nümm!» Immerhin, mit einem «Tschuldigung» von Orfei in Richtung Winiger auf dem Gang nach der Mittagspause war die Sache dann gegessen.

Im «Jurablick» 1481 Franken erbeutet

Doch worum geht es eigentlich? Am 29. Januar 2016 überfielen ein Mann und eine Frau das Restaurant Jurablick an der Köllikerstrasse in Gretzenbach. Um 22.35 Uhr betrat das Duo die Gaststube, in der sich die Serviceangestellte als einzige Person befand. Der Mann trug eine Waffe, die Frau einen Pfefferspray, beide waren schwarz gekleidet und vermummt. Sie klauten die 881 Franken, die sich in der Kasse befanden, sowie das Serviceportemonnaie mit dem Stock in der Höhe von 600 Franken und machten sich aus dem Staub.

Beim Verlassen des Restaurants wurde die Serviceangestellte von der Täterin mit dem Pfefferspray am Hals getroffen. Gemäss Anklageschrift flüchtete die Täterschaft mit einem im Kanton Solothurn auf den Namen des beschuldigten Nehat O.* eingelösten PW der Marke Ford. Dass die Spur zum Beschuldigten führte, verdankten die Ermittler Andrea B.*, die der Polizei das Autokennzeichen des mutmasslichen Fluchtfahrzeugs liefern konnte. Ein Geständnis des Beschuldigten liegt indes nicht vor; er wurde weder in flagranti erwischt, noch kann ihm zweifelsfrei nachgewiesen werden, den Raub begangen zu haben.

Restaurant-Überfall in Gretzenbach

Restaurant-Überfall in Gretzenbach

Zwei bewaffnete Maskierte erbeuten über Tausend Franken und besprühen die Angestellten anschliessend mit Pfefferspray.

Kein Geld für Frau und Kinder

Der Raub im «Jurablick» ist eines von zehn Vergehen, die Nehat O. zur Last gelegt werden. Das Amtsgericht Olten-Gösgen hat unter anderem zu beurteilen, ob der Beschuldigte Unterhaltspflichten vernachlässigte, Personen nötigte und mehrfach bedrohte, ob er sich der einfachen Körperverletzung schuldig machte und sich Widerhandlungen gegen das Waffengesetz leistete. Die Vorkommnisse gehen auf die Jahre 2015 bis 2017 zurück.

Nebst dem Überfall in Gretzenbach ins Gewicht fallen vor allem die unterlassenen Unterhaltszahlungen an die Noch-Ehefrau und die beiden gemeinsamen Töchter in der Höhe von 36'750 Franken. Die Drohungen, die der Beschuldigte zwei Drittpersonen gegenüber mehrfach geäussert haben soll, geschahen verbal im direkten persönlichen Kontakt, telefonisch oder via Whatsapp. Beispielsweise soll er eines der Opfer mit folgendem Zitat in Angst und Schrecken versetzt haben: «Das ist dein Ende, du weisst, wozu ich fähig bin. Ich selber werde mir die Hände nicht schmutzig machen. Aber deine Tage sind gezählt!»

Fünf Jahre Freiheitsentzug gefordert

Die Staatsanwaltschaft kam aufgrund der Indizien zur Überzeugung, dass O. am Überfall im «Jurablick» beteiligt war, unter anderem hält sie die bei der Hausdurchsuchung an dessen damaligen Wohnort in Grenchen sichergestellte Pistole für die Tatwaffe. In seinem Plädoyer bezichtigte der Staatsanwalt den Beschuldigten als Person, die «sich als Unschuldslamm ausgibt», im Gegenzug aber keinerlei Verpflichtungen erfüllen wolle. Unterhaltszahlungen leiste er nicht, ebenso blieben Steuern, Bussen, Krankenkasse unbezahlt, dafür sei der Betreibungsregisterauszug mehrere Seiten lang.

Nehat O. setze sich über Verkehrsvorschriften hinweg und pumpe ausserdem notorisch gutmütige Menschen an und besitze trotz knapper Kasse immer wieder mehrere Autos auf einmal. Das Verfahren habe auch so lange gedauert, weil wieder und wieder neue Anzeigen gegen ihn hinzugekommen seien. Der Antrag der Staatsanwaltschaft fordert einen Schuldspruch in sämtlichen zur Beurteilung kommenden Anklagepunkten (deren drei sind inzwischen verjährt) sowie eine Freiheitsstrafe von fünf Jahren, 180 Tage Geldstrafe à 30 Franken unbedingt und eine Busse von 300 Franken.

Die Verteidigung anerkennt lediglich in einem Punkt – mehrfaches Führen eines Personenwagens trotz Entzug des Führerausweises – die Schuld von Nehat O., ansonsten sei er gänzlich freizusprechen. Beim Vorwurf der Vernachlässigung von Unterhaltspflichten führte die Verteidigung ins Feld, dass der Beschuldigte im besagten Zeitraum von April 2015 bis September 2016 kein derartiges Einkommen, das die Zahlungen möglich gemacht hätte, erzielt habe. Das Urteil wird den Parteien am kommenden 15. Juni mündlich eröffnet.

* Namen von der Redaktion ­geändert

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