Eidgenössische Abstimmung
«Die Vorlage ist zu extrem»: Solothurner Biobauern sind gespalten über Agrarinitiativen

Im Kanton Solothurn herrscht fast ausschliessliche Einstimmigkeit über die Trinkwasserinitiative. Bei der Pestizid-Initiative gehen die Meinungen der Biobauern aber auseinander. Die Problematik wird anerkannt, der Weg zu einer Lösung führt aber durch eine emotionale Diskussion.

Andri Morrissey
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Christian Riggenbach ist Biobauer auf dem Rosegghof.

Christian Riggenbach ist Biobauer auf dem Rosegghof.

Michel Lüthi

Chemischer Abfall im Trinkwasser und umweltschädliche Arbeitsmethoden in der Landwirtschaft: Gegen diese und weitere Aspekte der aktuellen Lebensmittelproduktion wollen die Initianten der Trinkwasserinitiative und der Pestizidinitiative ankämpfen.

Die Trinkwasserinitiative verlangt, dass «unsere Steuermilliarden zukünftig in eine pestizidfreie Lebensmittelproduktion fliessen, die Antibiotika nicht prophylaktisch einsetzt und einen Tierbestand hält, den sie mit einheimischem Futter ernähren kann». Die Pestizidinitiative geht noch weiter und will menschengefährdende und umweltschädliche synthetische Pestizide auf nationaler Ebene verbieten, mit einer Übergangsphase von zehn Jahren. Auch wenn dieses Vorhaben klar und übersichtlich scheint, ist die Initiative höchst umstritten, vor allem in der Landwirtschaft und auch in den Bio-Verbänden.

«Bio» kaufen gegen die Umweltverschmutzung?

Seit Anfang Monat ist die Position von Bio-Suisse, einem der grössten Dachverbände der Schweizer Bio-Branche, klar: Der Verband unterstützt die Pestizidinitiative und lehnt die Trinkwasserinitiative ab. Als Beweggründe nennt Bio-Suisse unter anderem die Last, die auf die Bäuerinnen und Bauern in der Schweiz zukommen würde. «Mit den vorgeschlagenen Massnahmen sollen die Probleme allein auf dem Buckel der Bäuerinnen und Bauern gelöst werden», schreibt der Verband in einer Medienmitteilung vom 14. April.

David Hermann, Pressesprecher von Bio-Suisse, stellt klar, dass Bio-Suisse keine Probleme der Pestizidverschmutzung kleinreden will. Die Lösungsansätze seien aber für Bio-Suisse nicht tragbar. «Für Bio-Suisse ist der richtige Weg ein anderer», sagt Hermann. In der Medienmitteilung vom April schreibt Bio-Suisse unter anderem «Der Einkaufszettel wirkt schneller als der Stimmzettel.» Herrmann relativiert, ein Teil der Lösung sei definitiv, einfach mehr Bio einzukaufen. «Die andere Lösung ist die Pestizid-Initiative», sagt Hermann. Vor allem, weil diese alle Schweizerinnen und Schweizer betrifft und nicht nur die Landwirte.

Bio-Suisse: auch Grüne Bauern wehren sich

Bei der Trinkwasserinitiative wird die Suche nach befürwortenden Stimmen in der Landwirtschaft schwierig. Christian Riggenbach zum Beispiel, Ersatzgemeinderat in Solofolgen.

«Die Stossrichtung beider Initiativen ist grundsätzlich richtig. In der Umsetzung sind die beiden Vorlagen aber sehr verschieden: Wo die Pestizidinitiative praxisgerechte Übergangsfristen hat und neben den Landwirtschaft auch alle Anderen in die Pflicht nimmt, ist die Trinkwasserinitiative zu extrem, zu einseitig und verschiebt die ökologischen Auswirkungen in die Regionen auf der Welt, die wenig bis keine Auflagen kennen. Dies ist aus meiner Sicht nicht akzeptabel.»

sagt Riggenbach. Er bezieht sich vor allem darauf, dass die Trinkwasserinitiative die Verantwortung auf die einzelnen Bauernbetriebe abwälze. Subventionen bekommen nur die, die sich an die neuen Regeln halten und pestizidfrei produzieren können.

Riggenbachs Äusserung betreffend der Trinkwasserinitiative ist ähnlich zu deren der anderen Biobauern im Kanton. Die Beschwerden gehen von der Verantwortung, die den Bauern übertragen wird, bis zu den Limitierungen in der Produktion, der sich viele Bauern ausgesetzt fühlen. «Wir könnten kein Futter mehr verkaufen», sagt etwa Hugo Schneitter vom Biohof Chüehmoos in Lommiswil. Aber auch die Pestizid-Initiative führt in der Bio-Landwirtschaft für Gesprächsstoff. «Schweizer Bier wird es mit der Pestizid-Initiative keines mehr geben», sagt etwa Matthias Ackermann vom Biohof Schlatthof in Wolfwil.

Demeter: «Ja» zur Pestizid-Initiative, «Vielleicht» bei TWI

Im Gegensatz zu Bio-Suisse hat der Landwirtschaft- und Gastroverband Demeter sich mit einem Fragezeichen zur Trinkwasserinitiative geäussert. Während Demeter sich klar hinter die Pestizid-Initiative stellt, lässt sie die Parole für die Trinkwasserinitiative offen.

Zwar würde der Verband die Sorgen der Initianten teilen, jedoch: «Die Befürchtung ist gross, dass bei einer Annahme der Trinkwasserinitiative zahlreiche Betriebe aus dem ökologischen Leistungsnachweis aussteigen würden», schreibt Demeter in einer Medienmitteilung vom 20. April. Mit der Stimmfreigabe wolle der Verband auf die «verschiedenen Ansichten der Bewegung» eingehen, schreibt Corrine Obrist von Demeter auf Anfrage. Bei Demeter besteht eine Sorge, dass sich die Trinkwasserinitiative zu stark auf Direktzahlungen fokussiert, und darum Betriebe aus dem Bio-Anbau entfernen würden. «Wir wünschen uns eine Lösung, die neben der Landwirtschaft auch Verarbeitung, Handel und Konsum einbezieht», schreibt Obrist

Die Demeter-Bauern sind fast einer Meinung über die Stimmabgabe. Ja zur Pestizid-Initiative und Nein zur Trinkwasserinitiative. «Die Pestizid-Initiative ist super, denn sie betrifft alle, auch den Privatgarten», sagt Felix Lang vom Buechehof in Lostorf. Landwirt Heinz Koloska aus Nennigkofen traut den Initianten nicht. Er befürchtet, dass trotz der Versicherung der Initianten des Gegenteils die Trinkwasserinitiative zu mehr Import von beispielsweise Nutztierfutter führen könnte. «Es hat in unseren Augen einige starke, aber auch unehrliche Punkte und darum kann man sagen, was man will, man rennt ins Messer.»