Vermisst - verschollen
Fredi Mühlemann wird seit 33 Jahren vermisst - gilt er bald als verschollen?

1981 reiste der damals 22-Jährige nach Indien. Seither fehlt vom Biberister jegliche Spur – er wird vermisst und wohl bald auch «amtlich für tot» erklärt. Im Kanton Solothurn werden jährlich gegen 80 Personen als vermisst gemeldet.

Simon Binz
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Die meisten als vermisst gemeldeten Personen tauchen rasch wieder auf, nur selten bleiben Personen länger verschwunden.

Die meisten als vermisst gemeldeten Personen tauchen rasch wieder auf, nur selten bleiben Personen länger verschwunden.

Keystone

Es ist lange her. Mehr als 33 Jahre, genau genommen. Damals verschwand der Biberister Alfred Markus Mühlemann. Am 18. Mai 1981 stieg der 22-jährige Fredi in ein Flugzeug der Swissair und flog nach Bombay (Indien). Was mit ihm geschah, weiss niemand. Er wurde nie wieder gesehen und gilt seither als vermisst.

Fünf «Langzeitvermisste»

Jährlich werden im Kanton Solothurn gegen 80 Personen als vermisst gemeldet (Durchschnitt der letzten vier Jahre). Die meisten tauchen rasch wieder auf, nur selten bleiben Personen länger verschwunden. Trotzdem, zurzeit gelten im Kanton fünf Personen als langzeitvermisst (gilt nach Verstreichen von drei Monaten ab Meldedatum).

Verschollenerklärung im Kanton Solothurn: Seit 1994 gab es insgesamt «nur» 20 Verfahren

Anfragen bei den fünf Richterämtern im Kanton zeigen, dass Verschollenheitsverfahren hier eher selten vorkommen. Sabine Kunz, Amtsgerichtsschreiberin des Richteramts Bucheggberg-Wasseramt – dieses muss sich mit Alfred Markus Mühlemann beschäftigen – hatte in den letzten 20 Jahren gerade mal einen Fall. Je nach Grösse der Amteien gibt es mehr oder weniger solche Verfahren. «Seit 1994 sind bei uns insgesamt acht Verfahren zu verzeichnen», berichtet Peter Friedli, Amtsgerichtsschreiber von Solothurn-Lebern. Er nennt zwei Fälle:

Ein Mann, geboren 1900, wanderte in in jungen Jahren nach Brasilien aus. Seine Schwester erhielt 1949 einen letzten Brief. Seit 1965 war er unbekannten Aufenthaltes. Im Zusammenhang mit der Liquidation eines Erbanspruches erging das Verschollenheitsurteil im November 2000.

Eine Mutter, geboren 1937, wurde seit 1989 vermisst. Sie hinterliess einen Abschiedsbrief. Das Verschollenheitsurteil erging im Mai 2001.

Beim Richteramt Olten-Gösgen wurden seit 1994 insgesamt 12 Verfahren verzeichnet. Remo Morand, Amtsgerichtsschreiber von Dorneck-Thierstein sagt, dass seit 1994 zwar drei Verfahren anhängig gemacht wurden, die entsprechenden Gesuche aber jeweils nach kurzer Zeit aus ihnen nicht bekannten Gründen wieder zurückgezogen wurden. Richtiggehend überrascht von der Anfrage ist Rolf Eggenschwiler, seit mehr als 20 Jahren Amtsgerichtsschreiber beim Richteramt Thal-Gäu. Er lacht und fragt schmunzelnd: «Verschollenheitsverfahren? Was ist das?». (sbi)

Die Zahlen aus der polizeilichen Kriminalitätsstatistik zeigen, dass zwei der «Langzeitvermissten» im Jahr 2012, und drei von ihnen im letzten Jahr verschwanden. Informationen rund um diese Personen, die Umstände, entsprechende Daten oder Zeiten des Verschwindens darf die Polizei aus Datenschutzgründen nicht weitergeben.

Keine Daten für «Fall Fredi»

Fredi Mühlemann gehört nicht zu diesen fünf. Zu lange ist es her, dass der gebürtige Alchenstorfer (BE) verschwunden ist. Personen bleiben nämlich nur so lange auf der «Vermisstenliste» – diese wird nirgends publiziert – bis die ordentliche Löschfrist von zehn Jahren erreicht ist. «Nach Verstreichen dieser wird der Fall nochmals beurteilt», erklärt Thomas Kummer, Sprecher der Kantonspolizei Solothurn. Akten, Unterlagen oder andere Informationen rund um den «Fall Fredi» sind genau wegen dieser verstrichenen Löschfrist keine mehr vorhanden.

Vorgehen bei Vermisstmeldung

Geht bei der Polizei eine Vermisstenanzeige ein, wird diese in der Regel von der örtlich zuständigen Sicherheitspolizei aufgenommen. Danach wird eine sorgfältige und rasche Lagebeurteilung vorgenommen. Dort werden diverse Kriterien eingebunden wie Gefährdung, Alter, Person, Witterung, Uhrzeit, Besonderheiten Gelände, Hintergründe etc. Wird der Aufenthaltsort einer erwachsenen, vermissten Person innerhalb 48 Stunden nicht ermittelt, wird der Kriminalabteilung die Fallsachbearbeitung übertragen. «Bei vermissten Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren ist nach erfolglosen ersten Massnahmen durch die Sicherheitspolizei sofort die Kriminalabteilung zuständig», erklärt Thomas Kummer. Bei alten, kranken oder behinderten Personen (sogenannte hilflose Personen) sowie suizidgefährdeten Personen (ab dem 18. Altersjahr) oder wenn der Verdacht eines Verbrechens vorliegt, ist bereits ab Eingang der Meldung die Kriminalabteilung zuständig.

Die sorgfältige und rasche Lagebeurteilung ist wichtig, um die richtigen Schritte bezüglich des Vorgehens einzuleiten und den Umfang der Suchmassnahmen abzustecken. Im Einzelnen bedeutet dies:

Durchsuchung des Domizils

Auswertungen von Briefen, Tagebüchern, Notizen und Kalendern

Erhebung Fotomaterial und Signalement

Suche in Gebäuden und Aufhaltungsorten, zu welchen die Person einen Bezug hatte

Befragung von Personen im sozialen Umfeld

Abgleich mit Daten (Telefonverbindungen, Krankenhäuser, Geldautomaten etc.)

Hinzu kommt eine Suchaktion unter situativem Einbezug von folgenden Mitteln:

Einsatz von Personenspürhunden

Suche mit Helikopter

Ortungen (Notsuche)

Öffentlichkeitsfahndung etc.

Eine Öffentlichkeitsfahndung wird übrigens dann über die Medien verbreitet, wenn die Mitwirkung der Bevölkerung notwendig ist oder eine Gefahr für Leib und Leben besteht. «Die Öffentlichkeitsfahndung nach Vermissten soll sich in der Regel auf Kinder sowie auf betagte, kranke oder sich selbst gefährdende Personen beschränken», erklärt Kummer.

Verschollenverfahren eröffnet

Als Fredi Mühlemann vor über 33 Jahren verschwand, waren die Möglichkeiten zur Suche wohl um einiges begrenzter als heute. Wie, wo und wie lange nach Fredi gesucht wurde, konnte diese Zeitung nicht in Erfahrung bringen. Vom Verschwinden des Biberister war aus dem Amtsblatt des Kantons Solothurn zu erfahren. Das Richteramt Bucheggberg-Wasseramt hatte in der 26. Ausgabe nämlich einen Aufruf zur Verschollenerklärung publiziert. Das passiert im Kanton sehr selten. Oft geht es um Erbschaftsangelegenheiten, denn solange eine Person vermisst wird, ohne dass sie amtlich für tot erklärt wurde, bleiben für die Angehörigen etliche Aspekte ungeklärt.

Wie Sabine Kunz, Amtsgerichtsschreiberin des Richteramts Bucheggberg-Wasseramt auf Anfrage erklärt, ist es beim Fall «Fredi» nicht anders. Für die gesuchsstellende Person gilt es nun ein Jahr lang abzuwarten, denn laut ZGB Art. 36 Abs. 2 hat das Gericht jedermann, der Nachrichten über den Verschwundenen oder Abwesenden geben kann, in angemessener Weise öffentlich aufzufordern, sich binnen einer bestimmten Frist zu melden. Im Amtsblatt stand darum: «Jedermann, der über den Abwesenden Nachricht geben kann, wird hiermit aufgefordert, sich innert eines Jahres seit der ersten Publikation im Amtsblatt des Kantons Solothurn (bis 27. Juni 2015) beim Richteramt Bucheggberg-Wasseramt in Solothurn zu melden». Und was, wenn sich niemand meldet? Dann wird «Fredi» Markus Mühlemann gemäss Art. 38 ZGB für verschollen erklärt.