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Eine Firma kämpft gegen Verschwendung von Lebensmitteln – diese Betriebe aus dem Kanton machen mit

Die Bäckerei Hofer am Solothurner Stalden: Verkäuferin Corinne Probst überprüft die Bestellung auf der App.

Die Bäckerei Hofer am Solothurner Stalden: Verkäuferin Corinne Probst überprüft die Bestellung auf der App.

Seit einem Jahr gibt es «Too Good To Go» in der Schweiz. Die Anti-Foodwaste-Bewegung ist seither geradezu explodiert – auch in Solothurn. Bereits 27 Betriebe aus dem Kanton machen mit – Tendenz steigend. Und schon rund 3000 Mahlzeiten wurden dadurch «gerettet».

Ein einzelnes Salami-Sandwich liegt noch in der Theke. Einige belegte Brote, Poulet-Curry und Ei. Und mehrere Erdbeertörtchen. Es sieht nach Feierabend aus. Kurz nach Ladenschluss ist die Auslagefläche in der Bäckerei Hofer am Solothurner Stalden fast leer. Aber nicht ganz. Was jetzt noch da ist, kommt normalerweise nicht mehr unter die Leute. Es wird zu Biogas verarbeitet.

Auftritt eines jungen Mannes. Schwarz-weisses T-Shirt, kurze Haare, Turnsack auf dem Rücken. Mit ausgestrecktem Smartphone betritt er den Laden. Die Verkäuferin packt das Sandwich, ein belegtes Brot und ein Erdbeertörtchen in eine Tüte, streicht einmal über das Smartphone und übergibt die Waren. Ein paar Lebensmittel weniger, die an diesem Tag in den Tiefen einer Biogasanlage verschwinden.

«Too Good To Go» nennt sich die App, mit deren Hilfe unser Protagonist die Lebensmittel «gerettet» hat. Das Prinzip dahinter ist simpel: Gastro-Betriebe können mitmachen und via App melden, wie viele Mahlzeiten sie noch übrig haben und wegwerfen müssten (oder im Fall der Bäckerei Hofer zu Biogas verarbeiten). Der Kunde sieht auf der App, wo Lebensmittel übrig sind, kann diese für einen Bruchteil ihres Wertes direkt bezahlen und zu bestimmten Zeiten abholen. Im «Hofer» ist das jeweils nach Ladenschluss am Abend der Fall, andere Gastro-Betriebe bieten aber auch Morgen- oder Mittagessen an. Was es genau zu essen gibt, weiss der Kunde jeweils nicht. Das hängt vom Betrieb und auch davon ab, was am Ende des Tages übrig ist.

In Olten und Solothurn präsent, anderswo weniger

Die Idee ist ursprünglich eine dänische. Das Phänomen hat sich aber mittlerweile auf mehrere europäische Länder ausgeweitet. Seit rund einem Jahr gibt es «Too Good To Go» auch in der Schweiz. Nach verhaltenem Start ist die App in den letzten Monaten regelrecht explodiert. 370'000 registrierte Nutzer zählt sie mittlerweile, 360'000 Mahlzeiten wurden gerettet. Und über 1300 Gastro-Betriebe machen mit, Tendenz weiter steigend. Das ambitionierte Ziel des jungen Unternehmens: Bis Ende Jahr will man 1'000'000 Mahlzeiten gerettet und dereinst Partnerbetriebe in der ganzen Schweiz, auch in kleinen Dörfern, haben, wie Sara Osmani sagt. Sie ist für die Kommunikation des Unternehmens verantwortlich.

Foodwaste wird immer mehr zum Thema

Wir stark «Too Good To Go» in den letzten Monaten zugelegt hat, verdeutlichen die Zahlen: Blau die Anzahl geretteten Mahlzeiten pro Monat schweizweit, grün die Anzahl Nutzer schweizweit, die sich jeden Monat neu bei der App registrieren, und orange die Anzahl geretteten Mahlzeiten pro Monat im Kanton Solothurn:

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Auch im Kanton Solothurn ist die App am Wachsen. 27 Partnerbetriebe machen bis jetzt mit, von Dornach über Olten bis nach Solothurn. Mehrheitlich Bäckereien, aber auch das Restaurant Von Roll der Oltner Fachhochschule oder Dunkin’Donuts, ebenfalls aus Olten, machen mit. Geografisch gesehen hat es in der Grossregion Olten klar am meisten Partnerbetriebe, in der Stadt Solothurn machen einige wenige mit und in Dornach eine einzige Bäckerei. Der restliche Kanton ist noch kaum abgedeckt. Insgesamt mussten dank «Too Good To Go» im Kanton Solothurn knapp 3000 Mahlzeiten nicht weggeworfen werden.

Und so verteilen sich die Betriebe, die bei «Too Good To Go» momentan mitmachen, auf den Kanton:

Vom Unternehmen zur «Bewegung»

Hinter der «Too Good To Go»-App steckt eine gleichnamige Firma aus Zürich mit 14 Mitarbeitern, eine Zweigniederlassung der dänischen Mutterfirma. Man sieht sich aber eher als Bewegung denn als Unternehmen. Als Anti-Foodwaste-Bewegung. 300 Kilo Lebensmittel schmeissen Herr und Frau Schweizer jährlich weg. Das ist etwa ein Drittel aller produzierten Lebensmittel, die einfach verloren gehen. Diesem Verschwendertum will man den Kampf ansagen. Mit Marketingkampagnen, auf politischer Ebene – und eben mit der App. «Foodwaste passiert einfach, es kann 1000 Gründe dafür geben. Mit der App bieten wir eine Möglichkeit, etwas Kleines dagegen zu tun», sagt Osmani.

Bis zu zehn Mahlzeiten täglich darf ein Gastro-Betrieb via «Too Good To Go» anbieten. Mehr nicht. «Wenn es noch mehr wird, dann stimmt irgendetwas nicht mehr», so Osmani. Schliesslich sei der Sinn der ganzen Übung, Foodwaste zu verhindern und nicht, den Betrieben neue Märkte zu öffnen. Nebst dem Betreiben der App ist diese Kontrolle eine der Aufgaben des jungen Unternehmens. Bisher sei es aber noch nie vorgekommen, dass jemand viel zu viel Lebensmittel über diesen Kanal angeboten habe. Das würde sich rein finanziell gar nicht lohnen. «Rein vom Preis her macht es keinen Sinn, Too Good To Go als Absatzmarkt zu benutzen. Aufwand und Ertrag lohnen sich nicht», sagt Osmani.

Reich wird bei dem Projekt niemand. Weder das Unternehmen noch die Betriebe. 2.90 Franken pro gerettete Mahlzeit gehen an «Too Good To Go». Laut Osmani gerade genug, dass man unabhängig von Sponsoren arbeiten kann. Der Rest geht an die jeweiligen Betriebe. Im Falle der Bäckerei Hofer sind das noch zwei Franken pro Mahlzeit. «Das sind immerhin zwei Franken», wie Geschäftsführerin Ingrid Spit Hofer sagt. Trotzdem macht auch sie nicht des Geldes wegen mit. «Es reut mich, aus unseren Produkten Biogas zu machen. Der Gedanke, dass die Sachen gegessen werden, ist viel schöner.»

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