Adrian Leemann, was ist unsere Muttersprache? Deutsch, Schweizerdeutsch, gar der regionale Dialekt?

Adrian Leemann: Wenn man Deutschschweizer nach der Muttersprache fragt, werden viele «Schweizerdeutsch» oder «Dialekt X» sagen – nicht «Deutsch». Dialekt sprechen heisst für uns Nähe kommunizieren, reden, wie uns der Schnabel gewachsen ist. Dialekte haben in der Schweiz hohes Prestige. Das ist im deutschsprachigen Europa einzigartig: Weder in Deutschland noch in Österreich geniessen Dialekte einen so hohen Stellenwert.

Worin zeigt sich das?

In der Schweiz herrscht eine selbstverständliche Verwendung des Dialekts. Jeder spricht mit jedem Dialekt: der Politiker mit dem Bäcker, der Lehrer mit dem Pfarrer. Darin widerspiegelt sich etwas Urdemokratisches. Wichtig ist uns Dialektsprechern auch, dass wir lokal stark verankert sind: Stadtsolothurnern ist es demnach wichtig, dass der Dialekt, den sie sprechen, anders ist, als jener der Oltner – und umgekehrt.

Wie stark lässt sich dieser Dialekt eingrenzen?

Dialektregionen können auch noch heute gut eingegrenzt werden. Für «heben» sagte man im westlichen Mittelland schon vor 70 Jahren «lüpfe» und im Osten «lupfe». Unsere Forschungen haben gezeigt, dass Unterschiede auch heute oft noch stabil sind. Eine Kombination von 10 bis 15 unterschiedlichen Lautungen – wie dies in unseren Apps gemacht wird – erlaubt auch heute noch eine relativ gute regionale Eingrenzung. Sage ich beispielsweise «frööge», «fraage» oder «frooge» für «fragen»? 

Bis zu welchem Punkt macht es überhaupt Sinn von eigenständigen Dialekten zu sprechen?

Inwiefern sich eigenständige Dialekte oder Sprachen überhaupt voneinander abgrenzen lassen, ist relativ arbiträr. Max Weinreich, ein bekannter Litauischer Linguist, hat einmal gesagt: «Eine Sprache ist ein Dialekt mit einer Armee und einer Marine». Damit wollte er aufzeigen, dass soziale und politische Gegebenheiten einen Einfluss darauf haben, was wir als Sprache oder Dialekt verstehen.

Du hast die Dialäkt Äpp und die neue Voice Äpp angesprochen. Wie funktionieren die?

Eine der Funktionen unserer Apps versucht, Leute aufgrund der Aussprache einzelner Wörter in der Deutschschweiz geografisch zu verorten. Sagt jemand zum Beispiel «Bütschgi» für den Überrest eines Apfels, so weiss das Gegenüber, dass der Sprecher eher aus dem Raum Zürich kommt. Sagt er hingegen «Gröibtschi», kommt der Sprecher wohl eher aus dem Bernbiet. Aufgrund dieses Phänomens haben wir Applikationen für Smartphones entwickelt, die dem Benutzer genau eine solche Verortung erlauben. Der Benutzer klickt sich durch 16 Wörter – oder, in der neueren Version, spricht diese ins Telefon – und die App teilt ihm mit, welchen Dialekt er spricht.

Wie oft wurden die Apps schon heruntergeladen?

Die Applikationen sind auf grosse Resonanz gestossen – die Dialäkt Äpp wurde über 80 000 mal heruntergeladen, die Voice Äpp bisher knapp 20 000 mal. Auf verschiedensten nationalen und internationalen Fachkongressen konnten wir die Apps präsentieren. Es ist spannend zu sehen, wie sehr die Leute davon fasziniert sind, dass eine App Ihnen mitteilt, welchen Dialekt sie sprechen.

Worin ist diese Faszination begründet?

Wohl darin, dass eine Maschine einem Menschen etwas ganz Grundsätzliches über sein Wesen mitteilt. Wir interessieren uns für uns selber, wie wir ticken, und eben auch, wie wir sprechen. In Zusammenarbeit mit dem Zürcher Tagesanzeiger entwickeln wir im Moment ein Verortungs-Tool für den gesamten deutsch-sprachigen Raum in Europa. Mit 90 Millionen Sprechern ist Deutsch die meistgesprochene Sprache Europas. Innerhalb dieser Sprache gibt es aber grosse regionale Unterschiede. Man kennt die Anekdoten aus dem Alltag: der Österreicher bestellt eine Palatschinken, der Ostdeutsche eine Plinse und der Schweizer ein Omelett. Alle drei bestellen dasselbe: einen Pfannkuchen. Mit solchen Unterschieden im Wortschatz erhoffen wir uns, dass wir mit dem Tool Deutsch-Sprecher innerhalb Europas genau lokalisieren können.

Du hast auch mit dem Sprachatlas der Deutschen Schweiz gearbeitet. Welche Veränderungen hast du im Schweizerdeutschen festgestellt, besonders auch im Raum Solothurn?

Unsere Studien haben gezeigt, dass sich in der Deutschschweiz momentan typisch berndeutsche Merkmale ausbreiten. So zum Beispiel die Aussprache von gewissen L-Lauten als «U». Ein Berner – wie auch der Solothurner – sagt «Miuch» oder «Müuch» statt «Milch». Dieses Merkmal breitet sich nun in Richtung Zentralschweiz, Berner Oberland und Westschweiz aus. Gründe dafür sind vermutlich dreierlei: Einerseits ist Berndeutsch sehr beliebt. Zweitens kreiert man durch die Aussprache von «L» als «U» eine grössere linguistische Distanz zum Standarddeutschen. Vielleicht versuchen wir, uns dadurch mehr vom Standarddeutschen abzugrenzen. Drittens hat wohl die ausgeprägte Berndeutsche Dialektmusik und Dialektliteratur zu einer Ausbreitung des Merkmals beigetragen.