Der Luchs hat sich nach der Wiederansiedlung in den 80er-Jahren so erfolgreich ausgebreitet – besonders in den letzten 20 Jahren – dass Jäger sich Sorgen um die Reh-Population machen. Grundsätzlich geniesst die elegante, hochbeinige Katze in der Gesellschaft eine Menge Sympathie.

Politiker und die breite Öffentlichkeit mögen die Raubkatze gleichermassen. Einerseits hat das damit zu tun, dass sie sich nur selten an Schafen und Ziegen vergreift. Andererseits ist es erstaunlich, denn kaum jemand bekommt je einen Luchs zu Gesicht. Selbst Luchsrisse, also Wildtiere, die von einem Luchs getötet wurden, sind Zufallsfunde. «Als Wildbiologe bin ich viel unterwegs in den Wäldern. Bisher habe ich aber erst zwei oder drei Mal einen Luchs gesehen», sagt Mark Struch. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter beim kantonalen Amt für Wald, Jagd und Fischerei.

Ein Dutzend im Kanton

Im Auftrag des Bundes erhebt die Monitoringstelle Kora die Verbreitung der Grossraubtiere alle drei Jahre, zuletzt im Winter 2015/16. Aktuell rechnet Kora mit einer Luchspopulation von rund 60 Tieren im Schweizer Jura. Die Dichte von 1.25 selbstständigen Luchsen pro 100 km2 ist im Vergleich zum Wert der letzten Erhebung vom Winter 2012/13 leicht gesunken.

Ergänzend dazu läuft beim Kanton Solothurn ein permanentes Luchs-Monitoring. Dazu werden Fotofallen bei frisch gerissenen Beutetieren und an viel begangenen Wildwechseln aufgestellt.
«Alle für Luchse geeigneten Reviere sind im Jura derzeit besetzt. Die Territorien werden gegen Rivalen verteidigt, so dass Kämpfe für das unterlegene Tier tödlich enden können», sagt Mark Struch. Die Lücke, welche die Umsiedlung der Grenchenberg-Luchsin Bell in den Pfälzer Wald vor drei Jahren hinterlassen habe, sei wieder gefüllt. Im Kanton Solothurn geht er von rund zwölf Luchsen aus, welche grenzübergreifend mit den Kantonen Aargau, Baselland, Jura und Bern herumstreifen.

Nach einer deutlichen Zunahme des Luchsbestandes zu Beginn dieses Jahrtausends habe sich der Bestand im Nordjura in den letzten drei bis fünf Jahren stabilisiert. Standorttreu seien die Weibchen, während die Männchen, Kuder genannt, zwei bis vier Weibchen im Turnus besuchen. Deshalb haben die Kuder grössere Streifgebiete als die Weibchen, deren Reviere im Mittel 185 Quadratkilometer umfassen, wie die Naturforschende Gesellschaft des Kantons Solothurn in ihrem Mitteilungsblatt letztes Jahr ermittelt hat.

Es gibt zwei Luchs-Hotspots

«Rund um den Weissenstein und in Kleinlützel haben wir eigentliche Luchs-Hotspots. Hier grenzen mehrere Luchsterritorien aneinander.» Der Umsiedlungsversuch einer Luchsin in Kleinlützel scheiterte laut Wildbiologe Mark Struch daran, dass diese ein Herzgeräusch hatte und deshalb nicht für die Umsiedlung infrage kam. «Das Tier wurde dort wieder freigelassen, wo es gefangen wurde.»

Ein Luchs frisst ungefähr jede Woche ein Reh – Gämsen mit ihren Hörnern und in Rotten organisierte Wildschweine sind dem Einzelgänger Luchs als Beute meist zu gefährlich. Gebietsweise schmälert die Anwesenheit des Luchses einen Rehbestand spürbar. «Solche Einschränkungen werden den vom Luchs betroffenen Jagdvereinen im Sinn einer Reduktion des Pachtzinses abgegolten. Damit haben wir gute Erfahrungen gemacht und die Akzeptanz des Luchses ist deshalb auch in Jägerkreisen gross», sagt Mark Struch.

Jäger wollen mehr Rehe

Doch die Stimmen bei den Jägern werden lauter, die lieber wieder mehr Rehe und weniger Pinselohren, sprich: Luchse hätten – besonders an den erwähnten Hotspots. So schreibt Martin Ebner in der aktuellen Ausgabe der nationalen Fachzeitschrift «Jagd&Natur»: «Genug ist genug, sagte sich die Jagdgesellschaft Weissenstein im Januar 2014 und stellte an die Generalversammlung des Hegerings Lebern den Antrag: ‹Der Luchsbestand muss mit zweckdienlichen Massnahmen auf einen Bestand von unter 1.5 pro 100 km2 reguliert werden. Als geeignete Massnahmen erachten wir das Einfangen und Umsiedeln oder, wenn sich keine Abnehmer finden lassen, das Einschläfern oder zum Abschuss freigeben.›» Der Grund: Im Jagdrevier Weissenstein hätten die Abschüsse von Rehen zwischen 1981 und 2017 um 60 Prozent abgenommen.

Interessant in diesem Zusammenhang: Gemäss der eidgenössischen Jagdstatistik hat die Zahl der Rehe, die im Kanton Solothurn im Strassenverkehr getötet wurden, zwischen 1980 und 2016 um fast drei Viertel zugenommen, von 259 auf 406. Nicht nur der Luchs fordert also seinen Tribut am Bestand der Rehe. Da stellt sich die Frage: Hat der Verkehr so stark zugenommen oder gibt es mehr Rehe, als die Jäger vermuten? Derzeit wird das Bundesjagdgesetz revidiert. Davon hängt ab, ob und wie in Zukunft auch bei geschützten Tierarten wie dem Luchs der Bestand reguliert werden darf.

Warten auf Wildkorridore

Bewegung in der Luchsfrage erwartet Mark Struch vom Bundesamt für Strassen (Astra), so etwa beim Autobahnausbau zwischen Härkingen und Luterbach. «Bei der Sanierung von Strassen ist das Astra verpflichtet, auch die Wildtierkorridore zu sanieren und Wildquerungen zu bauen.»

So könnte der Luchs in den nächsten Jahren zum Beispiel ins Emmental vordringen, wo es für ihn geeignete Reviere geben dürfte.