Interview

Chef von Stahl Gerlafingen: «Der Druck hat stark zugenommen, seit Mitte Mai kämpfen wir»

Die italienische Beltrame-Gruppe, Besitzerin von Stahl Gerlafingen, habe langfristige Pläne im Wasseramt. Entlassungen sind trotz Corona keine geplant.

Die italienische Beltrame-Gruppe, Besitzerin von Stahl Gerlafingen, habe langfristige Pläne im Wasseramt. Entlassungen sind trotz Corona keine geplant.

Alain Creteur wurde im Herbst 2019 Geschäftsführer von Stahl Gerlafingen. Kaum im Amt legte Corona die Wirtschaft lahm. Wir sprachen mit ihm das über Virus, EU-Importquoten, seine Familie und seine Pläne in der Schweiz.

Allüren kennt dieser Mann nicht. Alain Creteur, 50-jährig, Geschäftsführer von Stahl Gerlafingen, streift sich die orange Jacke über, setzt sich den Helm auf und schreitet zusammen mit Alfred Wüthrich, dem Sicherheitschef der Anlage, voran Richtung Walzwerk. Wir wollen Staub, Funken und Schweiss fürs Foto. Schwerindustrie, darum geht es, um Schrott, um Recycling-Stahl. Also stellt sich Creteur vor die Walze, hinter ihm rollen 900 Grad heisse Knüppel aus dem Schlund der Maschine, quadratische, meterlange, im Kern noch flüssige Stahlträger.

Wie oft sind Sie selbst bei den Öfen und Walzen, in Lärm und Dreck?

Alain Creteur: Im Minimum jeden zweiten Tag. Die Verbindung ist immer noch stark.

Was heisst das? Sie kamen doch schon als sehr erfahrener Stahl-Manager?

Ja, klar. Aber ich habe als 18-Jähriger in der Produktion eines Stahlwerkes der Riva-Gruppe in der Nähe von Mailand angefangen. Ich hatte keine Lust zu studieren, wollte Geld verdienen. Und das konnte man in der Stahlindustrie.

Sie haben sich von ganz unten nach ganz oben hochgearbeitet?

Ja, das kann man so sagen. Ich war jung und motiviert und fand in Patron Emilio Riva einen Mentor. Die Riva-Gruppe war damals auf Expansionskurs. Und so zog ich erst nach Verona, dann nach Frankreich und Belgien, ehe ich 1992 nach Berlin kam, wo ich bis letzten Herbst Geschäftsführer eines Riva-Stahlwerkes war, das mehr als doppelt so gross war wie das hier in Gerlafingen.

Alain Creteur

Alain Creteur, 50, hat sein gesamtes Arbeitsleben in der Stahlindustrie verbracht. Er hat sich in der italienischen Riva-Gruppe vom einfachen Arbeiter zum Stahlwerkboss hochgearbeitet. Für das Unternehmen war er in Frankreich, Belgien und zuletzt fast 30 Jahre lang in Deutschland. Der Mann mit italienisch-belgischen Wurzeln spricht neben Italienisch natürlich auch Deutsch, Französisch und Englisch. Er ist verheiratet und Vater zweier Töchter (18 und 11) und eines Sohnes (8).

Alain Creteur, 50, hat sein gesamtes Arbeitsleben in der Stahlindustrie verbracht. Er hat sich in der italienischen Riva-Gruppe vom einfachen Arbeiter zum Stahlwerkboss hochgearbeitet. Für das Unternehmen war er in Frankreich, Belgien und zuletzt fast 30 Jahre lang in Deutschland. Der Mann mit italienisch-belgischen Wurzeln spricht neben Italienisch natürlich auch Deutsch, Französisch und Englisch. Er ist verheiratet und Vater zweier Töchter (18 und 11) und eines Sohnes (8).

Warum wechselten Sie dann zu einem kleineren Konkurrenten?

Es gibt viele Gründe. Emilio Riva starb 2014. Danach hat sich in der Gruppe Vieles verändert. Und ich sagte mir, dass es Zeit ist, meinen eigenen Weg zu gehen und meine Erfahrung weiterzugeben. Die Beltrame-Gruppe (italienische Besitzerin von Stahl Gerlafingen) hat einen Geschäftsführer gesucht, wir trafen uns und es passte sofort. Sie haben meine Kompetenz erkannt und ich hatte meinerseits ein gutes Gefühl. Seit zwei Wochen bin ich Mitglied des Verwaltungsrats der Beltrame-Gruppe.

Welche Pläne verfolgt die Gruppe in Gerlafingen?

Das Stahlwerk in der Schweiz ist ein wichtiges Standbein für die Gruppe. Wir haben letztes Jahr rund 370 Millionen Franken erwirtschaftet, was rund 30 Prozent des Jahresumsatzes der Beltrame-Gruppe entspricht. Unsere Produkte gehen vor allem in die Bauindustrie und die verbraucht in der Schweiz jährlich um die 1,2 Millionen Tonnen Stahl, wir verkaufen hierzulande über eine halbe Million Tonnen pro Jahr und exportieren 150000 Tonnen ins nahe Ausland. Ausserdem gibt es genügend Rohstoff, also Metall-Schrott, in der Schweiz. Wir haben langfristige Pläne, die ich jetzt umsetzen darf.

Was lief schon gut, was nicht?

Man spürt die Stahltradition schon beim Betreten der Anlage. Man hat auch etliche Erneuerung durchgeführt. So wurde zum Beispiel letzten Sommer der neue Schmelzofen installiert. Aber wir haben viele Techniker verloren und mit ihnen Know-how. Man hat zu sehr auf Outsourcing gesetzt. Ich aber bin ein Anhänger des Insourcings. Langfristig gewinnen wir das Know-how zurück und sparen Geld, am Ende kommt uns das billiger, davon bin ich überzeugt.

Sie werden momentan kaum neue Jobs schaffen können.

Vereinzelt schon. Aber natürlich geht es uns auch darum, effizienter zu werden. Wobei wir vor allem im Bereich Energie sparen möchten, nicht beim Personal. Ich bin überzeugt, dass wir mit ein paar Investitionen 20 bis 30 Prozent produktiver sein können. Es geht mir nicht darum wie Thyssen-Krupp oder Siemens 2000 Leute auf einen Schlag zu entlassen, die Anpassungen werden langsam passieren. Durch natürliche Fluktuation. Wobei die bei uns mit 4,5 Prozent für meinen Geschmack zu hoch ist.

Warum ist dem so?

Das ist schwer zu sagen. In allen Ländern ringsum ist die Fluktuation in der Stahlbranche viel tiefer. In der Schweiz ist es schwierig, Leute für einen Vier-Schicht-Betrieb zu begeistern. Im Moment ist es für uns sogar schwierig, Elektriker und Mechaniker zu finden.

Gab es negative Überraschungen?

Ganz ehrlich, ich hätte nicht gedacht, dass der Euro-Franken-Wechselkurs so dramatisch unser Geschäft beeinflusst. Verteuert sich der Euro von 1,05 auf 1,08 Franken, wächst unsere Marge um drei Prozent. Mamma mia, das hat mich schon ein bisschen überrascht.

Der Wechselkurs ist nicht Ihre einzige Herausforderung.

Nein, das ganz grosse Thema in der Schweiz sind die Importquoten der EU. Europa hat als Reaktion auf die Zölle der Amerikaner mit Quoten reagiert, um den heimischen Markt vor billigem Stahl aus zu schützen. Die Schweiz wird da wie ein Drittland behandelt, wie die Türkei oder Weissrussland, obwohl wir natürlich höhere Kosten haben. Und jetzt schreit die Stahlindustrie nach noch tieferen Quoten.

Was heisst das?

Das kommt aufs Produkt an. Wir haben zum Beispiel 2007 ein neues Walzwerk für Stahlträger aufgestellt, das hat uns rund 200 Millionen gekostet. Damit könnten wir pro Jahr bis zu 300 000 Tonnen Träger herstellen. Die Idee war es, drei Viertel davon zu exportieren. Die Quote der EU lässt aber bloss einen Import von 16000 Tonnen dieser Träger aus der Schweiz zu. Es ist ein Desaster.

Und dann kam zu allem Übel auch noch das Coronavirus.

Ja, aber das ging lange an uns vorbei. Bis Mitte Mai spürten wir nichts. Die Schweizer Regierung hat richtig stark durch diese Tage der Unsicherheit geführt. In allen umliegenden Ländern wurden die Baustellen geschlossen, in der Schweiz nur in der Westschweiz und im Tessin. Ende März war die Angst gross. Wenn in Italien einer rief: «Alles schliessen!», dann spurten die Politiker. Die Schweizer blieben standhaft, Chapeau.

Das sagen Sie, weil Stahl Gerlafingen 80 Prozent des Umsatzes in der Bauindustrie macht.

Das stimmt, aber der Druck hat zugenommen seit Mitte Mai. Wir kämpfen.

Warum erst so spät?

Weil dann die Leute in Italien, Frankreich und Deutschland langsam wieder zu arbeiten begannen. Die Stahlindustrie in diesen Ländern ist so arg gebeutelt, dass sie fast jeden Preis akzeptieren, um eine Tonne Stahl loszuwerden. Das hat extrem auf unsere Marge gedrückt.

Sie gerieten auch negativ in die Schlagzeilen. In einem anonymen Brief wurde Stahl Gerlafingen vorgeworfen, die Sicherheitsmassnahmen des Bundes zu ignorieren. Wissen Sie, woher der Brief kam?

Nein, das wissen wir nicht. Aber am gleichen Tag waren drei Inspektoren hier, die gleichzeitig alle Abteilungen geprüft haben. Sie konnten feststellen, dass wir alle Massnahmen umgesetzt hatten. Zugleich habe ich diesen Vorfall zum Anlass gemacht, der ganzen Belegschaft einen Brief zu schreiben. Ich habe mitgeteilt, dass ich keine Klage erheben werde und meine Tür offen ist, wenn es Probleme gibt. Jede und jeder kann sich melden. Eine solche Pandemie, ein solches Desaster können wir nur gemeinsam überstehen.

Was haben Sie das Gefühl, wie lange es dauert, bis sich die ganze Geschichte normalisiert, wenigstens auf dem Stahlmarkt?

Wir gehen davon aus, dass es verhältnismässig eher eine kleine Krise wird. Ähnlich wie 2008 / 09. Aber das hängt stark von den Hilfspaketen der Regierungen ab. Merkel hat vorgelegt, Macron kam danach. In der Schweiz ist es noch nicht ganz klar, wie es letztlich aussehen wird. Aber wir hoffen, dass es schon in vier Monaten deutlich besser aussieht.

Gab es Coronafälle bei Ihnen?

Drei unserer Leute sind an Covid-19 erkrankt, alle sind wieder gesund und das bei insgesamt 546 Mitarbeitenden. Zudem hatten wir 13 Leute, die Symptome zeigten, bei denen aber keine Covid-Diagnose folgte. Und dann noch zwölf Leute, die Kontakt hatten mit einer erkrankten Person. Alle, ob bei Symptomen oder Covid-Kontakt, gingen und gehen auch weiterhin vorsorglich in Quarantäne.

Wie hat das Virus Ihren persönlichen Alltag verändert?

Meine älteste Tochter aus erster Ehe ist 18-jährig und wohnt in Mailand. Ich habe sie seit Februar nicht gesehen, was sich zum Glück bald ändern wird. Meine zweite Frau lebt mit unseren zwei Kindern noch in Berlin. Am Anfang haben wir uns mehrere Wochen nicht gesehen, aber ich war dann über Ostern eine Woche im Urlaub bei ihnen und habe sie seither noch zwei weitere Male gesehen. Wissen Sie, was lustig ist?

Nein, sagen Sie!

In Berlin am Flughafen ist Maskenpflicht, also laufen alle mit Maske in den Flieger. Kaum in Zürich gelandet, ziehen sich die meisten Schweizer die Maske vom Gesicht. Trotzdem hat die Schweiz kaum noch Coronafälle. Das zeigt, wie gut man diese Krise gemeistert hat.

Planen Sie, noch lange zu pendeln?

Nein, meine Frau und ich waren eben erst Wohnungen anschauen in der Nähe von Basel. Läuft alles nach Plan, kommen sie mit den Kindern im September in die Schweiz.

Hatten Sie Zeit, auch die Schweiz ein wenig zu entdecken?

Entdecken trifft es. Ich habe die Schweiz zuvor überhaupt nicht gekannt. Ich war vielleicht einmal in Lugano. Aber ich bin sehr positiv überrascht. Die Schweiz ist ein wahnsinnig schönes Land.

Was haben Sie gesehen?

Ein paar Städte, Genf, Basel und Bern zum Beispiel. Und ich war auf der Jungfrau und ging auch Skifahren. Ich liebe es, stand zuvor aber sicher fast zehn Jahre nicht mehr auf Ski.

Zurück zum Business: Der Sitz der Beltrame-Gruppe ist in Vicenza, im Norden Italiens. Wie war der Kontakt vor und nach Corona?

Vor Corona hatten wir vier, fünf Techniker, die pro Woche aus Italien hierherkamen. Seit dem 3. März kommt niemand mehr, seither sind wir per Videocall in Kontakt. Natürlich hat es sie heftiger getroffen als uns, sie mussten Kurzarbeit anmelden.

Stahl Gerlafingen nicht?

Nein, aber es könnte sein, dass wir das bis August noch machen müssen. Wir haben noch Hoffnung, dass es nicht nötig ist. Im schlimmsten Fall gehen wir davon aus, dass wir für 40 Personen für maximal drei Wochen Kurzarbeit beantragen. Wir haben übrigens auch keine Kredite beantragt. Finanziell geht es dem Unternehmen gut.

Haben Sie Investitionen ausgesetzt?

Nein, wir haben dieses Jahr Investitionen in Höhe von 13 Millionen Franken geplant und daran halten wir trotz Corona fest. Wir haben zum Beispiel zwei alte, kaputte Kräne ersetzt oder eine Produktionsmaschine angeschafft, die drei alte Maschinen ersetzt. Auch ein neues Lager für chemische Produkte ist in Bau. Und wir möchten das Wasser so zu nutzen, dass wir es danach wieder zurück in die Flüsse speisen können.

Das neue Gewicht von grünen Themen ist für Sie sowieso eine Herausforderung.

Das trifft ganz sicher für die traditionelle Stahlindustrie zu, die Hochöfen, in denen Koks und Eisenerz zu Roheisen verarbeitet werden. Dort verursacht die Produktion von einer Tonne Stahl rund zwei Tonnen CO2. Wir aber arbeiten mit einem Elektroofen und schmelzen Metallschrott. Die Produktion einer Tonne verursacht 147 Kilogramm CO2. Trotzdem ist klar: Wir sind daran interessiert unseren CO2-Ausstoss zu reduzieren, nicht Arbeitsplätze einzusparen.

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