Coronakrise

Der «Corona-Verharmloser»: Christoph Pfluger und die Kritik an seinen streitbaren Aussagen

Christoph Pfluger: «Sie kämpfen gegen das Virus, nicht für die Gesundheit.»

Christoph Pfluger: «Sie kämpfen gegen das Virus, nicht für die Gesundheit.»

Der Solothurner Publizist und «Zeitpunkt»-Herausgeber Christoph Pfluger polarisiert mit umstrittenen Aussagen – sei dies zu Corona, 5G oder der Globalisierung.

«Das Coronavirus wird sich als nicht besonders gefährlich erweisen. Aber die Massnahmen dagegen werden drastische Folgen haben. Vermutlich verheerend – eine Art 11.September für die Menschheit.» Der dies schreibt, ist der 66-jährige Journalist Christoph Pfluger, Herausgeber von «Zeitpunkt», laut Eigendefinition eine Zweimonatszeitschrift «für intelligente Optimistinnen und konstruktive Skeptiker».

Pfluger, aufgewachsen und wohnhaft in Solothurn, Studienabbrecher sowohl in Medizin als auch in Jurisprudenz, fiel schon früher auf mit seinen Publikationen über die Ungleichgewichte in der Geldwirtschaft und die Bekämpfung dieser Disparitäten.

Der Link zu Wodarg darf nicht fehlen

Und nun also Corona. «Ein Grippefall und die Konzerne dieser Welt verlieren Milliarden an Wert – so zerbrechlich ist unsere hocheffiziente Welt», schreibt der makroökonomisch bewanderte Pfluger sein Thema fort. Und zieht als medizinischen Gewährsmann den deutschen Lungenarzt Wolfgang Wodarg bei, der mit seinen «Beruhigungspillen» gegen die Coronakrise zweifelhafte Berühmtheit erlangt hat. Pflugers Elaborat, ein streckenweise mit verkniffenem Vergnügen zu lesendes Pamphlet, lässt an Globalisierungskritik nichts aus. Ja, der Autor schafft es gar, einen Zusammenhang zwischen Pandemien und der 5G-Technologie auferstehen zu lassen. Eine Korrelation sei zwar nicht bewiesen, «unter Berücksichtigung der immunschwächenden Wirkung elektromagnetischer Felder» gebe es aber doch «einigermassen deutliche Indizien».

Schwarzer Schwan und Weisser Rabe

Um am Ende wieder zu seinen Wurzeln zurückzukehren: «Die Mutter aller Blasen ist das Geld an sich in seiner heutigen Form», schreibt Pfluger. «Der ultimative Schwarze Schwan ist da. Vielleicht ist es auch ein Drache. Da wissen wir wenigstens aus der Mythologie, wie man ihn besiegt. Indem man ihn nicht fürchtet», lehrt der Autor mit Verweis auf den Satiriker Juvenal (der es aber zum Glück auch mit den ebenso seltenen Weissen Raben hatte). Wie dem auch sei: Pfluger hat seine ganz eigene Sichtweise auf die behauptete Coronakrise.

Und er erfährt dabei Zuspruch unter den Seinen, die das metaphysisch anmutende Gegen-den-Strom-Denken loben. Es gibt aber auch empörten Widerspruch. Die Palette reicht von «unseriös» bis zu «gemeingefährlich». Doch das ficht den Urheber nicht an. Von dieser Zeitung auf seine Einlassungen vom 20.März angesprochen, antwortet er: «In den 28 Jahren, in denen ich die Zeitschrift herausgebe, musste ich noch keinen einzigen meiner Texte zurücknehmen und vielleicht drei- oder viermal eine Gegendarstellung publizieren», schreibt er, «was natürlich auch mit der relativen Bedeutungslosigkeit meiner Publikation und ihrer grundlegend positiven Ausrichtung zusammenhängen dürfte.»

Seine Verantwortung als Verleger sehe er unter anderem, «durch Analyse zum Dialog über und zum Verständnis von Problemen und ihren Ursachen beizutragen». Was dies in Bezug auf Corona bedeutet, umreisst Pfluger so: «Was mich an dieser Krise ein bisschen erschreckt, ist der Hass, der bei manchen Menschen zum Ausdruck kommt.» Ein Informatiker aus Olten habe ihm zum Beispiel angedroht, er würde dafür sorgen, dass der «Zeitpunkt» möglichst viele Abonnenten verliere. Daraus schliesst der streitbare Autor: «Offenbar fühlen sich manche als eine Art Informationsbürgerwehr berechtigt, ruf- und geschäftsschädigende Aktionen zu unternehmen.»

Vorwurf der Gefährdung an den Autor

Der zitierte Informatiker ist der Oltner Martin Blapp, der sich in einem offenen Brief an Pfluger gewendet hat. Er gibt diesem zu bedenken: «Mit der Verharmlosung der Pandemie, für welche vor einem Monat vielleicht noch ein bisschen Verständnis gehabt hätte, gefährden Sie Risikopatienten und Senioren.» Mittlerweile sei die Lage in Italien und Spanien derart dramatisch, «dass selbst dem Hinterletzten klar sein sollte, dass mit diesem Virus nicht zu spassen ist».

Blapps Frage an Pfluger: «Könnten Sie es mit Ihrem Gewissen vereinbaren, falls Sie mit Ihren Theorien falsch liegen, und die Sache auch hier in der Schweiz oder Deutschland sehr schlimm wird?» Blapp schliesst mit dem Satz: «Wäre ich Sie, könnte ich nicht mehr ruhig schlafen.»

Erinnerungen an die Finanzkrise werden wach

Wie es um Pflugers Schlaf auch stehen mag: Für ihn geht es um die Metaebene. Und die präsentiert sich ihm so: «Virologen und Epidemiologen kämpfen gegen das Virus, nicht für die Gesundheit der Menschen», schreibt er. Gleichzeitig liessen sich die Regierungen von ebendiesen Experten beraten. Und erliessen Massnahmen, die sie in der Folge «ohne massiven Gesichtsverlust» nicht mehr zurücknehmen könnten. Ausmündend in die Erkenntnis: «Alle machten das für sie Beste aus der Krise und verschärften sie dadurch.» Ein Pfluger-Satz, der sich auf die Finanzkrise 2008 bezieht. Und einer, den er in der Coronakrise neuerlich formuliert. So kann man es natürlich auch sehen. Wenn man den Widerspruch nicht scheut. Und Unverständnis nicht fürchtet.

Autor

Balz Bruder

Balz Bruder

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