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Biologe Thomas Briner über den milden Winter: «Die Natur wird sich anpassen»

Thomas Briner im Foyer des Naturmuseum Solothurn, das er seit 10 Jahren leitet.

Thomas Briner im Foyer des Naturmuseum Solothurn, das er seit 10 Jahren leitet.

Thomas Briner, Biologe und Museumsleiter, spricht über die Auswirkungen des zu milden Winters auf die Natur. Besonders langfristig wird sich vieles verändern.

Es ist Anfang Februar und in den Gärten blüht es schon, Pollen-Allergiker leiden seit Mitte Januar unter den Hasel-Sträuchern. Pflanzen, Tiere und Menschen spüren zurzeit die Auswirkungen eines milden Winters mit einem Januar, der rund 2,5 Grad zu warm war.

«Kurzfristig gesehen sind die hohen Temperaturen nichts schlechtes», sagt Thomas Briner, Biologe und seit zehn Jahren Leiter des Naturmuseum Solothurn. Für Waldtiere und Vögel bedeute der milde Winter weniger Aufwand bei der Nahrungssuche, bei den Pflanzen komme es grundsätzlich nicht darauf an, wann sie zu blühen beginnen.

Rhythmus von Pflanzen und Insekten durcheinander

Probleme für einzelne Tier- oder Pflanzenarten entstehen dann, wenn es im Frühling nochmals längere Frost-Perioden gibt. Wie zum Beispiel für die Amphibien, die dieses Jahr rund einen Monat zu früh aus ihrer Winterstarre erwacht und jetzt schon auf Wanderschaft sind . Kommt in den nächsten Wochen noch eine längere Kältewelle, werden sie erfrieren.

Für Pflanzen und Bäume wird es dann heikel, wenn ihre Entwicklung schon zu weit fortgeschritten ist und sie den Frostschaden nicht mehr kompensieren können. «Für Obstbauern kann ein später Frost deshalb zu grossen Ertragsausfällen führen», sagt Briner.

Was in einem milden Winter wie diesem ebenfalls vermehrt fehle, sei eine gewisse natürliche Bestandsreduktion bei den Tier-Populationen. Einen harten Winter mit Frost und Schneefall würden alte und schwache Tiere in der Regel nicht überleben. Dieser Effekt bleibe nun aus, was für das einzelne Tier zwar gut, für die Population aber eher negativ sei, so Briner. Auch Tiere, die beim Menschen nicht gerade beliebt seien – Zecken, Stechmücken oder Wildschweine – würden sich nach milden Wintern stärker vermehren.

Wie ein natürlicher Kühlschrank

Wieder andere, besonders kleine Säugetiere, profitieren hingegen von einem schneereichen Winter. «Mäuse zum Beispiel können sich unter der Schneedecke frei bewegen, ohne sich vor Feinden fürchten zu müssen», so Briner. Gleichzeitig funktioniere der Schnee als eine Art natürlicher Kühlschrank und halte die Pflanzen darunter schön frisch.

Übergeordnet zu den kurzfristigen Effekten eines warmen Winters steht für den Biologen aber ein anderes Problem. Das System, in dem Mensch, Tier und Pflanzen leben, verändere sich mit dem Klimawandel grundlegend und langfristig. Die Vegetationszeit einiger Pflanzen verschiebe sich in den immer wärmer werdenden Wintern nach vorne. Dann bräuchte es Insekten, welche die Pflanzen bestäuben, die aber zu dieser Zeit noch nicht so weit seien. «Die Insekten suchen sich geschützte Orte im Winter, wie Holzstücke oder Hauswände. Sie merken Veränderungen ausserhalb weniger schnell.»
Gleichzeitig sei für Bienen, die dennoch früher aus ihrem Winterquartier kommen, das Nahrungsangebot anfangs Jahr noch ungenügend. Denn sie müssen in ihrem Bau eine Temperatur von rund 35 Grad aufrechterhalten, um zu brüten. «Das braucht viel Energie», so Briner.

Wer zu weit fliegt, kommt zu kurz

Auch die Vögel passen ihre Gewohnheiten vermehrt den wärmeren Temperaturen an. Manche Zugvögel hätten gemäss Briner bereits ihre Routen verändert. Sie ziehen weniger weit, fliegen später weg und kommen früher wieder zurück. «Diejenigen, die hier überwintern, beginnen derweil früher mit den Paarungsritualen und mit dem Nestbau», sagt Briner. Auch das könne zu Konflikten führen. Diejenigen Vogelarten, die immer noch weiter weg fliegen und später zurückkommen, finden meist die besten Nistplätze schon besetzt vor.

Die Natur werde sich zwangsläufig an die neuen Gegebenheiten anpassen, sagt Briner. Manche Arten würden verschwinden, andere dazukommen. Bereits heute könnten Pflanzen, die früher nur im Mittelmeerraum verbreitet waren, auch nördlich der Alpen gut überleben. «Wir sprechen im Zusammenhang mit dem Klimawandel immer davon, wie wir die Natur retten können», sagt der Biologe. «Dabei müssten wir eher schauen, wie der Mensch in diesem Zusammenhang weiter existieren kann.»

Autor

Alice Guldimann

Alice Guldimann

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