«Eigentlich wäre jetzt Spielzeit»

«Noch ist heute», das Werk des Oltners Rhaban Straumann, erscheint bald im Knapp-Verlag; der Autor über sein Wirken in Coronazeiten.

Noel Binetti
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Rhaban Straumann: Der Schauspieler und Autor verspürt derzeit wenig Lust, kreativ zu sein.

Rhaban Straumann: Der Schauspieler und Autor verspürt derzeit wenig Lust, kreativ zu sein.

Bild: Patrick Lüthy

Dieser Tage erscheint das neue Buch von Rhaban Straumann. Sein Essayband «Noch ist heute» ist «ein Konzentrat aus zehn Jahren Schreibarbeit, fokussiert auf Begegnungen tierisch menschlicher Art. Zuweilen umgekehrt». Der bald 48-jährige Oltner ist frei- und vollberuflicher Schauspieler, Autor und Satiriker. Manchen ist er besser bekannt als eine Hälfte des Kabarett-Duos Strohmann und Kauz. Im Interview spricht er über sein jüngstes Buch und auch darüber, wie er als Künstler die aktuelle Situation erlebt.

Herr Straumann, die Geschichten in Ihrem Buch stammen aus Ihrem Leben; wann sind Sie Schreibender, wann Schauspieler, wann Satiriker?

Rhaban Straumann: (Lacht und überlegt) …in erster Linie bin ich Schauspieler. Dieser Beruf ist meine grosse Leidenschaft. Ich stehe gerne auf der Bühne. Mit den Figuren auf der Bühne erzähle ich Geschichten. Die Rolle des Satirikers mag ich, das kommt dann hinzu, ist quasi eine zweite Ebene. Schreibender zu sein ist ein zusätzliches Standbein. Wenn es sich anbietet, kommt auch hier der Satiriker in mir zum Vorschein. Bei meinen Kolumnen ist die Satire ausgeprägter als bei den Geschichten im Buch.

Jetzt sitzen viele Menschen zu Hause und finden Zeit zum Lesen. Was könnte Ihnen als Autor eines neuen Buches Besseres passieren?

Das stimmt. Die Leute müssen natürlich zuerst wissen, dass dieses Buch erscheint. Die Auslage im Buchladen fällt weg. Als Autor bin ich wenig bekannt. Die Frage ist also: Wie erfahren die Leute zu Hause, dass es ein Buch gibt, welches sich zu lesen lohnt? Trotzdem, der Zeitpunkt passt. Ich muss aber sagen: Selber fand ich in den letzten Tagen nicht dazu, auch nur eine Zeile in einem Buch zu lesen. Im Kopf bin ich zurzeit an einem anderen Ort.

War eine Vernissage geplant, die jetzt abgesagt wurde, oder planen Sie eine Livelesung im Netz?

Zusammen mit Bänz Friedli ist Ende April eine Vernissage in der Oltner Buchhandlung Schreiber geplant. Offiziell habe ich bisher nichts über eine Absage erfahren, doch ich gehe nicht von einer Durchführung des Anlasses aus. Im Gegenteil. Ich glaube, bis mindestens im Sommer werden keine kulturellen oder sportlichen Veranstaltungen stattfinden. Als Ersatz plane ich gemeinsam mit der Musikerin Jane Mumford eine kurze Lesung als Livestream.

Auf welchem Onlinekanal findet diese statt?

Ich muss ehrlich sein: Ich verstehe nichts von diesen Kanälen. Ich habe aber jemanden, der mir hilft. Sobald diese Dinge spruchreif sind, wird auf der Seite des Verlags und auf den gängigen Social-Media-Plattformen darüber berichtet.

Im Moment sind Sie in Deutschland. Dort herrscht eine verordnete Ausgangssperre. Wie erleben Sie diese Zeit?

Solange man zu Hause sitzt, merkt man wenig. Einzig, dass man enorm viel Zeit dort verbringt. Draussen fühlt es sich an wie schlechte Science-Fiction. Dieser Vergleich hinkt und doch: Die Situation ist absurd. Ein Beispiel: Ich musste etwas in einem Einkaufszentrum abholen. Alle Geschäfte waren geschlossen. Trotzdem war dort eine Frau, die ihr Kind stillte. Ich habe keine Ahnung, warum sie dort war. Diese Szene war skurril. Mich überrascht auch, wie schnell sich die Leute an die Abstände beim Anstehen gewöhnt haben, wie sie auf Distanz gehen. Die Einschränkungen in der Bewegungsfreiheit finde ich echt heftig. Die sind nicht zu unterschätzen. Ich weiss nicht, was diese mit den Leuten machen. Auch im Hinblick auf die unbekannte Dauer der Massnahmen.

Ihre Geschichten leben von der genauen Beobachtung im Alltag. Liefert Ihnen die Coronakrise besonders viel Aktualität und wenn ja, wie verwerten Sie diese künstlerisch?

Meine Geschichten leben von Begegnungen. Diese finden im Moment kaum statt. Aus Olten gibt es die Plattform «sofakultur», ein Projekt des Oltner Kulturmagazin Kolt. Dort habe ich nun angefangen, in kurzen regelmässigen Videosequenzen die Coronasituation zu bearbeiten. Das ist mein Output. Hinzu kommt ein Livestream aus dem Stadttheater Langenthal. Sonst verspüre ich wenig Lust, kreativ zu sein. Eigentlich wäre jetzt Spielzeit auf der Bühne.

In der Geschichte «Gute Nacht Moschusochse» beschreiben Sie einleitend, wie sich die Menschheit

selber an die Wand fährt. Bitte erzählen Sie etwas dazu!

Verhandelt wird hier der Klimawandel. Ein Thema, das jetzt in den Hintergrund gerückt ist. Wir Menschen haben die ausgeprägte Kompetenz, den Herausforderungen nicht ernsthaft in die Augen zu schauen. Wir sind nicht bereit, unser Verhalten so zu verändern, dass die Welt nicht untergeht. Zugegeben, dieses Bild ist schwarz gemalt. Mit dem gewählten Sujet vom Selfie soll dieser Zeitgeist eingefangen werden. Ich will im Text zeigen, wie gelähmt der Mensch ist. Temperaturanstieg, Insekten- und Artensterben, diese Dinge sind leider Tatsache. Doch wir ändern uns nicht.

In Ihren Zeilen schwingt oft Kritik und Weltschmerz mit. Leiden Sie am Lauf der Welt?

Ich trage beides in mir. Auf der einen Seite bin ich ein unglaublicher Optimist. Es gibt Tage, an denen ich echt zweifle an der Welt und mit ihr leide. Zum Glück gibt es auch die anderen Tage, dann bin ich hoffnungsvoll und glaube: Alles kommt gut. Das zeigt sich auch in den Texten. Immer mit dem Aspekt aber, dass wir Menschen unser Scheitern in der Hand haben.

Alle Ihre Auftritte auf der Bühne sind abgesagt. Welche wirtschaftlichen Konsequenzen hat das für Sie?

Salopp formuliert: ein Desaster. Üblicherweise ist der Spielmonat März der beste und auch wichtigste Monat im Jahr. Bis zur Mitte konnten wir auftreten. Jetzt ist alles weggebrochen. Die Ungewissheit über die Dauer der Krise macht zu schaffen. Kulturelle Veranstaltungen werden zu den letzten gehören, die wieder in die Gänge kommen. Man kann sich also unschwer ausmalen, wie sich das auf uns Kulturschaffende auswirkt. Ich überlege mir Alternativen. Und ich bemühe mich, meine Lebenskosten tief zu halten.

Sie überlegen sich, beispielsweise als Erntehelfer zu arbeiten?

Absolut. Ich habe in der Vergangenheit immer wieder auf Bauernbetrieben gearbeitet. Davon handeln auch ein paar Texte im Buch. Es ist eine Arbeit, die ich extrem gerne ausübe. Ich bin froh über diese Möglichkeit als Perspektive.

Rhaban Straumann, «Noch ist heute», Knapp-Verlag 2020, 168 Seiten; am Montag, 20. April, 19.00 Uhr, findet über das Instagram-Profil des Autors eine Livelesung statt.