«Chronic Fatique Syndrome»

Covid-19 kann zu langer Erschöpfungsphase führen – doch wie lebt es sich so im Alltag?

Auf eine Infektion mit Covid-19 kann eine grosse Erschöpfung folgen.

Auf eine Infektion mit Covid-19 kann eine grosse Erschöpfung folgen.

Nach einer Infektion mit Covid-19 leiden Patienten zum Teil noch lange unter den Folgen. Auch junge Menschen sind betroffen. Das «Chronic Fatique Syndrome» erhält so plötzlich neue Aufmerksamkeit.

Wenn Carla* am Morgen aufsteht, dann muss sie sofort eine auf den ersten Blick harmlose Entscheidung treffen: Soll sie ihr Bett machen oder doch lieber nicht? Solche Gedankenspiele sind für sie Alltag, denn Carla muss ihre Energie viel sorgfältiger einteilen als andere Menschen, erzählt sie. «Wenn ich mein Bett nicht mache, dann habe ich vielleicht später genug Energie, um mir etwas zu kochen.»

Seit ihrem 16. Lebensjahr fühlt sich die junge Frau aus dem Kanton Solothurn nur noch selten richtig gesund. Damals erkrankte sie am Pfeifferschen Drüsenfieber, eine Infektionskrankheit, die durch das Epstein-Barr-Virus verursacht wird. Meistens heilt das Pfeiffersche Drüsenfieber innerhalb von wenigen Wochen wieder ab. Nicht aber bei Carla: «Mein Immunsystem war geschwächt, ich bekam alle paar Wochen Fieber und Grippesymptome, war angeschlagen, dauernd müde und klappte in der Schule zusammen», erinnert sie sich.

Zahlreiche Unverträglichkeiten

Ihr Immunsystem entwickelte zahlreiche Unverträglichkeiten, sie litt an chronischen Muskel- und Gelenkschmerzen, an Schluckweh, Lichtempfindlichkeit und Asthma. Und das sei nur ein Teil all der gesundheitlichen Probleme, die sie nach der Krankheit plötzlich begleiteten. Dazu kam, dass sie dauernd erschöpft war.

«Jede freie Minute verbrachte ich schlafend, ob Busfahrt, Schulpausen oder zu Hause. Ich war zu müde, geschwächt oder krank, um meine Freunde zu sehen oder meinen Hobbys nachzugehen», erzählt sie. «Irgendwann war es so schlimm, dass ich ganz zu Hause bleiben musste und auf die Hilfe meiner Familie angewiesen war. Phasenweise konnte ich nicht aufstehen, sprechen oder essen.»

Ursache ist unklar

Es dauerte eine Weile, bis Carla endlich eine Diagnose für all die Symptome erhielt, die ihr ihren früheren Alltag unmöglich machten. Mittlerweile weiss sie, dass sie unter dem «Chronic Fatigue Syndrome», kurz CFS, leidet. CFS ist eine Erkrankung des Nervensystems, die bei den Betroffenen eine chronische Erschöpfung bewirkt. Bis heute ist unklar, was die Krankheit genau auslöst und wie sie behandelt werden könnte.

Entsprechend schwierig sei es deshalb, über ihre Krankheit zu sprechen, erzählt Carla. «Man sieht mir ja meine Krankheit nicht an», erzählt sie. «Viele verstehen nicht, dass ich präventiv handeln und immer sehr genau abwägen muss, was ich tun kann und was nicht. Wenn ich mich übernehme, dann endet das mit mindestens zwei Tagen Bett­ruhe.»

Infektionen können den Körper über Jahre schwächen

Patienten, die wie Carla nach einer Viruserkrankung plötzlich für längere Zeit unter chronischer Erschöpfung leiden, haben in den letzten Wochen aber plötzlich mehr Aufmerksamkeit erhalten. Grund dafür ist, wie für so vieles in diesem Jahr, Covid-19. Schon im Frühling gab es Berichte, wonach genesene Patienten in Italien auch Wochen nach ihrer Erkrankung noch unter starker Erschöpfung litten.

Ähnliche Fälle sind auch in der Schweiz bekannt. Das bestätigt der Lungenspezialist Prof. Dr. Christophe von Garnier, der am Universitätsspital Lausanne arbeitet. Nach dem Ansteckungspeak im März beginne man jetzt, mehr über die Phase nach der eigentlichen Erkrankung zu lernen. «Das wird uns längerfristig beschäftigen», erzählt von Garnier in einem Telefongespräch. «Wir gehen davon aus, dass jede fünfte erkrankte Person noch Monate nach der Ansteckung unter Symptomen wie Müdigkeit, Abgeschlagenheit, Atemnot, Druck auf der Brust, Kopfschmerzen, Kribbeln in Armen und Beinen und weiteren Symp­tomen leidet.»

Von den chronischen Folgen einer Ansteckung mit Covid-19 sind auch junge Patienten betroffen, die zu keiner Risikogruppe gehören. «Ich habe eine junge Patientin, die einen wenig symptomatischen Infekt hatte, jetzt aber unter einer invalidisierenden Müdigkeit leidet. Ihre Erschöpfung ist so gross, dass sie nicht mehr arbeiten kann».

Erholung nach einer Infektion «entscheidend»

Diese Erfahrungen zeigen laut dem Lungenspezialisten, wie wichtig es ist, dass sich die Patientinnen und Patienten nach einer Erkrankung gut erholen. Die ersten drei Monate nach einer Erkrankung seien für die Genesung entscheidend. «Für einige Patienten wäre in dieser Zeit ein angepasstes Rehabilitationsprogramm hilfreich», so von Garnier.

«Man muss lernen, den Körper wieder in Kondition zu bringen und wieder gesund zu werden. Gleich nach Ende der Isolation wieder arbeiten zu gehen, ist nicht unbedingt empfehlenswert, wenn man sich nicht wohlfühlt.» Letztlich sei es aber «wirklich schwierig», die Müdigkeit zu behandeln. Wichtig ist es laut von Garnier, dass die Ärztinnen und Ärzte in den Hausarztpraxen gut über chronische Folgen einer Covid-19-Erkrankung informiert sind. «Ein Drittel der Hausärztinnen und Hausärzte ist potenziell mit solchen ­Patienten in Kontakt. Sie sind es, die an der Front arbeiten. Zu uns ins Spital kommt nur ein kleiner Anteil der ­Patienten».

Solothurner Hausärzte wurden sensibilisiert

Auch im Kanton Solothurn ist die ­Erschöpfung nach einer Erkrankung deshalb ein Thema: Im August fand für die Hausärztinnen und Hausärzte ein Webinar statt, um sie für die Folgen von Covid-19 zu sensibilisieren. Unter anderem auch mit Beteiligung von Christophe von Garnier als Referent. Zusätzlich hat der Kanton bereits während der ersten Welle seine Spitalliste um die Reha-Klinik Heiligenschwendi im Kanton Bern erweitert. Die Klinik ist laut Kantonsarzt Lukas Fenner auch auf Lungen-Rehabilitation spezialisiert.

Wird die Erholung nach einer Infektion mit Covid-19 vernachlässigt, kann das unter Umständen dazu führen, dass die Betroffenen noch Monate unter den Folgen einer Ansteckung leiden. Oder gar Symptome von CFS/ME entwickeln. So wie Carla, die sich vom Pfeifferschen Drüsenfieber nie vollständig erholt hat. Dies, weil Covid-19 im Körper laut von Garnier zu einer langfristigen, niederschwelligen Entzündung führen kann. Eine gängige Hypothese ist, dass eine solche niederschwellige Entzündung die Entstehung von CFS/ME begünstigen kann.

Carla hat mittlerweile gelernt, mit ihrer andauernden Erschöpfung umzugehen. Auch weil sie ihren Körper mittlerweile «minutiös genau» kenne. «Für meine Verhältnisse bin ich so frei und aktiv wie noch nie seit der Erkrankung, jedoch immer noch weit von Normalität entfernt», sagt sie. Kontakte mit ihren Freunden pflege sie häufig digital, arbeiten darf sie im Homeoffice. «Verglichen mit ans Bett gefesselt zu sein, ist das aber grossartig.»

Autor

Rebekka Balzarini

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