Solothurner Untergrund

Ein gruseliges Museum und Kunst von Patienten: Das liegt unter dem Solothurner Psychiatriekomplex

Unterhalb des Psychiatriegebäudes der Solothurner Spitäler AG verbirgt sich ein Labyrinth, eine scheinbar verlassene Welt. 125 Türen führen zu Räumen, die ein Stück Psychiatriegeschichte beinhalten. Und gefüllt sind mit den Geschichten früherer Patientinnen und Patienten.

Dieser Ort erzählt Geschichten. Nicht nur schöne. Der Ort befindet sich im Untergrund. Wortwörtlich. Rund 6000 Quadratmeter der Psychiatrischen Dienste der Solothurner Spitäler AG (soH) befinden sich unter der Erde; unter den Hauptgebäuden zwischen Langendorf und Solothurn. Vom von Tageslicht erhellten Eingangsbereich führen Treppenstufen hinunter in einen Raum. Dunkler Boden, helle Wände – alles wirkt blitzblank, auch das weisse Licht, das den Untergrund bestrahlt. Von hier aus führen mehrere Gänge und Durchgänge in weitere Korridore und Räume. In jedem Gang findet sich eine andere Geschichte. Hinter jeder Tür – davon gibt es hier unten 125 – ein neues Kapitel. 

Mit zwei Mitarbeitern im Untergrund der Psychiatrischen Dienste der Solothurner Spitäler AG unterwegs

Mit zwei Mitarbeitern im Untergrund der Psychiatrischen Dienste der Solothurner Spitäler AG unterwegs

Patrick Mülchi und Bruno Strub erzählen, wie sie die Arbeit im Untergrund erleben. Dazu gibts ein Rundgang in den Katakomben.

Erster Gang

Es quietscht in regelmässigen Abständen. Eine Reinigungskraft kommt vorbei, einen Putzwagen vor sich her schiebend, vorbei an den Türen, die den Gang links und rechts säumen. Danach ist es still. Bis um 11 Uhr vom Ende des Ganges her ein Rattern tönt. Dort befindet sich ein Lift. Die Türen öffnen sich und Mitarbeitende mit Maske ziehen grau glänzende Wagen hinaus, die sie an rote Schleppwagen klinken. Dann fährt  der ganze Zug durch den Gang und es duftet – so wie immer dann, wenn jemand feines Zmittag kocht. In den Anhängern befindet sich das Mittagessen der Patientinnen und Patienten, von der Küche aus reist es durch den Untergrund, wird so auf die verschiedenen Stationen, die durch die unterirdischen Gänge verbunden sind, verteilt. Dorthin, wo Suchterkrankte, Depressive, Personen mit Schizophrenie – Menschen mit ganz unterschiedlichen Geschichten in der stationären Psychiatrie therapiert werden. Oberirdisch.

Im Untergrund wird es nach der Tour der Wägelchen wieder ruhiger. Ab und zu rauscht und knattert es in den Rohren, die sich Decken und Wänden entlang schlängeln. Rund zwölf Mitarbeitende arbeiten täglich unter der Erde, Reinigungspersonal und das Team des Technischen Dienstes. Einer von ihnen ist Patrick Mülchi, 37, stellvertretender Leiter Sicherheit und Technik. «Hier arbeiten nicht alle gerne», sagt er über den Untergrund. Es könne schon auch «speziell» sein – in der Nacht oder an Wochenenden. Ansonsten gefalle ihm die Ruhe aber. Und: «Alles, was oben gebraucht wird, kommt hier unten zusammen.» So auch an Mülchis Lieblingsort: Im Heizungsraum, in dem Strom produziert wird, der jährlich für 50 Einfamilienhäuser reichen würde. Auch Frischwasser fliesst von unten nach oben – und kommt in Form von Abwasser wieder runter. Mülchi beschreibt den Untergrund auch als Ort, an dem «wohl erledigt wird, was man oben nicht unbedingt sehen will». In einem Raum lagern Ersatzteile, Lampenröhren; anderswo werden Betten frisch bezogen. Hinter Türen stapeln sich Wasserflaschen, Ventilatoren, Schränke. Und Akten – Unmengen von Akten sortiert in Regalen. Auch das sind Geschichten – auch wenn sie kaum erzählt werden.

Nächste Station

Hinter der nächsten Türe befindet sich ein Museum. Wenn auch nicht ein offizielles. Was hier gelagert wird, erzählt auch schaurige Geschichten. Wahre Geschichten, die sich vor noch gar nicht so langer Zeit abgespielt haben. In einem Regal stehen Geräte, wer genau hinsieht, erkennt die Wörter «Volt» und «Schock» neben Knöpfen. Fotografiert werden dürfen diese Geräte, in der Zeitung abgedruckt werden, dann laut soH aber nicht. So wie die Fotos weiterer Relikte, die an den Beginn der Psychiatrie im Kanton erinnern. Diese nimmt mit der 1860 eröffneten «Heil- und Versorgungsanstalt für Irre und unheilbar Kranke» auf dem Rosegghof ihren Anfang. Damals wurden psychische Leiden noch mit Kuren, Bädern – oder Elektroschocktherapien behandelt. Erst 1950 gelingt der Durchbruch für medikamentöse Behandlungen, heisst es in der Festschrift der Solothurner Spitäler AG, die anlässlich des 150-Jahr-Jubiläums der Psychiatrie im Kanton veröffentlicht worden ist. Daran erinnern auch Lederriemen, die von den Regalen baumeln, Zwangsjacken, die in Kisten unter den Gestellen verstaut sind. Diese wurden in den Anfangsjahren der Anstalt als «vorübergehende Massregel» benutzt, geht auch aus der Festschrift hervor. Türe zu, im Kopf spinnen die Geschichten weiter.

Drittes Kapitel

Was hinter der nächsten Türe wartet, könnte auch eine Ausgrabungsstätte sein. Die Decke ist niedrig, der verlassene Gang wird nur von einzelnen Lämpchen erhellt. Links und rechts des Gangs, der durch den Raum führt, stützen Säulen, die auf dem alten Fundament ruhen, die Decke. Auch baulich gesehen hat die Psychiatrie eine Geschichte zu erzählen: Nach der Eröffnung der «Rosegg» kamen ab 1915 weitere Gebäude dazu. Anfang der 70er-Jahre wurde die Klinik geöffnet; Fenstergitter kamen weg, ebenso die Mauern, die die Psychiatrie umschlossen. Wohngemeinschaften ersetzten grosse Schlafsäle; die Anzahl von 550 Betten wurde auf 325 reduziert; heute sind es weniger als 150. Ab 1998 fand im psychiatrischen Teil dann nochmals Um- und Neubauten statt.

Die Behandlung psychisch kranker Menschen hat sich verändert – immer weniger wurden sie weggesperrt und in Küche oder Wäscherei der Anstalt beschäftigt, immer mehr therapiert und in die Gesellschaft integriert. Veränderungen, die sich auch im Bau widerspiegeln. Zur heutigen Psychiatrie, oberhalb der Erde, gehören Einzelzimmer, aber auch ein Restaurant. Und moderne Büros für die Mitarbeitenden – die heute nicht mehr als Wärterinnen und Wärter angestellt sind. Überdauert hat das Ganze – scheinbar unberührt – das alte Fundament, hier im Untergrund.

Letzter Gang

Von der Vergangenheit führt eine doppeltürige Glaspforte wieder in die Gegenwart. Sie öffnet sich nur für Mitarbeitende, die den richtigen Badge dabei haben. Über 250 Meter lang führt ein breiter Gang vom Untergrund des psychiatrischen Klinikkomplexes bis unter die Häuser der Stiftung Solodaris, wo Menschen mit Behinderung leben und arbeiten. Zuerst geht es vorbei an Rohren auf der einen und weissen Wänden auf der anderen Seite.

Dann wird die Umgebung farbig. Grosse Bilder füllen einzelne Wandabschnitte, teils ausgemalt, teils nur Skizzen. Ein grosser Jesuskopf blickt den Vorbeigehenden nach. Auf dem nächsten Bild stehen sich Strichmann und -Maus gegenüber. So geht es weiter, Meter um Meter, Kunstwerk um Kunstwerk. Patientinnen und Patienten haben die Bilder direkt an die Wand gemalt. Grosse Geschichten über Drogen, Kindesmissbrauch werden mit Gemälden erzählt. Daneben wird mit kurzen Pinselstrichen gesagt, was auch zur Welt im Untergrund der Psychiatrie passt: «I would like to finish that picture, but I have not enough time.» – Ich würde dieses Bild gerne zu Ende malen, aber ich habe zu wenig Zeit dafür.

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