Er war der Architekt der Steuervorlage. Und ein klarer Verfechter der Vorwärtsstrategie des Regierungsrats: Marcel Gehrig, seit dieser Woche nicht mehr Chef des Kantonalen Steueramts. Dabei hielt sich der starke Mann des Finanzdepartements nicht zurück, wenn es um «seine» Vorlage ging.

Deutlich zu spüren: Die Tiefsteuerstrategie war Gehrigs Kind. Er war der Dreh- und Angelpunkt. Auch für die Interessengruppen, die ihre Anliegen in Bezug auf die Unternehmenssteuerreform platzieren wollten. Und er prägte die Vorlage vielleicht mehr, als dem Regierungsrat lieb war. Das Ego des 54-jährigen Betriebswirtschafters und Wirtschaftsprüfers war auch im politischen Umfeld ausgeprägt. Was den einen imponierte, irritierte die andern. Finanzdirektor Roland Heim, Gehrigs Chef, schien lange damit umgehen zu können.

Steuervorlage vor den Ferien

Trotzdem ging die Steuervorlage am 19. Mai bachab – und seither wird gerätselt, welchen Plan B die Regierung aus dem Hut zaubert, um eine neue, mehrheitsfähige Vorlage zu zimmern. Der letzte Kontakt dieser Zeitung mit dem geschassten Steueramt-Chef in der Sache war am 12. Juni. Damals, genau vor einer Woche, ging es um die Frage, ob die rechtsformneutrale Besteuerung Bestandteil der neuen Vorlage sein wird oder nicht. Gehrigs Antwort: «Ob die rechtsformneutrale Besteuerung Bestandteil der neuen Vorlage sein wird, ist noch nicht bekannt.» Spannender war ohnehin der Nachsatz: «Ich gehe davon aus, dass die Regierung die Öffentlichkeit vor der Sommerpause über die Eckwerte informieren wird», teilte Gehrig ungefragt mit. Gemeint waren damit die Parameter der neuen Steuervorlage, die nach den Sommerferien dem Parlament zugeleitet werden soll. Das Rathaus bestätigte gestern auf Anfrage: «Der Regierungsrat wird die neue Steuervorlage noch vor den Sommerferien präsentieren.» – Also mehr als nur die Eckwerte.

Harte Diskussionen, aber kein Zerwürfnis?

Wenn es der Plan B ist, den die Regierung vor dem Scheitern der Vorlage an der Urne in petto hatte, dürfte sie dem ehemaligen Chef des Steueramts nicht gefallen haben. Gut unterrichteten Quellen zufolge legte die Regierung der Reservebotschaft eine Gewinnbesteuerung von 16 (statt 13) Prozent mit abgespeckter Gegenfinanzierung und ohne flankierende Massnahmen zugrunde. Ob dieses Szenario noch aktuell ist – darüber schweigt sich die Regierung ebenso aus wie über die Gründe für Gehrigs unfreiwilligen und abrupten, aber in die Watte des gegenseitigen Einvernehmens verpackten Abgangs. Insider gehen zwar davon aus, dass es zwischen Finanzdirektor Roland Heim und seinem Steueramt-Chef nach dem Steuer-Nein durchaus zu harten Diskussionen gekommen ist, gleichwohl wird Gehrigs Verabschiedung in erster Näherung nicht als Ergebnis eines politischen Zerwürfnisses, sondern vielmehr als Resultat der zunehmend prekären Führungssituation des als fordernd beschriebenen Amtschefs gelesen, der sich durch sein internes Verhalten angreifbar gemacht habe.

Immerhin andeutungsweise äussern sich verwaltungsnahe Kreise zum Fall der Mitarbeiterin, die auffälligerweise fast zeitgleich wie der Amtschef freigestellt wurde. Demnach sollen der früheren Abteilungsleiterin von Gehrig Ungereimtheiten bei den Gleitzeiten vorgeworfen werden. Und auch der Führungsstil der Kaderfrau muss beim Kanton schon ein Thema gewesen sein.

Geschäftsprüfungskommission will Infos

Den Fall Gehrig will auch die kantonsrätliche Geschäftsprüfungskommission besprechen. «Wir werden uns informieren lassen», sagt Präsidentin Franziska Rohner auf Anfrage. Bisher habe die Kommission noch «keine vertieften Informationen» erhalten. Dabei wird die Kommission nicht nur anschauen, ob alle Prozesse sauber gelaufen sind, sondern auch, ob aktuelle Grossprojekte wie die Steuervorlage nach dem Abgang auf Kurs sind. In diesem Punkt habe sie bereits mit Finanzdirektor Roland Heim in Kontakt gestanden. «Ich habe mir versichern lassen, dass die grossen Geschäfte auf Kurs sind», sagt Rohner, deren Kommission allerdings erst wieder im August tagen wird. Noch vor den Sommerferien wird der Kantonsrat tagen. Es gibt von verschiedener Seite Hinweise, dass der Fall Gehrig thematisiert wird. Der Fall des Topkader-Manns hat eine politische und eine aufsichts- bzw. personalrechtliche Dimension (Thema Lohnfortzahlung, zum Beispiel).

Übrigens: Niedergeschlagen haben dürfte sich die Führungssituation im Steueramt auch in der Mitarbeiterbefragung des Kantons vom vergangenen Jahr. Bekannt ist, dass das Finanzdepartement am schlechtesten abgeschnitten hat. Dass das Steueramt dazu seinen Beitrag geleistet hat, ist allein aufgrund der Tatsache, dass knapp die Hälfte der 490 Mitarbeitenden des Finanzdepartementes bei den Steuern tätig ist, wahrscheinlich.