Gastkolumne

Covid an der Alten Bernstrasse

An der Alten Bernstrasse findet (ausgenommen von diesem Jahr)  das «Bernstrass-Fest» statt.

An der Alten Bernstrasse findet (ausgenommen von diesem Jahr) das «Bernstrass-Fest» statt.

Wir sind privilegiert. Wir haben ein Haus mit Garten. Wir staunen über bald 20 Jahre Eheglück. Wir erfreuen uns am erwachsenen Nachwuchs. Und trotzdem: Mit Covid kam nicht nur der Lockdown, sondern auch die Schwiegermutter.

Die über Achtzigjährige hatte geplant, ihre Wohnung Ende März abzugeben und bis zum Bezug der neuen Wohnung fünf Monate lang ihre Verwandten und Freundinnen dieser Welt zu besuchen. Aus dem Weltenbummel wurde ein Umzug in ein kleines Zimmer bei uns, an der Alten Bernstrasse 35. Aus unserem Ein-bis-zwei-Generationenhaus wurde eine Drei-­Generationen-WG unter kontrollierten Lockdown-Bedingungen. Ein gewagtes Experiment ohne Abstand.

Wir sind privilegiert. Wir haben soziale Auffangnetze, Überbrückungsrenten, Kurzarbeit. Wir haben Mister Corona und den Bundesrat. Wir haben junge, engagierte Menschen, die sich mit den alten Leuten solidarisieren und Essen organisieren. Wir haben eine Glückskette, die Millionen sammelt und Hilfswerke, die den Ärmsten Überlebenspakete verteilen. Und trotzdem: Hinter den Hamsterkäufen von WC-Papier versteckten sich berechtigte Ängste vor dem Zusammenbruch der globalen Lieferketten. Hinter der hohlen Hand der Swiss verbirgt sich der systemrelevante Unsinn, dass wir mit unseren Steuergeldern dem Klimawandel neue Flügel verleihen. Hinter den Bemühungen gegen den Wirtschaftsabschwung versteckt sich die Botschaft, dass dieses System nur am Konsum gesunden kann.

Wir sind privilegiert. Wir haben jedes Jahr ein «Bernstrass-Fest». Immer am letzten Sommerferien­wochenende feiert in Solothurn die obere Alte Bernstrasse am Kiesweg. Und das seit über 40 Jahren. Kein Verein, kein Streit, keine Werbung – einzig ein kleiner Flyer zu Beginn der Sommerferien im Briefkasten; immer identischer Text mit Ort, Datum und dem Hinweis, dass die neu Zugezogenen (selbstverständlich!) den Apéro organisieren... (müssen?). Praktisch alle ungefragten Neuen fügen sich dem Diktat und lassen sich nach getaner Arbeit beklatschen. Der gute Nachbarschaftskontakt nimmt mit dem Zuprosten seinen ­Anfang, hält das Jahr hindurch an und wird am nächsten Fest wieder aufgefrischt. Und trotzdem: Das Fest ist für dieses Jahr abgesagt – Covid macht Angst. Ein gewagtes Experiment mit Abstand.

Wir sind privilegiert. Wir haben Fast Fashion, vier, acht, ein Dutzend Paar Schuhe, volle Schränke, Keller, Dachstöcke. Dazu ein Bankkonto mit freiem Guthaben, zwei, drei Kreditkarten, Internetverbindung, Glasfaserkabel, Stromnetze und Trinkwasser aus der Leitung. Und trotzdem: Für den Süden fehlt das Geld. Nicht einmal ein halbes (!) Prozent ihres Bruttoinlandprodukts leistet sich die Schweiz für die Not in der Welt. Covid macht alles noch schlimmer: Erstmals nimmt die Anzahl der Armen, die mit weniger als zwei Dollar pro Tag auskommen müssen, wieder zu. Covid- bedingt sollen bis Ende Jahr zusätzlich 60 Mio. Menschen in bitterster Not hinzu kommen.

Wir leben an einer beschenkten Strasse mit eigenem Fest, nur einem Schwiegermutter-Obdachlosenfall und vermutlich keiner Covid-­Übertragung. Und nun kommt auch noch ­«Together», ein Projekt mit Jugendlichen aus der Schweiz und Kuba, an die Alte Berstrasse: Am Samstag, dem 15. August, ist «Flohmi» im Quartier, und es wird für eine bessere Welt und einen guten Zweck gehandelt. Wir sind privilegiert, auch in ­Covid-Zeiten.

Meistgesehen

Artboard 1