Bei Wandersleuten und Ausflüglern aus nah und fern ist die Bergwirtschaft Chambersberg schon längst ein Begriff, viele von ihnen sind zu Stammgästen geworden. Sie schätzen die bodenständig-freundliche Atmosphäre bei der Wirtefamilie Bader und erfreuen sich immer wieder an der Gaststube.

Der alpwirtschaftliche Bauernhof mit Gastwirtschaft steht auf Gemeindegebiet von Hägendorf auf 876 Meter über Meer auf einer Hangterrasse südöstlich unterhalb der Belchenfluh und in Nachbarschaft des Schiessplatzes Spittelberg. Der Berghof ist aber auch für die Schweizerische Bauernhausforschung zu einem Begriff geworden. Urkundlich erwähnt wird das Haus erstmals im 18. Jahrhundert, doch wie jetzt die Forscher herausgefunden haben, beginnt die Baugeschichte bereits im frühen 17. Jahrhundert.

Was das Haus bedeutend macht

«Eines Tages ist ein Herr dahergekommen, hat sich als Benno Furrer vorgestellt und gesagt, er arbeite für die Schweizer Bauernhausforschung und er würde gerne das Haus näher ansehen», erzählt Rita Bader-Walser. Sie ist die Mutter des heutigen Liegenschaftsbesitzers und Landwirten Thomas Bader, der mit seiner Frau Tanja das Haus bewohnt. «Wir wissen schon, dass das Haus sehr alt und historisch interessant ist,» fährt Rita Bader weiter, «als Herr Furrer uns anbot, mit seinen Leuten das Haus näher zu untersuchen, sagten wir gerne zu.»

Benno Furrer ist promovierter Geograf und leitet die Forschergruppe, die sich aktuell mit den Bauernhäusern des Kantons Solothurn befasst (siehe Kasten). Radio SRF widmete jüngst der Bauernhausforschung der Schweiz im Allgemeinen eine Ausgabe des «Tagesgesprächs». Moderator Marc Lehmann fragte Furrer, welches für ihn, nach vierzig Jahren Forschung, das schönste Bauernhaus der Schweiz sei, worauf Furrer antwortete: «Im Moment ist es für mich der Chambersberg in Hägendorf.»

Eine Aussage, die stutzig macht. Denn der Hof Chambersberg unterscheidet sich äusserlich doch recht deutlich vom allgemein gängigen Bild eines «schönen Bauernhauses». Er habe bewusst gesagt, «im Moment» sei es das schönste, weil er sich zur Zeit des Radiointerviews gerade mit dem Berghof Chambersberg befasst habe, erklärt Furrer. «Ein solches Gebäude auf einer Alp zu finden und erst noch so gut erhalten, ist eher ungewöhnlich, darum ist mein Interesse sofort geweckt worden.»

Das gemauerte, ehemalige Sennhaus zeigt in der Südfassade die Stilelemente aus dem frühen 17. Jahrhundert mit dem verzierten Rundbogenportal, dem Staffelfenster mit Fenstersäule im Innern», führt Furrer aus. Mit dem Einverständnis der Besitzerfamilie wurde einerseits das Haus vermessen und die Grundrisse und Querschnitte aufgezeichnet. Anderseits liess Furrer von einem Spezialisten für Dendrochronologie das Alter des Bauholzes bestimmen.

Im Bericht dazu steht unter anderem: «Vom Kernbau des 17. Jahrhunderts scheint nur noch die Fachwerkwand zwischen Gang und Gaststube erhalten zu sein, welche frühestens 1627 eingebaut werden konnte (Eingrenzung der Fälldaten 1627 bis 1634).» Aufgrund der vielen interessanten Daten wird für den Chambersberg eine Hausmonografie erstellt.

Der Vorschriften sind es viele

Wie ist es, in einem historisch wertvollen Haus zu leben und zu arbeiten? «Wir sind gerne hier. Was das Haus angeht, so sind wir natürlich schon stolz darauf. Auch den Gästen gefällt es. Aber wegen der vielen Vorschriften können wir halt vor allem für den Bauernbetrieb nicht alles so realisieren, wie es uns dienen würde», antwortet Thomas Bader, 34, er ist seit 2011 Besitzer der Liegenschaft und bewohnt sie zusammen mit seiner 30-jährigen Frau Tanja . Die beiden Brüder Roman, 38, und Adrian, 35, sind eigene Wege gegangen. Die 66-jährige Mutter Rita Bader-Walser wohnt nebenan im 2015 erbauten Stöckli, Vater Beat Bader ist 2017 verstorben.

Zum Landwirtschaftsbetrieb, geführt von Thomas Bader, gehören 19,05 Hektaren Nutzland, die Betriebsfläche inklusive Wald beträgt etwas mehr als 30 Hektaren. Aktuell leben auf dem Hof 21 Milchkühe und 16 Mastkälber.

Vorschriften haben Baders tatsächlich viele zu beachten, sie kommen von der Gemeinde, vom Kanton (u.a. Juraschutz) und sogar vom Bund, denn der Hof Chambersberg grenzt an den Militärschiessplatz Spittelberg. «Wir haben uns zwar an die Schiesserei gewöhnt», sagt Rita Bader, «aber manchmal macht es uns gar keine Freude, besonders wenn das Militär dort Sprengübungen macht und unser ganzes Haus zittert.» Thomas Bader ergänzt: «Das Haus hat Risse bekommen. Wir vermuten, dass etwa dann, wenn der Schiessplatzwart nicht mehr vor Ort ist, mehr als die maximal erlaubten zwei Kilo Sprengstoff auf einmal geladen werden. Aber beweisen können wir leider nichts.»

«Miserabler Zustand»

Wie aber sind Baders überhaupt auf den Chambersberg gekommen? Haben sie gewusst, worauf sie sich einlassen? «Wir bekamen die Chance, etwas Eigenes zu haben, waren jung und das Arbeiten gewöhnt», antwortet Rita Bader. «1982 haben wir den Hof gekauft, sind 1984 eingezogen und haben neben dem Bauernbetrieb zu renovieren begonnen. Das Haus war in einem wirklich ganz miserablen Zustand, aber meinen Mann Beat schreckte das nicht ab, er war handwerklich unheimlich vielseitig begabt und hatte Erfahrung im Holzbau. Praktisch 35 Jahre lang haben wir an der Renovierung und am Um- und Ausbau gearbeitet.»

Thomas Bader fügt bei, manchmal sei es etwas mühsam gewesen bezüglich Bewilligungen: «Da wir eben Anstösser des Schiessplatzes sind, müssen Bauvorhaben auch in Bern abgesegnet werden. Im Jahr 2000 bei der Erneuerung des Scheunendachs ging das vergessen, wir aber hatten bereits die Baubewilligung und begannen mit den Arbeiten. Auf einmal kam von Bern ein Schreiben, das Dach dürfe so nicht gebaut werden. Doch wir sagten, dass wir im Herbst mit dem Vieh in die Scheune einziehen müssten und machten weiter. Als die Bewilligung schliesslich kam, waren wir fast fertig mit Bauen.»

Rita Bader weiss ein weiteres Müsterchen: «Die Fenster mussten ja erneuert werden. Bei der Planung ging das so lange hin und her, dass das Budget schon aufgebraucht war. Wir haben dann niemanden mehr gefragt und selber gehandelt.» Sowohl bei den Fenstern, als auch beim Scheunendach schien das Resultat dann doch in Ordnung zu sein, «reklamiert hat jedenfalls niemand», sagt Rita Furrer.

Beim Garten vor dem Haus wurden sich Baders und der Denkmalschutz auch nicht einig. Aufgrund der besonderen Aufteilung hätte der Garten ebenfalls unter Schutz gestellt werden sollen. «Man hätte uns etwas an die Restaurierung bezahlt», sagt Rita Bader, «aber wir verzichteten, weil der Garten praktisch bis ans Haus reichte und uns das einschränkte beim Wirten auf der Terrasse. Darum haben wir einen Teil des Gartens weggemacht.»

Das Wirten sei nämlich das zweite, unverzichtbare Standbein für den Hof Chambersberg. Richtig damit angefangen habe man im Jahr 1959, eine Ausschankbewilligung existiere aber schon seit dem ersten Weltkrieg, als viele Soldaten im Raum Belchen für die «Fortifikation Hauenstein» im Einsatz standen. Dazu gehörte der Strassenbau, ein markantes Stück liegt zwischen dem Chambersberg und der Belchenflue, zahlreiche Wappen und Truppeninschriften erinnern noch heute an die Erbauer.

Woher kommt der Name?

Bleibt die Frage, woher der Name Chambersberg kommt und wer den Hof erbaut hat. «Genau herausgefunden hat man es bis jetzt nicht. Es gibt mehrere Varianten», sagt Rita Bader. Naheliegend wäre die Verbindung mit dem Namen Kamber, zeitweise war mit «Kambersberg» die Schreibweise entsprechend. Vermutet wird auch, der Name weise lediglich auf den Standort hin und komme von der Bezeichnung «Chambe» für Bergscheitel her.

Als ursprüngliche Erbauer und Besitzer werden das Kloster St. Urban oder das Kloster Schönthal in Langenbruck genannt. Benno Furrer hingegen geht davon aus, dass das Gebäude als Sennhof, also ohne Gastwirtschaft, von einem vermögenden Bauern aus Hägendorf errichtet worden sei. «In jener Zeit, als der Hof gebaut wurde, haben nicht wenige wohlhabende Bürger in Berghöfe investiert.» Rita Bader zeigt sich darüber erstaunt und meint: «Das ist eine weitere Variante, von der ich noch nie etwas gehört habe.»

Dank der Schweizerischen Bauernhausforschung werden die Familie Bader, die Wanderer und Ausflügler und alle weiteren, die es interessiert, Ende dieses Jahres mehr über den Hof Chambersberg und viele weitere historisch interessante Bauernhäuser erfahren können. Dann wird ein weiterer Band der Reihe «Bauernhäuser der Schweiz» erscheinen, der dem Kanton Solothurn gewidmet ist.