Theo Eckert wird diesen Text, wenn überhaupt, nur in der elektronischen Ausgabe lesen. Denn der Chefredaktor von Solothurner Zeitung und Grenchner Tagblatt ist kurz nach seinem Abschiedsapéro auf der Redaktion verreist. Nicht für ein paar Tage, sondern für ein halbes Jahr. Nicht irgendwohin, sondern nach Australien. Gemeinsam mit seiner Frau und den zwei Töchtern im Teenager-Alter. Er erfüllt sich und seiner Familie damit einen Traum – und zugleich ist die geografische und zeitliche Distanz zu seiner Stadt und seiner Zeitung auch eine Art Selbstschutz: «Es wäre mir sehr komisch vorgekommen, in den Tagen nach meiner Pensionierung am Redaktionsgebäude vorbeizulaufen», sagte er am Apéro, «und nicht hineinzugehen.»

Im Element: Theo Eckert bei einer «Lesertelefon»-Aktion im Jahre 2014 in seinem Büro.

Im Element: Theo Eckert bei einer «Lesertelefon»-Aktion im Jahre 2014 in seinem Büro.

Der Vollblut-Journalist sieht nicht aus wie ein Pensionär. 17 Jahre lang leitete er die Solothurner Zeitung – somit war er in der Schweizer Zeitungslandschaft einer der dienstältesten Chefredaktoren. Nur schon das ist in den turbulenten Zeiten, die die Presse in den vergangenen zwei Jahrzehnten erlebt hat, eine Leistung. Üblicherweise treten Chefredaktoren früher ab, manchmal freiwillig, nicht selten unfreiwillig – oder sie wechseln als Berater in die Kommunikationsbranche. Eckert aber, in Jugendjahren ein erfolgreicher Leichtathlet bei der LV Langenthal, hat es durchgezogen bis zum 65. Geburtstag. Noch am allerletzten Arbeitstag nahm er um 17 Uhr an der sogenannten «Front-Telefonkonferenz» teil, an der die verschiedenen Titelseiten des «Nordwestschweiz»-Verbundes konzipiert werden. Und versprühte die ihm eigene Mischung aus Ruhe und Elan.

Nie krank gewesen

Niemand mag sich erinnern, dass Eckert auch nur einen Tag wegen Krankheit gefehlt hätte. Sein Job war intensiv und fordernd, doch in der Familie und beim Joggen und Biken fand er den Ausgleich.

In den Regionaljournalismus kam er über Umwege. Aufgewachsen in Langenthal, absolvierte er nach dem Progymnasium eine Banklehre, statt, wie alle anderen, ans Gymi zu gehen. «Ich schwamm schon früh gern gegen den Strom», erinnert sich Eckert. Keine schlechte Voraussetzung für den Journalistenberuf. Als Jugendlicher engagierte er sich in der 68er-Zeit für das alternative Jugendzentrum in Langenthal und gegen das geplante Atomkraftwerk Graben.

Nach der RS holte er die Matur nach, und als er durch einen Bekannten auf ein Stage bei der «Chemischen Rundschau», einer Wochenzeitung des Vogt-Schild-Verlags, aufmerksam gemacht wurde, griff er zu. 1975 erschien dort Eckerts erster Zeitungsartikel. Später wechselte er hausintern zum Magazin «Transport und Verkehr». Eine der Voraussetzungen für den Posten: der Lw-Ausweis. Also machte Eckert die Lastwagenprüfung. In dieser Zeit kam er in der ganzen Welt herum, berichtete von der Rallye in Dakar, aus Senegal und Japan. Die Reisebudgets waren damals noch üppig.

Immerhin die «SZ»-Kapuzenjacke erinnert in Australien noch an «alte Zeiten».

Immerhin die «SZ»-Kapuzenjacke erinnert in Australien noch an «alte Zeiten».

Die Fusionitis hautnah erlebt

1989 wechselte er von Solothurn nach Aarau, zum damaligen «Aargauer Tagblatt». Er leitete das Beilagenressort, zu dem auch die Autoseite und das Wochenendmagazin gehörten. Es waren die letzten ruhigen Jahre in der Schweizer Presselandschaft, schon bald ging die Fusionitis los. 1996 schlossen sich das «Aargauer Tagblatt» und das «Badener Tagblatt» zusammen – die «Aargauer Zeitung» entstand. Eckert wechselte nach Baden. 1998 verliess er die AZ, um als Blattmacher bei der Solothurner Zeitung anzuheuern, die dann später Teil des AZ-Verbundes werden sollte (die Übernahme erfolgte in Schritten und wurde 2009 vollständig vollzogen).

Als 2001 beschlossen wurde, dass die Solothurner Zeitung den überregionalen Teil, den sogenannten Mantel, nicht mehr selber machte, verliess Chefredaktor Andreas Netzle das Blatt. Der Weg war frei für Theo Eckert. Er wusste, dass er schon bald nicht mehr 75 Redaktoren, Produzenten und Korrektoren beaufsichtigen würde, sondern deutlich weniger. Denn die nationalen Inhalte wurden nun in Aarau gemacht, im Rahmen der «Mittelland-Zeitung». Diese Themen interessierten Eckert durchaus, darum wirkte er später sporadisch auch als Blattmacher des Mantel-Teils in Aarau.

Doch für Eckert war das Lokale entscheidend. Obwohl er seine Karriere eher atypisch nicht als Regionaljournalist begonnen hatte, merkte er schnell, dass die Berichterstattung aus den Gemeinden und dem Kanton das war, was die Leser am meisten schätzten. Als Chefredaktor war er ein entschlossener Kämpfer für seine Regionalzeitung – mit der Zentrale in Aarau focht er so manchen (Budget-) Strauss aus. Denn in Zeiten abnehmender Einnahmen gibt es Verteilkämpfe: wie viel für welches Ressort? Wie viel fürs Nationale und wie viel fürs Regionale? Eckert ist Langenthaler und nicht Solothurner – womöglich ein Vorteil. Denn den Solothurnern haftet der Ruf an, vom Naturell her eher nachgiebig und harmoniebedürftig zu sein. Eckert wirkte zwar so, konnte aber, wenns hart auf hart ging, auch anders.

Stellte sich immer vor seine Leute

Richtig «hässig» werden konnte er, wenn seine Leute angegriffen wurden. Als kürzlich ein junger Redaktor von einem Politiker mit üblen Tiraden überzogen wurde, reichte Eckert gar Klage ein. Und bekam Recht. «Wir werden nur ernst genommen, wenn wir uns abgrenzen und wenn nötig Zähne zeigen. Auch Journalisten müssen sich nicht alles bieten lassen», sagt er, der wiederholt journalistische Talente entdeckt und gefördert hat. Bisweilen waren Charaktertypen darunter, die nicht der Norm entsprachen: «Für solche Köpfe hatte ich immer eine Schwäche.»

Theo Eckert wurde auf den 1. Mai 2001 Chefredaktor von Solothurner Zeitung und Kopfblättern.

    

In der Solothurner Politik ist Eckert gut vernetzt, zugleich aber hielt er Abstand. «Die richtige Balance zwischen Nähe und Distanz zu finden, war mir immer ein Anliegen», sagt er. Wenn ihn die Linken wie die Rechten kritisierten, wusste er: Wir machen etwas richtig. Eckert, parteilos, liess sich von keiner Seite vereinnahmen. Manche älteren Freisinnigen hatten Mühe damit, als die Solothurner Zeitung, einst stockfreisinnig, sich zu öffnen begann. Er selber war als Jugendlicher «linksgestrickt», wie er sagt, «und mit zunehmendem Alter bin ich dann unvermeidlich konservativer geworden».

Den Stil der Zürcher SVP, der nicht zu Solothurn passe, habe er aber immer klar kritisiert, schon in frühen Jahren, erinnert sich Eckert. Das brachte ihn einmal gross in den «Blick»: Als die SVP der Solothurner Zeitung mit einem Inserateboykott drohte, war das für das Boulevardblatt eine grosse Story. Eckert konnte den Boykott abwenden und liess sich im «Blick» so zitieren: «Wir machen durchaus eine SVP-Zeitung: souverän, volksnah, professionell.»

Einmarsch und Rückzug der Berner

In seiner langen Karriere hat Eckert den Wandel der Medien in all seinen Facetten erlebt: technologisch die Entwicklung vom Bleisatz zur komplett digitalen Herstellung der Zeitung; unternehmerisch die Kooperationen und damit verbundene Entlassungen; politisch die Öffnung der einstigen Parteizeitungen; journalistisch die Online-Revolution und die neuen Job-Profile auf der Redaktion. Jahrelang war Solothurn gar der schweizweite Brennpunkt der Medienturbulenzen: Die «Berner Zeitung» unter Verleger Charles von Graffenried (heute: Tamedia) wollte unbedingt die Solothurner Zeitung übernehmen, und als dies nicht gelang, lancierte sie das Kampfblatt «Solothurner Tagblatt», das den Platzhirsch mürbe machen sollte. Doch der Angriff schlug fehl: Die Konkurrenz spornte Eckerts Redaktion zu Höchstleistungen an, und das «Tagblatt» zog sich, nach Verlusten von 25 bis 30 Millionen Franken, wieder aus Solothurn zurück.

Seit Amtsantritt 2001 lebt Eckert in Solothurn, und dort wird er mit seiner Frau und den beiden Töchtern auch bleiben (er hat zudem zwei bereits erwachsene Kinder). Die Stadt ist ihm ans Herz gewachsen: «In all den Jahren ist sie lebendiger und offener geworden, man sieht es an der Aare, in der Gastroszene und kulturell», sagt Eckert. «Solothurn ist immer noch lieblich, aber es pulsiert.» Man merkt: Die Stadt passt zu ihm. Nicht grossspurig, nicht spektakulär, aber vielschichtig und solid.

Wie muss man sich den Alltag des Pensionärs Eckert vorstellen? «Ich werde Hausmann», sagt er und lacht. «Kochen kann ich schon, bügeln muss ich noch lernen.» Wer Eckert kennt, weiss, dass es kaum dabei bleiben wird. «Ja, ich habe da noch ein paar Ideen», meint er schliesslich. Natürlich will man mehr wissen. Aber Nachbohren wäre aussichtslos. «Zuerst», sagt er, «geniessen wir Australien.»

*Der Autor ist Chefredaktor des Zeitungsverbundes «AZ Nordwestschweiz», zu dem die Solothurner Zeitung, das Grenchner Tagblatt und das Oltner Tagblatt gehören.