Lebendige Tradition
Die Schlachten sind geschlagen, ein Teil der Maibäume auch...

«Verschleipfen», Trinkgelage und Rivalitäten - viel Arbeit bescherte der Jahrgang 1995 der Polizei in der Nacht auf den 1. Mai trotzdem nicht. Woher kommt eigentlich der Brauch, der heute auf der nationalen Liste der lebendigen Traditionen steht?

Ueli Wild
Drucken
Vor allem im Niederamt wird die Tradition der Verbindung von Maibaum und Plakat hochgehalten.
6 Bilder
Nach dem nächtlichen Techtelmechtel mit den Gretzenbachern: Der Niedergösger Tafelwald steht wieder.
Maitannli-Stellen im Kanton Solothurn
Eine umgesägte Maitanne in Subingen.
Ramiswil: Gruss der Stäcklibuebe von Mümliswil.
Kleiner Jahrgang: Einsame Eule in Mümliswil

Vor allem im Niederamt wird die Tradition der Verbindung von Maibaum und Plakat hochgehalten.

Ueli Wild

Stellt man auf die seit Herbst 2012 vorliegende schweizerische Liste der lebendigen Traditionen ab, ist das Maibaum -Stellen eine sekundäre Nebenerscheinung des «Stäcklibuebe»-Brauchtums. Die «Stäcklibuebe» haben als Tradition der Kantone Solothurn und Aargau Eingang ins nationale Inventar gefunden, das Maibaum -Stellen hingegen nicht respektive nur als Beitrag des Kantons Baselland, der den Maibaum als Brunnenschmuck kennt.

«Bis heute», liest man weiter, «treten jedoch die ‹Stäcklibuebe› in einigen Gemeinden der Kantone Solothurn und Aargau in Erscheinung. Und inzwischen gibt es auch ‹Stäcklimeitli›.» Als erstes Erkennungszeichen wird das «Verschleipfen» genannt: «Sie tragen in der Nacht vom 30. April auf den 1. Mai Gegenstände aus den Vorgärten zusammen.» Erst weiter unten heisst es dann: «In derselben Nacht stellen die ‹Stäcklibuebe› in vielen Gemeinden auch die sogenannten Maitannen oder -bäume auf.»

Die umfangreiche, aber völlig unübersichtliche und unsystematische gemeinsame Liste lebendiger Traditionen der Kantone Aargau und Solothurn zeigt, dass beide Begriffe - « Maibaum stellen» und «Stäcklibuebe» - seinerzeit, belegt für diverse Orte, je für sich als mündliche Vorschläge bei Karin Janz, der Leiterin des bikantonalen Projekts, eingegeben wurden. Unter den 29 Vorschlägen, welche die Kuratorien der beiden Kantone 2011 dann für die nationale Liste ans Bundesamt für Kultur weiterleiteten, figurierte noch immer das Stichwort «Stäcklibuebe». Das Maibaum Stellen dagegen wurde nun offenbar unter diesem Begriff subsummiert.

«Ursprünglich», liest man im entsprechenden Artikel, auf den man via nationale Liste gelangt, «formierten sich die Stäcklibuebe unmittelbar nach ihrer militärischen Aushebung, welche die Burschen desselben Jahrgangs und Dorfes jeweils gemeinsam absolvierten.» Sie hätten Alkohol getrunken und Schabernack getrieben.

Der Termin für das tolle Treiben war nicht an einen fixen Zeitpunkt wie die Nacht auf den 1. Mai gebunden, sondern an den jeweiligen Aushebungstag. Umstrukturierungen bei der Aushebungspraxis haben diese terminlich flexible Tradition beendet und zu einer endgültigen Verbindung der beiden Brauchtumsströme im Mai-Termin geführt.

Maitanne der «Stäcklibuebe» relativ jung

Die Maitanne auf dem Dorfplatz als Hommage der «Stäcklibuebe» an die gleichaltrigen Mädchen ist nämlich relativ jung, wie Elisabeth Pfluger (Rund um den Maibaum , in: Solothurner Jahrbuch für Geschichte 2004) festhält: Bis zum 2. Weltkrieg seien es nämlich nicht die «Stäcklibuebe» gewesen, die Maibäume errichtet hätten, sondern einzelne Verehrer hätten ihrer Angebeteten ein Bäumchen vors Haus gestellt.

Nicht aus dem Kanton Solothurn, aber aus Liestal kennt man eine frühe Quelle, die den Brauch bis ins 16. Jahrhundert zurückzuverfolgen erlaubt. In dem 1544 geschriebenen Text heisst es: «Dorumb das er sampt anderen muotwilligen gesellen am Mey Oben einer Junckfrowen einen Meyen gesteckt unnd doran ein latz knüpfft.» Im Basler Territorium setzten die Waldbesitzer im 17. und 18. Jahrhundert obrigkeitliche Verbote des Schlagens von Maibäumchen durch, die jedoch nur bedingt Wirkung zeigten.

Da die Basler schon immer kleiner waren als die heutigen Solothurner Tannen und auf Brunnen platziert wurden, waren sie unter den ledigen Burschen benachbarter Dörfer beliebte Streitobjekte, die man zu rauben versuchte. Das gegenseitige Umlegen der Maitannen, wie es im Kanton Solothurn vorkommt - siehe die «Fehde» zwischen Niedergösgen und Gretzenbach - , hatte demnach früher, zumindest im Ansatz, auch in der Basler Nachbarschaft Tradition.

Dass das Maibaum -Stellen, anders als andere «Stäcklibuebe»-Traditionen, immer an den 1. Mai respektive an den Vorabend gekoppelt war, lässt vermuten, dass diese Tradition, jedenfalls in verwandter Form, älter ist als die vom Stellungstermin abgeleitete. Weiter zurückgehende Maibaum -Bräuche, bei denen auch gesungen und um den Baum - in England «Maypole» genannt - herumgetanzt wird, sind aus grossen Teilen Nord- und Mitteleuropas bekannt. Der Termin deckt sich, kaum zufällig, mit dem keltischen Sommeranfangs-Fest Beltane.

Tatsache ist, dass es die Tradition des Maibaumstellens noch gibt - freilich werden es von Jahr zu Jahr weniger Bäume. Auch gefestet wird keineswegs in allen Gemeinden.

So oder so: An die Stelle der «Stäcklibuebe» sind definitiv die 19-Jährigen beiderlei Geschlechts getreten. Geblieben sind da und dort auch die Rivalitäten zwischen den Dörfern, sicher das ausgiebige Trinken und vereinzelt auch das «Verschleipfen».