Lehrstellenmarkt 2016

Experte fordert: «Es braucht mehr Zeit für die Berufswahl»

Kurt Jäggi kennt den Lehrstellenmarkt im Grossraum Solothurn sehr gut. Seit 19 Jahren ist er Personalchef der Industriefirma Glutz AG in Solothurn, und er ist Leiter der HR-Gruppe im Solothurner Industrieverband.

Kurt Jäggi kennt den Lehrstellenmarkt im Grossraum Solothurn sehr gut. Seit 19 Jahren ist er Personalchef der Industriefirma Glutz AG in Solothurn, und er ist Leiter der HR-Gruppe im Solothurner Industrieverband.

Im August beginnen weniger Jugendliche eine Lehre. Personalexperte Kurt Jäggi kritisiert, dass Firmen wegen dem Lehrlingsmangel die Rekrutierung der «Stifte» zu früh angehen.

Wie beurteilen Sie als Mann an der Front den Lehrstellenmarkt im Vergleich zu früher?

Kurt Jäggi: Die Situation hat sich in den vergangenen 10 bis 15 Jahren extrem verändert. Dannzumal haben wir Lehrstellen in kleinen Annoncen ausgeschrieben und das Echo auf jede Ausschreibung war gewaltig. Wir konnten in Ruhe auswählen und die Geeignetsten für das entsprechende Berufsprofil anstellen. Heute flattern die Bewerbungen nicht mehr automatisch auf das Pult, die Lehrstellenbesetzung ist kein Selbstläufer mehr. Heute können die Lernenden wählen, in welchem Betrieb sie eine Berufslehre absolvieren wollen. Und diese Tendenz hat sich in den vergangenen Jahren noch verstärkt.

Gemäss dem nationalen Lehrstellenbarometer werden im August 2016 deutlich weniger Schulaustretende eine Berufslehre beginnen als ein Jahr zuvor. Welche Beobachtungen machen Sie?

Diesen Trend kann ich bestätigen. Hauptgrund ist die demografische Entwicklung. In unserer Unternehmung werden es mit fünf «Stiften» gleich viele sein, die im August starten werden. Wir bauen unser Angebot sogar aus. Erstmals werden wir jetzt einen Jugendlichen zum Logistiker ausbilden. Geplant ist, die Palette an Ausbildungen mit dem Informatiker und Elektroniker auszuweiten.

Warum erweitern Sie die Berufspalette, wenn gleichzeitig die Zahl der Schulaustretenden sinkt?

Es ist zunehmend schwierig, auf dem Markt Fachkräfte zu finden. Bei einer Selbstausbildung ist die Chance relativ gross, dass diese dann zumindest auch für eine bestimmte Zeit im Unternehmen bleiben. Deshalb wollen wir so viele Lernende wie möglich ausbilden mit dem Ziel, diese im Unternehmen halten zu können. In Zukunft wird die Besetzung offener Stellen mit Fachkräften noch schwieriger.

Inwiefern sehen Sie da Probleme?

Die demografische Entwicklung mündet zu einer hohen Altersfluktuation. Diese beträgt bei uns in den kommenden 15 Jahren rund drei Prozent. Das bedeutet, dass jedes Jahr 10 Angestellte in Pension gehen werden. Diese müssen ersetzt werden. Wir bilden jedes Jahr fünf Nachwuchskräfte aus, den Rest müssen wir auf dem Markt rekrutieren. Das Problem haben alle. Im Kanton Solothurn wurden im vergangenen Jahr gut 3000 Personen 65-jährig, gleichzeitig wurden 2300 neue Lehrverhältnisse abgeschlossen. Dieses Delta wird immer grösser.

Wird sich der Kampf um Lernende zuspitzen?

Das ist eindeutig. Damit verbunden ist auch die Gefahr, dass vor allem kleinere Betriebe künftig auf Ausbildungsplätze verzichten. Die Suche wird zu mühsam und auch die administrativen Anforderungen an einen Ausbildner steigen stetig. Dies ist zwar teilweise nötig, weil gewisse Ausbildner die Lernenden als billige Arbeitskräfte missbrauchen. Es braucht daher eine gute Balance zwischen Aufwand und Ertrag bei der Administration.

Ist die demografische Entwicklung nicht auch eine Ausrede, um Lehrstellen gar nicht besetzen zu müssen?

Nein, die Folgen wie weniger Schulaustretende sind gegeben. Aber eine wichtige Rolle spielen auch die Eltern als wohl wichtigste Bezugspersonen ihrer Kinder. Es herrscht die Meinung vor, ohne Gymnasium sei es schwieriger, eine berufliche Karriere zu machen.

Trifft das nicht zu?

Überhaupt nicht. Die duale Ausbildung mit Praxis und Schule eröffnet dank den mannigfaltigen Weiterbildungsmöglichkeiten – selbst der spätere Weg an die Universität ist nicht verbaut – mindestens dieselben Karrieremöglichkeiten. Für mich ist der Lehrabschluss die wichtigste Prüfung. Es ist das Tor zu Weiterbildung. Es gibt X-Beispiele von CEOs, die mit einer Lehre ins Berufsleben gestartet sind. Ich spreche aber nicht gegen das Gymnasium, es braucht beides.

Steht die schwierigere Rekrutierung von Lernenden auch mit deren schulischen Leistungen zusammen?

Die Qualifikation der Schulaustretenden, die eine Berufslehre ergreifen wollen, hat im Durchschnitt abgenommen. Die Besetzung der anspruchsvollen Lehrstellen wird wegen der schlechteren Gesamtqualifikationen schwieriger.

Aber die heutigen Schulabgänger sind doch nicht dümmer als vor 15 Jahren.

Nein, das sind sie nicht. Es geht denn auch eher um die Einstellung zur Arbeit generell und zur Berufslehre im Speziellen. Die heutige Generation legt ihren Fokus weniger auf die Berufslehre. Das ist ein gesellschaftlicher Wandel, den ein einzelner Betrieb nicht aufhalten kann. Zudem ist die Palette der Anschlusslösungen an die obligatorische Schulzeit heute viel breiter. Und zudem steigen die Anforderungen praktisch in jedem Berufsfeld massiv an.

Was kann ein Betrieb machen, um trotz härterem Kampf die geeigneten Lernenden zu finden?

Der Arbeitgeber muss attraktiv bleiben, er muss sich aktiv in der Öffentlichkeit zeigen und das Beziehungsnetz nutzen. Es gilt, die Berufsfelder an Messen und Ausstellungen oder über Schnupperlehren praxisnah darzustellen, um das Interesse der Jugendlichen zu wecken. Jede Firma muss im Lehrstellenmarkt Präsenz markieren, denn das Lehrstellenmarketing wird immer wichtiger. Den angehenden «Stiften» muss etwas geboten werden, ich denke jetzt nicht an monetäre Anreize. Es gilt, die Ausbildung professionell zu gestalten und den Jugendlichen die Zukunftsperspektiven aufzuzeigen.

Liegt es nicht auch am falschen Image der gewerblichen und industriellen Berufe?

Das ist ein Riesenproblem. Die Bilder der Berufe in der industriellen Fertigung basieren immer noch auf ganz alten Vorstellungen. Dabei sieht die Realität ganz anders aus. Es ist nicht mehr laut, ölig und dreckig. Viele Betriebe sind hochmodern mit anspruchsvollsten Hightechanlagen ausgerüstet. Die sogenannt dreckige Arbeit wird heute von Robotern erledigt, deren Steuerung obliegt dann eben den Fachkräften.

Was ist die Folge der falschen Vorstellungen?

Es heisst, wenn du unsicher bist, dann mach halt das KV. Dabei liegt die Zukunft eher in gewerblichen und industriellen Berufen. Ein durchschnittlicher Absolvent einer KV-Lehre ohne Weiterbildung hat später viel mehr Probleme auf dem Arbeitsmarkt als ein durchschnittlicher Mechaniker, weil Letztere stärker gesucht sind. Ich finde, es absolvieren zu viele die KV-Lehre. Auch über die Löhne herrschen falsche Vorurteile. Ein vergleichbar ausgebildeter Mechaniker verdient zehn Jahre nach der Lehre mehr als ein Kaufmann ohne Weiterbildung.

Erfolgt wegen des zunehmenden Mangels an Lernenden deren Rekrutierung nicht zu früh?

Leider ist das so. Es gibt zwar ein «Fairplay-Regulativ» vom Amt für Berufsbildung, welches auch vom Industrieverband unterstützt wird. Darin empfehlen wir, mit der Suche nach Lernenden erst nach den Sommerferien zu beginnen und Lehrverträge jeweils erst ab Oktober abzuschliessen. Diese Empfehlung wird aber dauernd unterlaufen. Nicht selten werden Lehrstelleninserate bereits im März oder April für Lehrbeginn im August des Folgejahres geschaltet. Das führt dazu, dass sich je nach Geburtstag bereits 13-jährige Schülerinnen und Schüler um eine Lehrstelle bewerben müssen. Das ist eine schlechte Entwicklung.

Warum?

Viele Firmen suchen gezielt die schulisch besten Jugendlichen möglichst frühzeitig aus, um sie sich zu sichern. Damit einher geht die Gefahr von Fehlbesetzungen und anschliessenden Lehrabbrüchen. Denn die Bedürfnisse, die Interessen und die Wünsche können in diesem Alter rasch ändern. Die Statistik zeigt, dass die falsche Berufs- und Lehrstellenwahl einer der drei Hauptgründe ist für den Abbruch der Berufslehre. Die Jugendlichen brauchen einfach mehr Zeit bei der wichtigen Berufswahl. Zudem droht eine Zwei-Klassen-Gesellschaft.

Was meinen Sie damit?

Die vorpreschenden Firmen saugen die jeweils schulisch besten Jugendlichen ab. Firmen, die sich an die Empfehlung bei der Rekrutierung halten, haben dann vielfach Mühe, die geeigneten Kandidaten für hochqualifizierte Berufe zu finden. Zu sagen ist aber auch: Das muss nicht so sein. Wir machen gute Erfahrungen mit der geduldigen Suche nach Lernenden. Denn die Noten spielen bei der Lehrstellenbesetzung eine Rolle, aber nicht die Hauptrolle. Für uns sind nach wie vor Dinge wie das Auftreten, das Verhalten, passt der Bewerber in unsere Firmenkultur wichtiger. Kurz, das Bauchgefühl ist sehr entscheidend.

Meistgesehen

Artboard 1