Walther Stampfli
Der rechte Bundesrat, der ein grosses linkes Anliegen realisierte

Vor 70 Jahren stimmten die Schweizer der AHV zu. Verantwortlicher Bundesrat war damals der Solothurner Walther Stampfli, was ihm den Ruf als «Vater der AHV» eintrug. Doch wer war der Mann, der den Kriegsbundesrat prägte?

Urs Altermatt
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Der Solothurner Bundesrat Walther Stampfli, aufgenommen im November 1943 in seinem Berner Büro.

Der Solothurner Bundesrat Walther Stampfli, aufgenommen im November 1943 in seinem Berner Büro.

Photopress-Archiv/Keystone

Der aus Grenchen stammende Bundesrat Hermann Obrecht musste am 20. Juni 1940, mitten in der schwierigsten Phase des Zweiten Weltkrieges, aus gesundheitlichen Gründen seinen raschen Rücktritt auf Ende Juli bekannt geben. Obrecht erholte sich nicht mehr und verstarb am 21. August. Da kein Bundesrat Obrechts Departement übernehmen wollte, musste ein Nachfolger für das im Weltkrieg so zentrale Volkswirtschaftsdepartement (mit Aussenhandel) gefunden werden.

Die Wahl fiel auf Walther Stampfli, der als Direktor der Von Roll’schen Eisenwerke Politik und Wirtschaft kannte. Als Direktor eines Industriebetriebes war Bundesrat Stampfli ein kompetenter Wirtschaftspolitiker, der als Wirtschaftsfreisinniger in den dreissiger Jahren vehement gegen den Sozialismus und gegen korporativistische Experimente rechtskonservativ-mittelständischer Kreise gekämpft hatte.

Gegen den Protest der Sozialdemokraten, die trotz ihrer Wählerstärke im Bundesrat noch nicht vertreten waren, wählte die Bundesversammlung am 18. Juli 1940 den freisinnigen Solothurner Nationalrat Stampfli. Wie vorgesehen übernahm der neue Bundesrat, der den Bundesratsposten keineswegs gesucht hatte, das Eidgenössische Volkswirtschaftsdepartement EVD.

Von der Zeitung zur Von Roll

Im Kriegsjahr 1940 kam es unerwartet zu einer starken personellen Veränderung des Bundesrates. Der langjährige Aussenminister Giuseppe Motta (CVP) war im Januar 1940 im Amt verstorben, der populäre Berner Militärminister Rudolf Minger (BGB, später SVP) und der Appenzell Ausserrhoder Justizminister Johannes Baumann (FDP) traten auf Ende Dezember 1940 zurück.

So setzte sich der neue Kriegsbundesrat neben Walther Stampfli aus folgenden Landesvätern zusammen. Der Waadtländer Marcel Pilet-Golaz (FDP) leitete als Nachfolger Mottas das Aussenministerium und verfasste die berühmte «Anpassungs»-Rede von 1940. Zur damaligen Landesregierung gehörte ferner der Zuger Philipp Etter (CVP), der seit 1934 im EDI sass. Im EJPD amtete nun der Berner Bundesrat Eduard von Steiger (BGB/SVP), der den populären Militärminister Rudolf Minger ablöste.

Das EMD übernahm nach einer Rochade der für Baumann in den Bundesrat gewählte St. Galler Freisinnige Karl Kobelt, die Finanzen führte der Zürcher Freisinnige Ernst Wetter weiter und das Verkehrs- und Energiedepartement der Tessiner Enrico Celio (CVP), der Motta ersetzt hatte. Die parteipolitische Formel lautete bis zum Eintritt des ersten Sozialdemokraten im Dezember 1943 4 Freisinnige, 2 CVP und 1 BGB (später SVP).

Wie sein Biograf Georg Hafner schreibt, verbrachte Walther Stampfli seine Jugendzeit im Schwarzbubenland, wo sein Vater in Büren (Dorneck) Bezirkslehrer war. Nach der Primar- und Bezirksschule besuchte er die Kantonsschule in Solothurn, wo er der Studentenverbindung Wengia beitrat. In Deutschland erwarb er das Diplom eines Versicherungskaufmanns und studierte dann in Zürich weiter, wo er mit dem Doktorat in Jurisprudenz abschloss.

Nach einer kämpferischen Redaktionstätigkeit am freisinnigen «Oltner Tagblatt» begann er seine Karriere bei den Von Roll’schen Eisenwerken. Nebenbei war er Sekretär beim Handels- und Industrieverein des Kantons Solothurn. Die politische Laufbahn führte ihn über den Kantonsrat 1931 in den Nationalrat. Ein politisches Exekutivamt hatte er vor dem Bundesrat nicht inne.

In den Kriegsjahren brauchte es für das EVD eine durchsetzungsfähige Persönlichkeit, die im schwierigen Balanceakt zwischen Anpassung und Widerstand die Kriegswirtschaft zum Wohle des Volkes führte und Konflikte mit General Guisan nicht scheute. Legendär wurde die von Professor Wahlen, dem späteren Bundesrat, geleitete «Anbauschlacht» von 1940 − mit Kartoffelanbau auf den Plätzen der Städte.

Er prägte nicht nur die AHV

Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges nahm sich Bundesrat Stampfli energisch der jahrelang blockierten Alters- und Hinterbliebenenversicherung an, die der gesetzlichen Verwirklichung harrte. Das Postulat war nicht neu. Nach den unruhigen Zeiten am Ende des Ersten Weltkrieges nahm das Volk in einer Volksabstimmung 1925 einen Verfassungsartikel mit dem Ziel an, eine AHV zu schaffen.

Mit der Mobilisation der Armee im Zweiten Weltkrieg kam die Angelegenheit erneut ins Rollen. Unter dem Vollmachtenregime führte der Bundesrat im Dezember 1939 die Lohnersatzordnung für die Wehrmänner ein. Der Gewerkschaftsbund forderte, dieses System in eine breitere Sozialversicherung überzuführen, 1942 folgte eine Initiative. Mit Blick auf das baldige Kriegsende drängten breite Volkskreise auf eine Verwirklichung des jahrzehntelangen Anliegens.

Bundesrat Stampfli erkannte die Zeichen der Zeit. Der ursprünglich vom rechten Flügel des Freisinns stammende Bundesrat war der richtige Mann, um die letzten Widerstände rechtsbürgerlicher und ultrakonservativer Kreise zu überwinden. Am 6. Juli 1947 nahm das Schweizer Volk mit einem glänzenden Resultat die AHV-Vorlage an. Wesentliche Vorarbeiten leistete die Kommission des Nationalrates unter dem Vorsitz des Berner Sozialdemokraten Robert Bratschi. Anzumerken ist, dass auch der Solothurner Schuldirektor Walter Gisiger in der Funktion als Präsident des Konkordats der Krankenkassen an den Expertenarbeiten aktiv beteiligt war.

Mit der 1948 eingeführten Alters- und Hinterlassenen-Versicherung AHV schuf sich Bundesrat Stampfli ein bleibendes Denkmal. Da Stampfli eine schwerbehinderte Tochter hatte, kannte er aus eigener Erfahrung menschliches Leid. Zwar war Stampfli nicht der Vater der AHV (wie oft behauptet wird), aber er war deren Realisator − nach einer fast drei Jahrzehnte dauernden Debatte.

Wie so oft in der Geschichte verwirklichen Politiker des rechten Parteispektrums Anliegen, die ursprünglich aus dem linken Lager stammen, da es ihnen gelingt, mit ihrem Beziehungsnetz den Widerstand der Opposition zu brechen.

Weniger Beachtung findet, dass unter Bundesrat Stampfli nach dem Weltkrieg auch die bekannten Wirtschaftsartikel eingeführt wurden, die bis heute durch den Einbezug der Verbände in den politischen Willensbildungsprozess die Schweizer Politik prägen.

Mit Durchschlagskraft

Als Wirtschaftsminister der Kriegszeit hatte Bundesrat Stampfli wertvolle Dienste geleistet. Am Ende des Krieges spürte er, dass er mit seinem kraftvollen, zuweilen autoritären Temperament nicht mehr in die Nachkriegszeit passte, und kehrte in die Wirtschaftswelt zurück, wo er freier schalten und walten konnte. Er liess sich als Altbundesrat zum Verwaltungsratspräsidenten der Von Roll’schen Eisenwerke und anderer Firmen wählen.

Seit seiner Zeit als Wengianer war Stampfli ein überzeugter Verbindungsstudent und trat der schlagenden radikal-freisinnigen Studentenverbindung Helvetia bei. Spätestens hier erwarb er sich die kämpferische Durchschlagskraft, die er im Kriegsbundesrat des Zweiten Weltkrieges brauchte, um als einer der starken Männer des Kriegsbundesrates die Schweiz durch die gefahrvolle Zeit des Zweiten Weltkrieges zu führen.

Trotz der kurzen Amtszeit war Bundesrat Stampfli eine prägende Figur, die − leider − wie so viele andere Bundesräte in Vergessenheit geraten ist.

Der Autor

Der Solothurner Historiker Urs Altermatt ist emeritierter Professor für Zeitgeschichte an der Universität Freiburg, deren Rektor er auch war. Bekannt ist er als Herausgeber des Bundesratslexikons. Seine Werke sind in ein Dutzend Sprachen übersetzt. Im Verlaufe seiner langen Karriere hielt er sich für Forschung und Lehre mehrere Jahre im Ausland auf, so an den amerikanischen Eliteuniversitäten Harvard und Stanford, in Berlin, Wien, Krakau, Budapest, Sarajevo, Sofia, Leuven und Erfurt.

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