«Projekt Alp»

Bauernhof statt Klinik: Der Weg eines Langendörfers weg von den Drogen

Sie haben eine Vergangenheit mit Drogen, oder psychische Probleme, oder sind noch jugendlich und brauchen ein Time-Out: Bei Projekt Alp können Menschen mit Schwierigkeiten für eine gewisse Zeit auf einem Bauernhof leben. Die Arbeit in der Natur und der geregelte Alltag sollen ihnen wieder etwas Halt geben. Einer der mitmacht, ist Patrick Furrer. Seit 1,5 Jahren ist er clean, und er sagt: «Ich bin froh darum, dass ich das machen darf.»

Baggwil ist ein Dorf im Seeland, irgendwo zwischen Lyss und Bern. Es ist ein Ort, durch den einmal die Stunde ein Bus fährt. Trotzdem ist es kein verschlafener Flecken, dafür fahren zu viele Autos über die Bernstrasse – vor allem bei Stau auf der Autobahn. Kurz vor dem Dorfausgang steht, leicht erhöht, eine Pferdefarm. Ein kleiner Metallzaun trennt das Haus von der Strasse, neben der Tür steht eine hölzerne Bank, mit geschnitzten Pferdeköpfen als Armlehnen. Der Stall mit 14 Pferden befindet sich direkt nebenan. Sie könnten die Aussicht auf den Jura, von Grenchen bis zum Bielersee, geniessen – wenn sie denn so etwas kümmern würde.

Eigentlich sind es zwei Geschichten, die sich im und um das alte Holzgebäude abspielen. Zum einen ist es die Geschichte von Anita Trachsel. 45, gelernte Hochbauzeichnerin mit einer sozialen Ader und einer Leidenschaft für Pferde. Ihr gehört der Hof. Und zum anderen ist es die Geschichte von Patrick Furrer. 26, angelernter Hauswart, dann der Absturz in die Drogen. Er hat bereits mehr als einen Entzug hinter sich. Doch, statt in einer Klinik, lebt und arbeitet er nun seit rund eineinhalb Jahren auf dem Hof. Der Alltag in der Natur soll ihm wieder genug Halt geben, bis er dereinst ganz auf den eigenen Beinen stehen kann. Möglich macht dies das Berner Projekt Alp.

Anita Trachsel: Die Pferdepflegerin

Sie ist eine kleingewachsene Frau, die ihr Zuhause für Menschen in schwierigen Situationen öffnet. Das braune Haar hat sie zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Mit einem Kaffee sitzt sie an ihrem Esstisch und erzählt.

«Wir haben hier keinen klassischen Landwirtschaftsbetrieb. Wir haben nur wenig Ackerland, ein paar Hühner und einige Schafe als Rasenmäher. In dieser Grösse wären wir vermutlich nur knapp überlebensfähig. Wir leben hauptsächlich von unseren Pferden. Pferde sind meine Leidenschaft. Wegen ihnen habe ich den Hof meines Grossvaters überhaupt erst übernommen. Gelernt habe ich einmal Hochbauzeichnerin. Auch heute noch arbeite ich nebenbei auswärts. Im Moment zu 20 Prozent in einem Büro. Denn wenn man selbstständig ist, weiss man nie so ganz genau, ob man wirklich davon leben kann. Und ich bin zwischendurch auch sehr gerne einfach einen Tag weg.»

Während Trachsel erzählt, schaut ihre Lehrtochter auf dem Hof zum Rechten. Auch eine Praktikantin arbeitet auf dem Hof. Trachsels Mutter packt mit an, ebenso ihr Partner, der auswärts arbeitet. Und seit einigen Jahren auch immer Mal weider Menschen vom Projekt Alp.

«Als ich klein war, hatten meine Eltern ein Geschäft. Die Angestellten wohnten im Haus, wir waren immer viele am Esstisch. Mit diesem sozialen Gedanken bin ich aufgewachsen. Dass auch ich sozial etwas machen möchte, war mir schnell klar. Ich habe mich umgeschaut und bin auf das Projekt Alp gestossen. Das hat mich sehr überzeugt. Seither hatten wir verschiedene Gäste hier.»

Patrick Furrer: Auf der Suche nach Normalität

Ihr momentaner Gast ist Patrick Furrer. Von Anfang an war er bereit, für den Artikel mit
Namen und Foto hinzustehen. Nur seine Vorgeschichte, die möchte er in der Zeitung lieber nicht zu ausführlich lesen. Lange Haare fallen ihm ins Gesicht, ein Vollbart verdeckt den Rest davon. Aufmerksam hört er Anita Trachsel zu, selber redet er nur wenig. Und wenn, dann langsam und in ruhigem Tonfall.

«Ich habe einen Entzug gemacht, von diversen Substanzen. Dann eine Langzeittherapie. Von dort bin ich beim Projekt Alp gelandet. Ich hatte zwei Angebote: Einerseits bei einer Familie im Berner Oberland. Doch dort ging es vor allem um Bauwagenvermietung, das interessierte mich nicht so. Die zweite Möglichkeit war der Hof hier mit den Pferden. Das passte mir schon eher. Ich arbeite nun hauptsächlich mit den Pferden, helfe im Stall. Aber auch bei den Hühnern, Schafen und Hunden helfe ich mit. Bei mir geht es um die Stabilisierung. Ich möchte längerfristig von diesen Substanzen wegbleiben – bis jetzt hat das funktioniert. Und ich möchte wieder auf eigenen Beinen stehen.»

Das Lied «Waterloo» von Abba schallt durch die Küche. Anita Trachsels Klingelton. Sie drückt den Anrufer weg und redet weiter.

«Mit Pädu funktioniert es sehr gut. Er ist zuverlässig, man kann sich auf ihn verlassen. Und er hat einen guten Umgang mit den Tieren. In den letzten eineinhalb Jahren ist er zu einem Teil der Familie geworden. In diesem Fall hat es geklappt. Es war aber auch schon anders. Mit einem Gast, einer Frau mit Alkoholproblemen, war es besonders schwierig. Es passte schlecht bei uns, sie wurde zu einer grossen Belastung für die ganze Familie. Irgendwann musste ich sagen: Es geht nicht mehr. Natürlich machen wir unsere Türen für jemanden auf, den wir nicht kennen, der in einer schwierigen Lebensphase ist. Darauf muss man vorbereitet sein. Aber es ist wichtig, dass man sich selber und seine Familie ein Stück weit schützt. Und dass man seine Grenzen kennt. Und erkennt, dass die Person eine andere Unterstützung braucht, als wir anbieten können. Wir sind keine Therapeuten.

Ich habe gelernt, früh zu formulieren, was ok ist und was nicht. Aber in den meisten Fällen findet man sich gut. Dann ist es auch umso schöner, wenn man später, wenn die Gäste wieder weg sind, wieder einmal etwas von ihnen hört.

Wir haben einige Regeln bei uns aufgestellt. Das sind ganz einfache Sachen, wie in normalen Familien. Etwa dass man sich hilft, dass man ehrlich miteinander ist, nicht stiehlt. Und auch bei der Arbeit gibt es natürlich Regeln. Dass etwa das Tagesprogramm eingehalten wird. Oder dass bei den Pferden immer das Tor geschlossen wird. Solche Sachen.»

An dieser Stelle muss Patrick Furrer schmunzeln:

«Damit hatte ich Mühe. Ohne Drogenkonsum zu arbeiten, das ging verblüffend gut. Das war vorher nicht immer so. Aber… jaaa… Am Anfang konnte ich die Regeln nicht so einhalten. Gerade am Morgen aufzustehen, war schwierig.»

Nun lacht Anita Trachsel. Sie sieht es nicht ganz so tragisch. Später zeigen uns die beiden noch den ganzen Hof. Den Stall, das Hühnergehege, die Schafweiden. Die Tiere spielen eine wichtige Rolle, findet Anita Trachsel.

«Tiere sind ehrlich und unvoreingenommen. Man kommt hin und wird so genommen, wie man ist. Ich glaube, das ist für viele schön. Auch wir versuchen, uns so zu verhalten. Bevor wir einen neuen Gast bei uns aufnehmen, bekommen wir im Vorfeld jeweils Infos über seine Vorgeschichte. Für mich ist diese aber zweitrangig. Ich schaue, wie die Situation bei uns ist, wie wir miteinander auskommen. Dazu kommt: Bei Tieren muss man Verantwortung übernehmen. Wer das nicht tut, ist schuld daran, dass es den Tieren schlecht geht. Und gerade Pferde geben sehr direkt Feedback. Wenn man unkonzentriert ist, machen sie schnell einmal, worauf sie Lust haben. Und gleichzeitig sind es sehr sensible Tiere, die nicht alles mitmachen.»

Sobald Patrick Furrer von den Pferden umgeben ist, macht er eine bemerkenswerte Veränderung durch. Immer mehr und immer offener beginnt er zu erzählen, von sich, seiner Vergangenheit, seinen Wünschen. Und schliesslich zeigt er uns auch noch sein Zimmer. Ein Bett, ein Pult, ein Fernseher, zwei Gitarren.

«Früher habe ich noch mehr Musik gemacht. Auch in einer Band. Irgendwann ging das aber nicht mehr. Es ist eine schöne Zeit hier. Die Landschaft, die Leute. Das Arbeiten mit den Tieren tut mir gut. Ich bin froh darum, dass ich das machen durfte.»

Wie lange Patrick Furrer noch auf dem Hof bleiben wird, weiss er nicht. Das wird zusammen mit dem Betreuer von Projekt Alp entschieden. Es geht ihm heute schon deutlich besser, sagt er. Trotzdem: Alleine nachts in den Ausgang zu gehen, das traue er sich noch nicht. Zu gross sei die Rückfallgefahr. Ausserdem fällt es ihm schwer, wieder einen Job zu finden. Hauswart möchte er nicht mehr werden, er hat einen anderen Traum: Wenn er eine entsprechende Stelle findet, möchte er ein Bauernlehrjahr machen.

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