Gastkolumne

Die Projektion, den Blick nach vorn, behalten wir bei

Auch die Solothurner Filmtage befinden sich im Homeoffice.

Auch die Solothurner Filmtage befinden sich im Homeoffice.

Meinen Einstand als Ihre neue Gastkolumnistin gebe ich also aus dem Ausstand: Seit nunmehr sechs Wochen sind die Solothurner Filmtage im Homeoffice. Ich erinnere mich gerne an die erste digitale Teamsitzung: es war wunderbar, uns nach dem ersten Schock des verordneten Lockdowns «wieder zu sehen», quer durch Solothurn und darüber hinaus nun am virtuellen Sitzungstisch versammelt: ein Mosaik aus Arbeits- und Lebensräumen tat sich auf, und über die neuen Distanzen hinweg rückten wir durch den persönlichen Raum, den wir freigaben, in gewisser Weise noch näher zusammen. (Und ich bekenne, ich habe von diesem «historischen» Moment ein Bildschirmfoto gemacht.)

Ich hätte nicht gedacht, dass unser Computerbildschirm wochenlang zu meinem ganz realen «Fenster zur Welt» werden könnte – Windows, ja, so waren sie angetreten, die GAFAM (Google, Apple, Facebook, Amazon, Microsoft) und heute mehr denn je sind es das Internet und Mobiltelefon, das uns ebenso befreit – wie fesselt.

Zur Not auch auf dem Bildschirm hat Film die Kraft, uns für 10, 30, 60 oder 90 Minuten aus unseren eigenen vier Wänden herauszuholen und uns neue Welten aufzuschliessen. Mit dieser Überzeugung und zur Unterstützung der Schweizer Filmkultur stellen wir seit Ende März auf unserer Website eine umfassende und aktuelle Liste aller unabhängigen Schweizer Film-Streaming-Angebote zusammen, um dem globalen Giganten Netflix fix ein vielseitiges Angebot von Schweizer Filmen zur Seite zu stellen. Nebst den aktuellen 39 Filmen unserer eigenen Online-Edition filmo, die wir am 7. Mai um weitere 10 Schlüsselwerke der nationalen Filmgeschichte erweitern, bieten unterschiedliche Schweizer Plattformen ein vielseitiges Streaming-Angebot – in der Corona-Krise viele auch frei zugänglich. Eine Einladung zum Filmfest mitten in der Krise, von dem ich rege Gebrauch gemacht und viele Filme (wieder) geschaut habe – wenn auch mit zunehmendem Heimweh nach dem Kino, seiner Akustik, seinem Bild und seiner Atmosphäre, oben auf dem Balkon des Palace oder im Parkett des Uferbaus.

Die Corona-Krise trifft das Schweizer Filmschaffen mit voller Wucht: Nicht nur alle Kinos sind seit Wochen geschlossen und alle Filmpremieren und Festivals mussten abgesagt oder wie «Visions du Réel» kurzerhand ins Internet verlegt werden. Auch alle Dreharbeiten sind unterbrochen, Filmmontage und Postproduktion verschoben.

Ich war beeindruckt und erleichtert, einen Bundesrat im Amt zu wissen, der den Wert der Kleinen und Mittelgrossen, der Frei- und Kulturschaffenden kennt. Der Lockdown hat verdeutlicht, wie sehr Kultur für die Gesellschaft «Lebensmittel» ist – und dass es entscheidend sein wird, dass der Zugang zu einer breit gefächerten und einheimischen (Film-) Kultur gesichert ist. Um die Auswirkungen der Corona-Krise auf das Schweizer Filmschaffen sichtbar zu machen, publizieren wir seit dieser Woche auf unserer Website eine Interview-Reihe, die Schweizer Regisseurinnen, Schauspielern, Kameraleuten, Verleihfirmen und Kinobetreibern das Wort gibt. 

Wie die Berlinale im Februar sind die Solothurner Filmtage Ende Januar von den direkten Auswirkungen der Corona-Krise verschont geblieben. Unsere Kolleginnen und Kollegen der Partner-Festivals unterstützen wir im Lockdown aktiv – und gerne auch in dieser Kolumne: lesen Sie unser Kurz-Interview mit den Leiterinnen des Filmfestivals «Visions du Réel», das noch bis Samstag online stattfindet. Was und wie uns allen gerade geschieht, wie wir uns auf globale Krisen besser vorbereiten können und was deren gesellschaftspolitische Risiken sind – damit werden wir uns beschäftigen müssen.

Inwiefern die 56. Solothurner Filmtage im Januar 2021 von der Corona-Krise betroffen sein werden, können wir aktuell nur abschätzen. Wir wappnen uns jedenfalls für verschiedene Festivalformen – URL (im Internet, um mit Online-Angeboten auf kurzfristige Epidemie-Entwicklungen reagieren zu können, wie es Mitte Mai die Literaturtage tun) und nach wie vor auch IRL («in the real life»), wie wir das «reale Leben» nach sechs Wochen Lockdown nun bereits nennen. Die Solothurner Filmtage als Drive-in-Cinema? Weitere Vorstösse in den digitalen Raum als Begegnungsort? Eine Projektion im öffentlichen Raum, etwa auf die Jura-Flanke, im Geist des zauberhaften Spitlight-Wolkenprojektors aus den 50er-Jahren des Solothurner ENTER-Museums? Beim Nachdenken darüber, wie ein Filmfestival zu Zeiten der Anti-Corona-Massnahmen aussehen könnte, darf auch geträumt werden. Die Projektion, den Blick nach vorn, den werden wir beibehalten – Kino verpflichtet – auch wenn der Zustand des Ausnahmezustands noch andauern sollte.

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