Die Arbeit mit Pubertierenden: «Das braucht Geduld. Das braucht Beharrlichkeit», sagt Barbara Altermatt, Leiterin der Jugendanwaltschaft Kanton Solothurn. Die Arbeit mit Pubertierenden bedeutet in diesem Fall die Bearbeitung von Fällen 10 bis 18-Jähriger, die straffällig geworden sind.

Wobei es vor allem ab 14 zu den «interessanten Fällen käme», so Altermatt – in dem Alter, in dem sich gewisse Verhaltensmuster eingespielt hätten und in dem man gelernt habe, Verantwortung zu übernehmen oder eben nicht. «Wir müssen sie zuerst einmal dazu bringen, ihren Panzer abzulegen», so Altermatt, «dann kann die Arbeit beginnen.»

Die Arbeit bestand für die Jugendanwaltschaft 2018 aus genau 900 Fällen. Das sind erneut weniger als in den Vorjahren. Die Jugendanwälte bearbeiten Anzeigen wegen Fahren ohne Führerausweis, aber auch aufgrund von Diebstahl oder Sachbeschädigung. Und sie verhängen Strafen oder Schutzmassnahmen, begleiten Jugendliche, die auf die schiefe Bahn geraten sind.

«2018 war ein gutes Jahr», kommentierte Altermatt den Geschäftsbericht vor den Medien. Sorgen bereitet ihr eine Entwicklung aber trotzdem: der Drogenkonsum.

Verfahren der Jugendanwaltschaft

Der erste Blick in die Statistik zeigt zwar: Die Anzahl Verfahren wegen Drogenhandel lag 2018 mit 16 Fällen im Rahmen. Drogen konsumiert wurden 2018 gar etwas weniger – es gab 126 Fälle. Aber: «Der Inhalt dieser Fälle ist besorgniserregend», so Altermatt. Damit meint sie nicht Jugendliche, die einmal im Leben einen Joint rauchen - davon gebe es einige. Immer mehr gebe es aber auch solche, die mehr als einen täglich brauchten, um den Alltag in Angriff zu nehmen. Und als sehr bedenklich bezeichnet Altermatt die Zunahme der Fälle, in welchen das Cannabis mit Alkohol gemischt wird und in denen dann auch harte Drogen konsumiert werden: Kokain. Amphetamin. «Dann bewegen wir uns schnell im tiefen Suchtbereich.»

Zuletzt suchte die Schweiz in den Achtziger- und Neunzigerjahren eine Drogenwelle heim. Bis Abgabestellen und Suchtberatungsangebote gegründet wurden. Konsum findet immer noch statt, aber kontrollierter. Die «Welle» vor rund 25 Jahren sei teils in Vergessenheit geraten, so Altermatt. Dadurch entstehe die Gefahr, dass man sich bei der Präventionsarbeit zurücklehne. «Heute beschränkt man sich in der Drogenpolitik vor allem auf die Frage: Wann wird Cannabis legal für die Menschheit?», so Altermatt. Indes stieg die Anzahl psychisch belasteter Jugendlicher. Jugendliche, die anfälliger für den Absturz in eine Sucht sind. «Das ist keine gute Entwicklung.»

Massenschlägerei wäre Ausnahme

Stabil verhält sich indes die Anzahl der verübten Gewaltdelikte. Fälle wie jener in Spreitenbach, wo sich kürzlich über 20 Jugendliche zur Massenschlägerei trafen, gab es in Solothurn nicht. 2018 kam es allgemein zu keinen vergleichbar schweren Straftaten. Ein Gewaltdelikt mit 20, 30 Beteiligten würde im Solothurnischen ein Ausnahmefall darstellen, so Altermatt. Und ein Ausreisser in der Statistik: Jährlich gibt es im Kanton unter 20 Verfahren wegen Körperverletzung oder Angriff. Das sei auf relativ tiefem Niveau, so die Leitende Jugendanwältin.

Auch spielen die Plattformen auf Social Media – auf welchen es im Fall der Massenschlägerei von Spreitenbach zu Provokationen kam, die schliesslich zur Eskalation führten – nicht im grossen Stil in das Risiko hinein, straffällig zu werden. Die Flucht in die Parallelwelt gebe es vereinzelt schon, so Altermatt. «Den Jugendlichen ist es aber auch ganz wichtig, wie sie in der Realität wirken.» Und sie hätten ganz konkrete Vorstellungen davon, was sie im Leben haben wollen: Frau, Auto, Haus – diese Begriffe würden jeweils sofort genannt.

Aufgabe der Jugendanwaltschaft sei es dann aufzuzeigen, dass man zuerst dafür arbeiten müsse – dass zu Verantwortung übernehmen mehr dazu gehört, als ein Geständnis abzulegen. «Mit ganz vielen Jugendlichen kann man arbeiten», so Altermatt. 201 Fällen nahm sich 2018 der Sozialdienst an, in Form von persönlicher Begleitung oder Bewährungshilfe. Die Jugendanwälte können zudem Suchtpräventionskurse oder Schutzmassnahmen anordnen.

Nur in wenigen Fällen kommt es zu Freiheitsentzug – 2018 bei 45 Jugendlichen. 15 wurden stationär untergebracht. «Wir möchten wenn möglich keine Jugendlichen aus ihrem System reissen und woandershin pflanzen», erklärt Altermatt. Manchmal seien Gespräche wichtiger als Bestrafung. «Manchmal braucht es Geduld, auch wenn es schwierig ist.»