Mammographie

Brustkrebspräventiton im Kanton Solothurn verzögert sich

Bei einem kantonalen Früherkennungsprogramm werten jeweils zwei Radiologen die Bilder aus.

Bei einem kantonalen Früherkennungsprogramm werten jeweils zwei Radiologen die Bilder aus.

Trotz eines Kantonsratsbeschlusses gibt es seit sechs Jahren kein Brustkrebs-Früherkennungsprogramm – unter anderem aufgrund wegen Sparmassnahmen.

Es dauert wohl etwas länger im Kanton Solothurn. Obwohl der Kantonsrat bereits 2010 die Einführung eines Brustkrebs-Früherkennungsprogrammes beschloss, kam dies bisher nicht zustande. Auf die Einführung wurde aufgrund von Sparmassnahmen verzichtet. In 13 anderen Kantonen gehört das Mammoscreening dagegen bereits seit einiger Zeit zum Programm.

In diesen Kantonen werden beim systematischen Früherkennungsprogramm sämtliche Frauen zwischen 50 und 69 Jahren eingeladen – etwa durch einen Brief – alle zwei Jahre ein kostenloses Mammoscreening zu machen.

Das Screening durchleuchtet das Innengewebe der weiblichen Brust. Die daraus resultierenden Bilder werden danach von zwei unterschiedlichen Radiologen separat begutachtet: Massen und Verkalkungen – sogenannte Anomalien – werden gesucht.

«Es wird jetzt auf ein Krebsregister gewartet», erklärt Kantonsarzt Christian Lanz, eine sich möglicherweise abzeichnende Lösung im Kanton Solothurn.

Suche nach Krankheiten?

Kantonsarzt Lanz verhehlt eine grundsätzliche Skepsis gegenüber dem flächendeckenden Brustkrebs-Früherkennungsprogramm nicht. So sei im Gegensatz zu einem HIV-Test bei einem Mammoscreening die Verlässlichkeit deutlich geringer.

Die systematischen flächendeckenden Vorsorgeuntersuchungen werden in der heutigen Fachdiskussion denn auch weniger positiv bewertet als noch Jahre zuvor. Wie Lanz erklärt, sprechen verschiedene Gründe für eine kritische Betrachtung solcher Früherkennungsprogramme.

Einerseits hätten diese Projekte zu einem Überdiagnosephänomen geführt: «Wenn nach Krankheiten gesucht wird, findet man viele», so Lanz. Die Screeningprogramme haben dazu beigetragen, dass eine höhere Anzahl Krebserkrankungen entdeckt wurde, davon aber viele, die zu Lebzeiten der Betroffenen nicht ausgebrochen wären.

Andererseits führten die Vorsorgeuntersuchungen teilweise zu einer Diagnosevorverlegung: Unheilbar kranke Personen können unter Umständen noch früher über ihre ausweglose Situation aufgeklärt werden. «Ob man über die eigene unheilbare Krankheit lieber früher oder später Bescheid wissen möchte, ist eine problematische, individuelle und philosophische Frage», sagt Lanz.

Nicht zuletzt sei das Mammoscreening keine sichere Methode, um einen Brustkrebs zu diagnostizieren: Der Anteil der falsch-negativ (krank befunden, aber eigentlich gesund) und falsch-positiv (gesund befunden, aber eigentlich krank) Resultate sei höher als bei anderen Tests.

Sollte eine Anomalie bei einer gesunden Frau gefunden werden, stelle dies für die betroffene Person eine psychische Belastung dar: Es müssen weiterführende Tests unternommen werden, etwa die Entnahme einer Zell- oder Gewebeprobe, die im Labor untersucht wird.

Auch wenn die zusätzlichen Abklärungen negativ ausfallen, müssen im Verlauf der Jahre die Anomalien beobachtet werden: Eine nicht endende Belastung, findet Lanz.

Niederschwelliges Angebot

Bei Frauen mit erhöhtem Brustkrebsrisiko werden unabhängig von einem flächendeckenden Screening ohnehin individuell Abklärungen vorgenommen. Bei anderen würden Früherkennungsprogramme hingegen das individuelle Risiko an Brustkrebs zu versterben, nur wenig senken. Die Möglichkeit sich unnötigen Sorgen auszusetzen sei dafür hoch, erklärt der Kantonsarzt.

Viele Einzelpersonen und Organisationen halten dennoch aktiv an den kantonalen Früherkennungsprogrammen fest, so beispielsweise die Krebsliga. «Je früher ein Krebs erkannt wird, desto besser kann er behandelt werden und desto grösser sind die Überlebenschancen», sagt Geschäftsleiterin Stephanie Affolter.

Das Früherkennungsprogramm solle weder verherrlicht noch verteufelt werden. Wichtig sei, die Frauen über Vor- und Nachteile der Teilnahme an einem solchen Projekt kompetent und neutral aufzuklären.

Mit der Einführung eines kantonalen Früherkennungsprogramms könne den Frauen die höchstmögliche Qualität zugesichert werden: «Die Radiologen, welche die Bilder begutachten, haben fachspezifische Ausbildungen gemacht und sind überdurchschnittlich qualifiziert», zudem werde die Qualität durch die Doppellesung der Bilder erhöht, so Affolter.

Nicht zuletzt sei die im Rahmen eines Screening-Programmes durchgeführte Früherkennungs-Mammographie für die Frauen kostenlos. «Es ist eine Pflichtleistung der Krankenversicherung und die Patientinnen sind von der Franchise befreit.» Das Mammoscreening werde dadurch ein äusserst niederschwelliges Angebot.

Wenn heute eine Frau im Kanton ohne Zuweisung seitens der Gynäkologen eine Mammographie machen möchte, muss sie die Kosten dagegen selbst übernehmen. Wenn aber die Frauenärztin aufgrund von individuellen Befunden oder familiären Vorbelastungen ein Mammoscreening empfiehlt, werden die Kosten von der Krankenkasse übernommen.

Einführung eines Krebsregisters

Die effektive Einführung eines kantonalen Früherkennungsprogrammes hänge heute vom überkantonalen Krebsregister ab, erklärt der Kantonsarzt. In diesem Register werden für die Krebsbekämpfung statistische Daten zu Krebserkrankungen und Krankheitsverläufen erfasst. Ein rein kantonales Krebsregister sei nicht sinnvoll, sagt Lanz.

In etlichen anderen Kantonen wird bereits seit längerem ein Krebsregister geführt. Die Absicht, ein Nordwestschweiz-Krebsregister zu bilden ist bereits gescheitert. Solothurn bleibt, gemeinsam mit Schwyz und Schaffhausen, ein weisser Fleck auf der Landkarte der Kantone mit Krebsregistrierungen.

Nun wurde im März 2016 von National- und Ständerat einstimmig das Bundesgesetz über die Registrierung von Krebserkrankungen verabschiedet. Das Inkrafttreten soll ab 2018 erfolgen. Spätestens dann werden auch im Kanton Daten erhoben.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1