Die Zahlen, die den Buchhandel umgeben, sind seit Jahren rückläufig. Das Wissen darüber ist keine Neuheit, aber dennoch sind die Daten, die aus der Studie des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels hervorgegangen sind, ernüchternd: 6,1 Mio. weniger Lesende binnen vier Jahren. Nur noch jeder und jede Zweite liest Bücher. Dabei sind es vor allem die 20 bis 30 Jährigen, die heute viel seltener zum Buch greifen.

Die Gründe für diesen Leseschwund sind zahlreich. Besonders die Schnelllebigkeit wird häufig als Erklärung herbeigezogen. Lesen erfordert Aufmerksamkeit, Ausdauer und Konzentration; seltene Qualitäten, in einer Gegenwart, wo Zeit knapp ist und sich das stetige Abgelenktsein durch allerlei technische Geräte in den Alltag eingeschlichen hat. Aber wem ist es übel zu nehmen? Nach einem anstrengenden Tag ist es schwierig, abends die Musse zu finden, sich im erschöpften Zustand auf ein Buch einzulassen – nur die Wenigsten verspüren verständlicherweise danach ein Verlangen. Das Buch ist irgendwie nicht mehr zeitgemäss, scheint es.

Das Bedürfnis nach Geschichten umso mehr. Serien erleben gerade eine Hochkonjunktur, Netflix & Co. gibt es in fast jedem Haushalt. Und gerade bei den bücherflüchtigen 20-30- Jährigen sind Serien sehr beliebt. Sie lassen uns in andere Welten einzutauchen und unterhalten uns, ohne dass wir uns dabei anstrengen müssen: Entspricht diese Form des Geschichtenerzählen nicht viel eher unserer Zeit? Während im Buch Geschichten einzig über Sprache transportiert werden und folglich viel Imaginationskraft erfordern, sprechen Serien eine ganze Bandbreite an Reizen an. Zudem sind sie rasant gut gemacht und ihre Geschichten sind spannend. Serien können geradezu süchtig machen.

Aber vielleicht lässt sich dort, am anderen Ende der übersprudelnden Erzählwelt, das besondere Potenzial des Buches finden? Entschleunigung als Gegenbewegung ist ein riesiges Bedürfnis. Yoga-Retreats, Achtsamkeitskurse und Meditation sind nicht minder beliebt wie Serien-Abos. Vielleicht ist es etwas vergessen gegangen – und braucht wieder entdeckt zu werden: Dem Lesen kommen genau all diese Qualitäten zu.

Bücher strahlen Ruhe aus und laden ein nachzudenken, sich Zeit zu nehmen, für sich zu sein, abzutauchen. Sie sind kleine Oasen, die gerade in der Welt der Reizüberflutung wichtig sind. Und manchmal, wie jetzt wieder in Solothurn, ein öffentlicher Treffpunkt mit Nachhall. Schalten Sie ihr Handy aus, atmen sie tief ein und aus und tauchen Sie dieses Wochenende mit uns ein in eine Welt voller Geschichten.

Die 40. Solothurner Literaturtage präsentieren aussergewöhnlich vielen junge Schreibenden – alle mitten im Alter der sogenannten «Buchflüchtigen». Darunter Autorinnen und Autoren wie Judith Keller, Adam Schwarz, Yael Inokai, Pino Dietiker, Fatima Moumouni. Inmitten der schnelllebigen Welt haben sie wunderbare Texte geschrieben.

* Die Autorin Reina Gehrig ist Leiterin der Solothurner Literaturtage.