Die kalten, düsteren Nebeltage am Jurasüdfuss kommen Roger Zbinden spontan in den Sinn, wenn er an seine Jugendzeit zurückdenkt. Bereits im Alter von 18 Jahren zog es ihn dann aber von Bellach weg. Sein beruflicher Werdegang führte ihn um die halbe Welt. «Ich habe so etwas wie das Blut von Fahrenden in meinen Adern», erklärt der 58-Jährige beim Gespräch in den Büros der Solothurner Handelskammer.

Dass er, der seit eineinhalb Jahren Leiter des Swiss Business Hub South Korea ist, hier einmal Firmen beraten würde, die sich für den Einstieg in den südkoreanischen Markt interessieren, das war dem sportlich-drahtigen Mann nicht unbedingt in die Wiege gelegt worden. «Mein Vater war Kleinunternehmer, er betrieb eine Autogarage, wo ich als Ältester in meiner Freizeit öfter auch mitarbeiten musste.»

Als Schiff-Funker gestartet

Es folgte eine Berufslehre in Bern, «in einem Beruf, den es heute so nicht mehr gibt: Schiff-Funker, bei der damaligen Radio Schweiz AG». Dort war die Schweizerische Küstenfunkstelle stationiert, die für die nationale Handelsflotte in aller Welt via Kurzwellen die Kommunikation sicherstellte. Eine Anstellung beim Internationalen Roten Kreuz, das damals ebenfalls ein ähnliches weltumspannendes Kommunikationssystem betrieb, führte Zbinden zu Einsätzen in Angola und 1982/83 in den Libanon. Dort, während des Libanonkrieges, seien er und seine Kollegen «ein paar Mal echt ums eigene Leben gerannt, um in Luftschutzkellern Deckung zu suchen».

Zurück in der Schweiz holte Zbinden die Matur nach und studierte in Bern Volks- und Betriebswirtschaften. Nach Abstechern in die Welt der elektronischen Medien folgte ein erster privater Japan-Aufenthalt (samt Sprachkurs), dem sich irgendwann ein zweiter anschloss. Dieser führte 2003 gleich auch zu einem beruflichen Engagement: Als Japan-Direktor von Schweiz Tourismus. «Dies, obwohl ich doch damals keine Ahnung von Tourismus hatte», wie der promovierte Wirtschaftswissenschaftler heute schmunzelnd einräumt.

Via Japan nach Südkorea

«Nach sieben Jahren hatte ich das gesehen und wechselte als Leiter zum Swiss Business Hub in Tokyo, einer Aussenstelle von Switzerland Global Enterprise.» Dass er diesen Job erhalten habe, führt Zbinden auf sein bereits bestehendes gutes Beziehungsnetz in Japan und die inzwischen sehr guten Kenntnisse der Landessprache zurück. Dazu muss man wissen: Zbindens Frau ist Japanerin. Kennen gelernt hatte er sie aber bereits in der Schweiz, wo sie damals 12 Jahre wohnte und als Gastro-Unternehmerin tätig war.

Nach sechs Jahre kam es zum Wechsel in gleicher Funktion nach Südkorea, wo Zbinden seit nunmehr eineinhalb Jahren in der Hauptstadt Seoul tätig ist. Und wie sind die Erfahrungen des Weltenbummlers in Japan und Südkorea? «Es ist wohl einer der grösseren Kulturschocks, den man erleben kann, wenn man aus der Schweiz nach Japan kommt», verweist Zbinden auf die völlig unterschiedlichen Mentalitäten. Und: «Was mich völlig erstaunt hat: Wie noch einmal ganz anders die Koreaner sind.» Die dortigen Menschen und die Unternehmer seien dynamischer als die Japaner. «Es macht enorm Spass, in diesem Land zu arbeiten, weil es sehr schnell und anspruchsvoll ist.»

Anspruchsvoll auch bezüglich der Aufnahme wirtschaftlicher Kontakte durch Schweizer Unternehmen? «Auf Unternehmensebene ist es eher einfacher als in Japan, weil es kürzere Entscheidungswege gibt. Europäer kommen hier eher zu einer Aussage, die wir interpretieren können und die verbindlich ist», erklärt Zbinden. Aufgabe des Teams am Swiss Business Hub sei es, Schweizer Firmen zu beraten, die für ihre Produkte einen Distributor suchen oder gar mit einer eigenen Niederlassung in Südkorea Fuss fassen möchten. Zbinden: «Hier können wir die entsprechenden Lösungen bieten und Kontakte vermitteln.» Er weiss von mindestens zwei Solothurner Firmen mit eigenen Niederlassungen in Südkorea, geschätzte 20 würden mit Vertretern und Wiederverkäufern arbeiten.

Gute Chancen für Solothurner

Umgekehrt werden von der S-GE-Aussenstelle aber auch koreanische Firmen zum Investieren in die Schweiz gebracht. Diesbezüglich sei ein klarer Aufwärtstrend feststellbar. Hier biete auch die Region Solothurn mit ihrer Wirtschaftsstruktur und ihren KMU eine gute Basis für koreanische Investoren, ist der Exil-Solothurner überzeugt. Chancen für hiesige Produkte sieht er insbesondere in den Bereichen Halbleitertechnologie, Maschinenbau, Autozulieferer oder Medizintechnologie.

Insbesondere die Medtech sei interessant, weil Südkorea über 60 Prozent dieser Technologie importiere. Wenn Roger Zbinden von seinen Aufgaben und Erfahrungen spricht, ist er mit Leib und Seele bei der Sache. Keine Spur von Ermüdungserscheinungen durch ein Leben, das ihn zwischen der beruflichen Basis Zürich, seinem Wirkungsort Seoul und Tokyo herumswitchen lässt. «So jeden zweiten Monat reise ich privat nach Tokyo, weil dort ein Teil der Familie und unseres Freundeskreises lebt», verrät Zbinden.

Das Ziel der Reise: Japan

Wenn er drei bis vier Mal pro Jahr in der Schweiz weilt, reichte es durchaus für Abstecher in die Region Solothurn. Einer seiner zwei Brüder lebt in Montreux, der andere betreibt in Solothurn eine Zahnarztpraxis. Bei diesem wohnt er jeweils. Wobei der Weltenbummler sogleich relativiert: «Ich hatte nie ein ausgeprägtes Heimatgefühl».

Solothurn habe sich aber extrem gemacht seit seiner Jugendzeit: «Aus der grauen Maus ist eine coole Stadt geworden – vor allem im Sommer. Und Nebel hat es heute auch viel weniger als früher.» Das tönt fast so, als wollte das kinderlose Ehepaar Zbinden dereinst seinen Lebensabend hier verbringen? «Nein, für uns ist klar, dass wir nicht in die Schweiz zurückkommen. Wir werden uns dann endgültig in Japan niederlassen.»