Gastkolumne

Der Mega-Bildschirm

Koen De Bruycke schaut sich jeden Abend den Himmel an.

Koen De Bruycke schaut sich jeden Abend den Himmel an.

Es Muss sein.

Frühling, Sommer, Herbst oder Winter – es macht mir nichts aus: Jeden Abend, bevor ich ins Bett gehe, setze ich mich draussen auf die Bank und schaue den dunklen Himmel mit dem Mond und den Sternen an. Ob Kälte, Wind oder Regen, nichts hält mich von diesem Ritual ab. Der Blick nach oben tut mir gut. Er beruhigt mich und schenkt mir eine neue Perspektive auf die Wirklichkeit. Die nächtliche Betrachtung erleichtert mich.

Ich habe die Wahrheit!

Mir macht die wachsende Polarisierung der Gesellschaft zu schaffen. Fundamentale Positionen zu Themen wie Klimawandel, Migration, Gleichberechtigung, 5G, Ehe für alle werden eingenommen, während die Gegenposition und ihre Befürworter verteufelt werden. Die eigene Meinung wird mit Verbissenheit als die Wahrheit verteidigt, während die Fürsprecher einer anderen Meinung für Trottel gehalten werden. Diese Polarisierung wird leider durch die Informationsüberflutung von Infokanälen und sozialen Medien ständig genährt und belebt.

Die Informationsflut hat sich im letzten halben Jahrhundert gewaltig geändert. Vor 50 Jahren sass am Abend die Familie zusammen vor dem klotzigen Röhrenbildschirm eines Fernsehers, um die Nachrichten zu schauen. Vor 25 Jahren wurde das Internet dann langsam eine wichtige Informationsquelle. Jede Person der Familie konnte, wenn sie die Geduld dazu aufbringen konnte, sich ins Internet einwählen und, nachdem das typische Geräusch endlich aufgehört hatte, für sich am PC-Monitor die Nachrichten lesen. Heutzutage blinken aber zu jeder Zeit und an jedem Ort auf dem Display des persönlichen Smartphones Neuigkeiten auf, die den Leser in seiner persönlichen Weltanschauung bestätigen oder ihn in Rage versetzen über das verwerfliche Weltbild des anderen.

Mein Bildschirm – Meine Welt? Wenn ich mir dies überlege, dann gewinne ich – überspitzt gesagt – den Eindruck, dass je kleiner der Bildschirm der technischen Geräte wird, desto engstirniger der Mensch wird. Obwohl zwischen beiden Entwicklungen tatsächlich eine Korrelation besteht? Machen die immer kleineren Bildschirme den Menschen kleindenkend, weil er die Welt um sich herum aus den Augen verliert und in eine virtuelle Welt abtaucht?

Apropos …

Der Anblick des Himmels in der Nacht mit den Sternen und dem Mond bewirkt das Gegenteil in mir. Mir gehen in diesem Moment die Augen auf für das Ganze. Ich realisiere, dass die Erde im Universum ein wunderbares Detail ist und dass sich nicht alles um uns Menschen dreht. Ich fühle mich als Teil einer grossartigen Wirklichkeit und meine Wahrheit, Sorgen und Probleme relativieren sich. Durch das Bild des Firmaments schaue ich die Dinge mit anderen Augen an.

Notabene: Der «Mega-Bildschirm Himmel» kostet nichts und braucht keine Energie, und die Erfahrung steht jedem Menschen gratis und überall zur Verfügung.

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