Es kommt selten vor, dass man von einer Politikerin folgenden Satz hört: «Eigentlich ist es mir nicht so wichtig, wie viele Wahlprozente wir holen. Viel wichtiger ist, dass wir Themen in die Mitte der Gesellschaft tragen können.» Doch in der «Waadtländerhalle» in Olten sitzen gleich zwei Vertreterinnen der Grünen bei Milchkaffee und Cola Zero, die sich diese Aussage leisten können.

Vielleicht deshalb, weil die Grünen keine klassische Partei wie andere sind. Vielleicht, weil viele ihrer Anliegen inzwischen tatsächlich mehrheitsfähig sind. Und vielleicht ist ihnen Machtarithmetik auch deshalb fremd, weil sich Myriam Frey und Iris Schelbert gar nicht so sehr als Politikerinnen verstehen.

Die Grünen Region Olten entstanden aus einer sozialen Bewegung. Mit spontanen Aktionen trugen sie den Protest gegen Umweltverschmutzung oder frauendiskriminierende Politik auf die Strasse. Der Widerstand gegen die Atomkraft oder die Nichtwahl von Christiane Brunner in den Bundesrat setzten ein Fanal. «Als wir feststellten, dass der Feinstaub unsere Kinder krank macht, mussten wir reagieren», erinnert sich Iris Schelbert an die Anfänge.

«Ausgerüstet mit Atemschutzmasken machten wir uns im Dezember an die City-Kreuzung auf und baten Autofahrer, ihre Motoren abzustellen.» Oder sie blockierten den Ruttigerweg mit Fässern. Die Sponti- Aktionen lösten manchmal heftige Reaktionen aus. Doch sie wirkten.

Mit Bier am Küchentisch

Mitte der 1980er-Jahre wurden mehrere Exponenten der Bewegung, zu der sich neben Feministen und Umweltschützerinnen auch Mitglieder der POCH gesellten, in das Oltner Parlament gewählt. Es folgten die «berühmten Küchentischsitzungen» zu Hause bei Iris Schelbert. Die Gruppe wuchs, und als an den Sitzungen jeweils mehr als eine Kiste Bier draufging, zügelte man aus der heimischen Küche ins «National».

Die Partei erhielt Strukturen, es wurde eine einkommensabhängige Mitgliederbewirtschaftung eingeführt und ein Präsidium installiert. Seither sind die Grünen in Olten etabliert. Anfang der 1990er-Jahre kandidierte Thomas Ledergerber für den Stadtrat. Bis die Grünen aber den Sprung in die Exekutive schafften, sollte es noch 16 Jahre dauern.

Trotz eines Rückschlags 2013: Die Grünen sind in Olten ein Machtfaktor. Ihr Wähleranteil (obere Linie) lag in all den Jahren stets über jenem auf Kantonsebene.

Jetzt kandidiert Iris Schelbert für ihre dritte Legislatur. Sie steht in Olten der Direktion für öffentliche Sicherheit vor. Mit Brigit Wyss strebt die Kantonalpartei in den Regierungsrat. «Wir müssen den Machtanspruch stellen», sagt Myriam Frey. «Weil wir seriöse und konstruktive Sachpolitik machen. Das soll sich in der Regierung widerspiegeln.» Frey ist Co-Präsidentin der Grünen Region Olten und sitzt im Stadtparlament.

Dass die Grünen den geringsten Wähleranteil der fünf etablierten Parteien aufweisen, könne kein Grund für Zurückhaltung sein. Viele ihrer Exponenten hätten sich mit überdurchschnittlicher Dossierfestigkeit profiliert. Und mit ihrem breiten Hintergrund in der Landwirtschaft, der Pflege und dem Recht sei Brigit Wyss breit aufgestellt. «Ich gehe davon aus, dass beide linken Frauen gewählt werden», gibt sich Iris Schelbert optimistisch.

In Sachfragen oft uneinig

«Bei uns gibt es kein ideologisches Korsett», begründet Myriam Frey ihre Parteizugehörigkeit. Man dürfe sich seine eigenen Gedanken machen und diese auch äussern. Entsprechend sei die grüne Fraktion in Olten in Sachfragen oft gespalten. Einen Fraktionszwang kenne man nicht. Im Gegenzug würde die grössere Stadtsolothurner Sektion noch immer etwas stärker den ursprünglichen Geist der Bewegung atmen. «Die Solothurner haben sich länger gegen Strukturen wie Generalversammlungen gewehrt. Im Vergleich dazu sind wir in Olten vielleicht etwas weniger dogmatisch und vielfältiger», sagt die 44-jährige Architektin.

Nie etablieren konnte sich die Partei in Grenchen und – bis auf Zuchwil, Rüttenen und Bellach – in den meisten Dörfern des Kantons. Frey macht drei Faktoren aus, warum die Grünen eine urbane Bewegung seien. Die für die Umweltpartei wichtige Kultur- und Bildungsinfrastruktur wie Theater, Kinos oder Bibliotheken sowie der Langsamverkehr seien auf dem Land weniger gefragt. Zudem reagierten Städter sensibler auf Umweltfragen. Gerade Olten ziehe Einwohner an, die nicht Autofahren, sondern den öffentlichen Verkehr benutzen wollen. Schliesslich sei in Städten der Anteil an Akademikerinnen höher, die wissenschaftlichen Fragen mehr Bedeutung beimessen. Komplexen Themen wie dem Klimawandel könne man mit einfachen Parolen nicht beikommen.

Investieren statt bloss reparieren

Ein grünes Steckenpferd ist die Raumplanung. Kürzlich habe man sich in Olten erfolgreich gegen die Einzonung von Landwirtschaftsland gewehrt. «Damit die Stadt gegen innen verdichtet wird und nicht in die Ränder und den Wald ausfranst», sagt Iris Schelbert. Akut sorgt sie sich zudem um die Investitionspolitik. «Man ist dabei, Olten kaputtzusparen.» Die Steuereinnahmen würden zwar die laufenden Kosten decken. Aber statt zu investieren, würde bloss repariert. Die Stadt brauche dringend ein Schulhaus, die Badi muss saniert und der Bahnhofplatz bald erneuert werden. Eine Stadtteilverbindung ins Neubauquartier Olten Südwest steht auf der Kippe.

Bereits eingespart wurden eine «grüne Errungenschaft» wie die Umweltfachstelle und, gegen den Willen der Chefin Iris Schelbert, die Stadtpolizei. Die Anstellungsbedingungen der Stadt verschlechterten sich. «Wir haben einen gewaltigen Investitionsstau und laufen bald auf dem Zahnfleisch», warnt Schelbert. «Ohne Steuererhöhung fängt unsere Stadt irgendwann an zu bröckeln.» Dann würden junge, mobile Bewohnerinnen oder gut verdienende Familien die Stadt schnell verlassen. Zum Beispiel Richtung Aarau, das ausgebaute schulische Tagesstrukturen anbiete.

«Wir haben viel erreicht»

Also retten, was nach dem Versiegen der Alpiq-Millionenquelle noch zu retten ist? So alarmistisch wollen Frey und Schelbert dann doch nicht auftreten. Selbst wenn die grüne Partei zuletzt etwas an Schwung verloren hat. Viel Optimismus strahlen die beiden aus. Und zu offensichtlich ist, dass viele ihrer ursprünglichen Anliegen die Gesellschaft durchdrungen haben. «Ja, wir haben viel erreicht», sagt Iris Schelbert. Dass die Aare heute nicht mehr als schmutziger Fluss, sondern sauber durch die Stadt ströme und sie auf den Grund sehen könne, sei doch wunderbar, freut sich die 60-Jährige. Auch die Aufwertung der Naherholungsgebiete und der Schutz der Wälder seien mitunter den Grünen zuzuschreiben.

Umweltthemen sind mehrheitsfähig geworden. Selbst wenn der rasche Ausstieg aus der Atomenergie kürzlich abgelehnt wurde. Da ist es zu verschmerzen, dass sich der Erfolg nicht zwingend in Sitzgewinnen spiegelt. Mit Rückschlägen, wie 1995 nach der Abwahl der ersten grünen Solothurner Nationalrätin Marguerite Misteli, haben die «Bewegten» gelernt umzugehen. «Wir Grüne sind so hartnäckig und wetterfest wie Efeu», sagt Iris Schelbert. «Nach Niederlagen schütteln wir uns, und dann fangen wir mit unserer Arbeit einfach wieder von vorne an.»