Auf einen Kaffee mit...

«Bildungsfrau» aus Zuchwil: «Bei Rassismus gilt für mich Nulltoleranz»

Elisabeth Ambühl-Christen setzt sich seit den 90er-Jahren gegen Rassismus ein. (Archiv)

Elisabeth Ambühl-Christen setzt sich seit den 90er-Jahren gegen Rassismus ein. (Archiv)

Auf einen Kaffee mit … Elisabeth Ambühl-Christen, Mitglied der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus (EKR). Die 63-Jährige kommt aus Zuchwil.

Nachdem Elisabeth Ambühl- Christen einen Cappuccino bestellt hat, meint sie: «Ich bin eine Bildungsfrau. Bildung für alle ist mir ein berufliches und persönliches Anliegen.» Die 63-Jährige aus Zuchwil war in den 90er-Jahren eine der Pionierinnen, die sich der interkulturellen Pädagogik widmeten, und trat als erste Frau der eidgenössischen Kommission für Bildung und Migration bei.

In ihrer Laufbahn unterrichtete sie auf allen Stufen der Volksschule. Neben ihrer didaktischen Erfahrung bringt sie organisatorisches Talent in die Eidgenössische Kommission gegen Rassismus (EKR) mit, in welcher sie die Schweizerische Konferenz der Kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) vertritt.

In der Schweiz sind nicht nur Ausländerinnen und Ausländer von Rassismus betroffen. Beispiele sind die Tagesschaumoderatorin Angélique Beldner oder die Sportlerin Mujinga Kambundji, welche beide aus Bern kommen. Elisabeth Ambühl-Christen erläutert, dass die Anzahl rassistischer Übergriffe und Vorfälle in der Schweiz im Ländervergleich zwar als «niedrig» klassifiziert werden könne, dies aber nichts zur Sache tue: «Bei Rassismus gibt es für mich eine Nulltoleranz.»

Sie betont weiter: «Ohne diese Menschen hätte die Schweiz niemals die Innovations- und Wirtschaftskraft, die sie hat. Wir sind auf die Durchmischung angewiesen.»

«Es geht um das Zusammenleben»

Einer der vier aktuellen Schwerpunkte der EKR ist die Prävention im Bereich Schulen/Jugendliche – und hier will die Leiterin der Abteilung Qualitätssicherung im Volksschulamt des Kantons Solothurn ansetzen: «In der Schweiz dauert die Volksschulbildung elf Jahre und erreicht landesweit rund eine Million Schülerinnen und Schüler. Dieser Reichweite muss man sich bewusst sein.»

Zudem sei die Schule ein gesellschaftlich strukturierter Ort und die einzig öffentliche Institution, welche praktisch alle in der Schweiz lebenden Gruppierungen während gut 10 Jahren ihres Lebens begleite. «Die Schule ist immer ein Abbild der Gesamtgesellschaft», schlussfolgert Elisabeth Ambühl-Christen. Es sei folglich die permanente Aufgabe der Schulen, Menschen mit unterschiedlichen sprachlichen und kulturellen Hintergründen und Vorstellungen in einem gemeinsamen Schulleben zusammenzubringen – «und das gelingt mal besser, und mal weniger gut», wie sie feststellt.

Der Begriff «Rassismus» fällt im Lehrplan 21 nicht. An Stelle davon werden Wörter wie «Diskriminierung», «Konfliktbewältigung» und «Umgang mit Heterogenität» verwendet. Die Abwesenheit des Begriffs erklärt Ambühl-Christen damit, dass der Lehrplan eher auf Kompetenzen als auf Fachwissen ausgerichtet ist.

Auch veraltete Lehrmittel werden noch verwendet

Um Rassismus und Diskriminierung zu bekämpfen, sieht Ambühl-Christen die EDK als wichtige Ansprechpartnerin, da deren Mitglieder, sprich die Bildungsdirektorinnen und Bildungsdirektoren, das Bewusstsein in das Schulsystem des jeweiligen Kantons tragen.

Zudem gelte es, ein Augenmerk auf die Lehrmittel zu setzen und diese kritisch auf Rassismus zu untersuchen. Denn es gebe veraltete Lehrmittel, die zwar 20-jährig sind, aber immer noch verwendet werden. Da Lehrpersonen eine zentrale Hebelwirkung zukommt, sei deren Aus- und Weiterbildung ein weiteres essenzielles Mittel, um Diskriminierung entgegenzuwirken. Zeitgleich müsse aber auch mit den Schülerinnen und Schülern direkt gearbeitet werden, indem sie die Erfahrungen von Betroffenen hören.

Die Diskussion ums Händeschütteln

Ob in den Schulen bei der Begrüssung die Hand geschüttelt werden muss oder nicht, war auch im Kanton Solothurn ein Thema. Es sei zwar wichtig, darüber zu reden, da das Händeschütteln (vor Corona) das Begrüssungsritual sei – aber es gebe auch noch andere. «Es geht darum, zu überlegen, welchem Sinn und Zweck unsere Rituale dienen, in diesem Fall ist es die Begrüssung, das heisst einander wahrzunehmen und zu sagen, ich bin bereit und präsent für dich. Und das kann man auf sehr verschiedene Arten tun.»

Insgesamt sei der Weg, Rassismus und Diskriminierung zu vermeiden, nicht, die Zivilgesellschaft zu strafen, sondern diese im Hinblick auf Verschiedenheit zu sensibilisieren und zu informieren. Dies sei sowohl das Ziel der EKR, als auch dasjenige der Volksschulen.

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