Tag der Spitex

«Eigentlich ist nur die Maske neu»: Unterwegs mit einer Spitex-Mitarbeiterin

Rund 1000 Personen sind im Kanton Solothurn bei der Spitex angestellt. Sie betreuen rund 6000 Patientinnen und Patienten, damit diese länger in ihrer Wohnung oder in ihrem Haus bleiben können. Für den heutigen Tag der Spitex haben wir eine Mitarbeiterin begleitet.

«Ade zäme.» Es ist 7 Uhr morgens, im Hauptquartier der Spitex in Zuchwil herrscht emsiges Treiben. Frauen und Männer in grünen T-Shirts schreiten durch die Räume, einige mit Masken, andere mit gepackten Spitex-Rucksäcken. Immer wieder geht jemand von ihnen zur Türe hinaus und verabschiedet sich, steigt ins Auto und fährt zum Hausbesuch. Oder aufs Velo – so macht es Karin Saez. Die 51-Jährige ist seit 30 Jahren bei der Spitex, seit 15 arbeitet die Pflegefachfrau in Zuchwil. Sie stülpt einen Helm über die kurzen roten Haare und erklärt, wohin es zuerst geht. Dann schwingt sie sich auf das Rad, blickt nach links, nach rechts, und tritt in die Pedale.

«Guete Morge.» Durch den Hintereingang betritt Karin Saez ein Einfamilienhaus in Zuchwil. Es ist offen – die Patientin, die die Spitex-Frau an diesem Tag zuerst besucht, weiss, dass die Pflegefachfrau kommt. Die ältere Dame liegt in einem Bett, über dem ein Haltegriff baumelt, im Zimmer nebenan bellt hinter einer verschlossenen Türe ein Hund. Die Spitexfrau, welche auch Wundexpertin ist, packt ihr Material aus. Sie versorgt eine Wunde an der Ferse der Frau; aufgrund derer Diabetes-Erkrankung musste sie entzündetes Gewebe entfernen lassen. Karin Saez nimmt den Verband ab, säubert die Wunde, schneidet neues Verbandsmaterial zurecht, klebt alles zu. Dabei trägt sie Handschuhe, davor und danach desinfiziert sie sich mehrmals die Hände. Dazu trägt sie an ihrem Gurt ein kleines Fläschchen mit Desinfektionsmittel. Nicht erst seit Corona.

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«Eigentlich ist nur die Maske neu», sagt die Biberisterin über ihren Berufsalltag während der Pandemie. Die Maske trage sie bei jedem Hausbesuch – und im Büro, wenn Abstände nicht eingehalten werden können. «Und», fügt die 51-Jährige an, «wegen Corona geben wir nicht mehr die Hand.»
Daran hätte auch sie sich gewöhnen müssen, pflichtet die Zuchwiler Patientin bei. Dann plaudert sie weiter, erzählt, sie sei erst kürzlich alleine mit dem Rollator bis ins Dorf gelaufen. Jeden Tag komme hier jemand von der Spitex vorbei – «manchmal nur kurz, um zu schauen, ob’s mir gut geht», so die Patientin.

Länger zu Hause mit der Spitex

«Jetzt s’Bei strecke bitte.» Eine gute Stunde später ist die Spitexfrau mit dem Velo bereits zum nächsten Termin pedalt. Vor dem Hauseingang nimmt sie ein Tablet hervor. Hier notiere sie jeweils die Wegzeiten, rufe Informationen über die nächste Patientin oder den nächsten Patienten ab, damit sie genau weiss, was zu tun ist. Einen Augenblick später steht die Pflegefachfrau im Haus, zu welchem sie einen Schlüssel gehabt hat. Nun kümmert sie sich um das Bein einer 97-jährigen Patientin. Ein Tumor, der grösser und grösser wurde, hat diese Wunde verursacht.

Das ganze Bein ist eingepackt, Karin Saez rollt den Verband Rolle für Rolle auf. Die Patientin rollt die Verbände Stück um Stück wieder ein, während die Pflegefachfrau die Wunde versorgt. «Das kann ich mittlerweile», so die 97-Jährige mit den Verbandsrollen zwischen den Fingern. «Etwas zu tun ist angenehmer, als nur hier zu sitzen», erklärt sie verschmitzt. Die Tochter der Patientin, eine Krankenpflegerin im Pensionsalter, beobachtet die Szene von der Türschwelle aus. Sie wohnt im oberen Stock des Hauses und kümmert sich um ihre Mutter. Einen Teil der Pflege hat sie mittlerweile der Spitex abgegeben. Nun kommt regelmässig jemand von der Zuchwiler Organisation vorbei.

Insgesamt gibt es 26 Regional-Sektionen im Kanton. Über 1000 Mitarbeitende arbeiten für die Non-Profit-Organisation; über 6000 Patientinnen und Patienten werden so versorgt. Die Mehrheit ist über 80 Jahre alt und wohnt noch in den eigenen vier Wänden.

«Das hätte mer.» Mittlerweile hat die Wundexpertin das Bein ihrer Patientin wieder komplett eingebunden. Mutter und Tochter verabschieden sich – ohne Handschlag – von der Spitex-Frau. Vor dem Haus schiebt sich diese die Maske vom Gesicht, blickt noch einmal aufs Tablet, desinfiziert sich standardmässig die Hände. 

Und weil in den Spitälern weniger operiert wurde, habe man etwas weniger Anmeldungen für die Betreuung bei Patientinnen und Patienten nach deren Aufenthalt erhalten. «Aber mittlerweile ist eigentlich alles wieder ziemlich normal.» Schon geht es auf zum nächsten Hausbesuch. Karin setzt den Helm auf, schwingt sie sich wieder auf den Sattel, links, rechts, und fährt los. «Ade mitenang.»

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