Eine «Chiller-Lounge» soll es geben. Mit Sofa, Musik und Bar. Mit Regenbogencocktails. Dafür wird im ehemaligen Hühnerstall fleissig gebohrt, gehämmert und gestrichen. Und auch im Haus wird geschuftet: Die Wände werden neu gestrichen. Eine Woche lang leisten Mitarbeiter der Medizinaltechnikfirma Stryker im Kinderheim «Huus am Schärme» in Hägendorf Freiwilligenarbeit.

«Freiwilligenarbeit in Kinderheimen ist ein Phänomen, das wir so noch nicht kennen», erzählt Regina Giger, Geschäftsführerin der Stiftung Kinderheime Solothurn. Anders als beispielsweise in Altersheimen, wo sie vermehrt etabliert sei. Dabei wäre sie gerade im Kinderheim nicht nur höchst willkommen, sondern auch mehr oder weniger notwendig. Um die zehn Kinder leben im Schnitt im «Huus am Schärme». Dazu kommen Sozialpädagogen, Fachpersonen Betreuung, Auszubildende, Praktikanten und Mitarbeiter der Administration.

Ein Haushalt also, der das Haus beansprucht. Entsprechend umfangreich gestalten sich die Unterhaltsarbeiten. «Einige Wände könnten wir jedes Jahr neu streichen», so Giger. Grundsätzlich versuche man, möglichst viele dieser Arbeiten selber aufzufangen. «Würden wir alle Arbeiten am und ums Haus auslagern, würden die Kosten explodieren.»

Kostenfaktor

Im Kinderheim bewegt man sich auch aus finanzieller Hinsicht auf schwierigem Terrain. Bezahlt wird nach dem Prinzip der «Subjektfinanzierung». Das bedeutet: Die Gemeinden zahlen dem Heim pro Kind einen fixen Betrag, der von Unterhalts- bis zu Personalkosten alles abdecken soll. Wie lange ein Kind jedoch im Heim lebt, ist immer wieder Gegenstand von Abklärungen.

So komme es durchaus vor, dass Kinder früher als geplant zurück in die Familien können. Eine optimale Auslastung zu koordinieren, ist entsprechend schwierig. Freie Plätze lösen Defizite aus. Geld, das dem Kinderheim fehlt, eben auch bei Unterhaltsarbeiten. Man kann das Ganze auch umdrehen: «Ein guter Geschäftsabschluss bedeutet leider auch, dass es in vielen Familien grosse Probleme gibt. Das macht uns betroffen», so Giger.

«Ein Kind aus der Familie zu nehmen, ist der allerletzte Ausweg.» Vorher versuche man, die Familie ambulant, als zu Hause zu unterstützen, erklärt Brigitte Wyss, Bereichsleiterin im «Huus am Schärme». Das reicht von Hausaufgabenhilfe bis hin zu Begleitung im Alltag und Hilfestellungen beim Aufbau von Tagesstrukturen. So könnten viele Probleme direkt in den Familien gelöst werden.

Dies bedeutet aber auch: «Wenn ein Kind fremdplatziert werden muss, handelt es sich um einen komplexen Fall.» Um diese zu betreuen, brauche es das entsprechende Personal. Konkret: ausgebildete Sozialpädagogen. Diese sind teuer. «Es stellt sich die Frage, ob man teures Personal für beispielsweise Garten- oder Hausarbeiten einsetzen will», gibt Giger zu Bedenken.

Alle Arbeiten auszulagern, kann man sich kaum leisten. Alle Arbeiten selber aufzufangen, ist aber auch nicht optimal. Was also tun? Dass die Firma Stryker sich anerboten habe, in einem so grossen Rahmen zu helfen, sei «es Gschänk vom Himmu», so Wyss. Bereits im Vorjahr habe man, im kleineren Rahmen, solche Projekte ausgetestet. Im Frühling 2017 hat die Firma Amcor aus Rickenbach den Garten auf Vordermann gebracht. Und im Herbst haben rund 15 Personen aus der Umgebung zusammen mit den Kindern den Garten winterfest gemacht. «Die Rückmeldungen sind allesamt positiv», berichtet Wyss.

Gelungene Woche

Ebenfalls positiv waren die Rückmeldungen vonseiten der Mitarbeiter von Stryker. «Für mich persönlich war es eine tolle Erfahrung mit schönen Momenten», berichtet Özge Tatli, die das Projekt geplant hatte. Im Rahmen eine richtiggehenden «Freiwilligenarbeit-Projektwoche» leistete die Firma an verschiedenen Standorten weltweit Sozialarbeit. Für die Niederlassung Selzach hat Tatli Optionen für eine Sozialarbeit in der Umgebung recherchiert. «So bin ich auf die Stiftung Kinderheime Solothurn gestossen.»

Im Gegensatz zu bisherigem Engagement im sozialen Bereich – in den letzten beiden Jahren hat man Weihnachtsgeschenke für Kinderheime organisiert –, sei es diesmal wichtig gewesen, vor Ort aktiv zu sein. So wurden die Mitarbeiter auf den Einsatz vorbereitet, insbesondere was den Persönlichkeitsschutz der Kinder angeht, und dann ging es während vier Tagen mit insgesamt 30 Leuten nach Hägendorf.

Im Garten wurde gearbeitet und im Haus geputzt und gestrichen. Und der Höhepunkt: Zusammen mit den Kindern verwandelte sich der ehemalige Hühnerstall in einen «Zruggziehruum». «Dieser Einsatz war ein spezielles Projekt.» In dieser Form und Grössenordnung gab es das bisher noch nicht. Es sei aber eine sehr gelungene Woche gewesen. Nebst dem direkten Nutzen der erledigten Arbeiten habe man auch den Teamgeist fördern können.

Problematik Freiwilligenarbeit

Auf diesen Erfahrungen will auch das Kinderheim aufbauen. «Es geht jetzt darum, sich zu rüsten», so Giger. Freiwilligenarbeit in einem Kinderheim sei nämlich nicht unproblematisch. Ein Besuch in einem Kinderheim ist immer direkt ein Eindringen in die Privatsphäre der Kinder.

«Der Schutz der persönlichen Geschichten steht immer an erster Stelle.» Gleichzeitig ist Freiwilligenarbeit speziell bei kleineren Kindern problematisch: «Sie brauchen stabile Beziehungen, ein ständiges Kommen und Gehen ist undenkbar.»

Und schliesslich geht es um das Kindswohl. Alle Angestellten müssen sowieso einen Strafregisterauszug einreichen. Will man es bei Freiwilligen ähnlich handhaben? Wo kann man Freiwillige einsetzen? Und wo rekrutieren? Solche und ähnliche Fragen gilt es noch zu klären. Alleine steht die Stiftung Kinderheime Solothurn allerdings nicht da: «Partnerorganisationen stellen sich momentan ähnliche Fragen», so Giger.

Perspektivenwechsel

Gratis frisch gestrichene Wände sind nicht der einzige Vorteil, der die Freiwilligenarbeit mit sich bringt. «Im Kontakt mit fremden Menschen können wir die Kinder auf ganz andere Art und Weise wahrnehmen.» Gerade in Hägendorf sind viele Kinder in einem Alter, in dem die Schule zu Ende geht und eine Lehre oder ein erster Job ansteht. Wie tritt man vor fremden Menschen, vielleicht im Hinblick auf ein Vorstellungsgespräch, auf? Aber auch den Kindern bietet sich eine andere Perspektive: «Es ist schön, zu sehen, wie sich fremde Menschen einsetzen», meinte ein kleiner Maler.

Ein letzter Pinselstrich. Das Treppenhaus erstrahlt in neuem Glanz. Dafür sind jetzt Hosen und Turnschuhe der Stryker Mitarbeiter weiss getupft. «Das passiert halt, wenn Laien am Werk sind.» Ein kleiner Preis dafür, dass das Heim wieder für eine Weile den Kindern standhält.